Mir ist Erbarmung widerfahren

Als vor 1965 die Ostdenkschrift der EKD sich offen zur deutschen Schuld bekannt hatte, antworteten die katholischen Bischöfe Polens: ‘Wir gewähren Vergebung und wir bitten um Vergebung’ Das sind Chancen, die aus christlicher Gesinnung kommen. Lange ist es her, aber immer noch gültig: Wo Menschen Schuld bekennen, können Menschen Vergebung gewähren und auch sich zu ihrer Schuld bekennen. Und aus dem gegenseitigen Bekenntnis kann Friede und Liebe wachsen. Von dieser Erfahrung, die er mit sich selber gemacht hat, berichtet der Apostel Paulus in unserem heutigen Predigttext:

[TEXT]

355,1-3 Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich

Mir ist Erbarmung widerfahren: wer kann heute mit diesem Satz etwas anfangen. Es ist zum aus der Kirche fortlaufen. So ein Satz, der von Sack und Asche erzählt und wenig konkret ist. Hauptsache gesenkten Hauptes – egal warum!

Paulus kann ihn so ähnlich sprechen – diesen Satz, weil er die Erfahrung gemacht hat, die sich in dem alten Wort Erbarmen widerspiegelt. Er ist mit voller Wucht gegen Gottes Willen angelaufen, hat die Gemeinde verfolgt, hat sein Ding gemacht – und ihn hat Gott berufen. Ihm hat sich Gott zugewandt, gegen alle Logik, gegen alle Urteile: Verfolger, auch gegen seine persönlichen Schwächen. Ihm hat sich Gott zugewandt und ihn berufen.

In ihm ist die Geschichte vom verlorenen Schaf in wieder anderer Weise lebendig geworden. Den, der ganz weit weg war, hat Gott gesucht, ist ihm hinterher gelaufen und hat ihn zurückgewonnen für die Gemeinschaft, die nicht unbedingt glücklich darüber war.

Ich stelle mir vor: So einer kommt in unsere Gemeinde, möchte sich einbringen. Ob wir den so fröhlich aufnehmen würden. Wahrscheinlich auch nicht. Verlorene Schafe werden von Gott gesucht und gefunden. Aber akzeptiert die Gemeinde Gottes das?

Paulus hat diese Erfahrungen ertragen, weil er sich berufen weiß, berufen von dem Herrn, der der Kirche seine frohe Botschaft geschenkt hat: Jesus Christus!

Wer will wirklich Gnade: Gnade macht klein, hilfsbedürftig. Sie ist etwas, für das man sich in unserem Alltagsgebrauch eigentlich schämen muss. Da hat jemand Gnade vor Recht ergehen lassen, meinen Fehler registriert aber mir huldvoll verziehen. Und hat mir damit gezeigt, wie hilfsbedürftig ich bin.

Aber genau die Erkenntnis dieser Hilfsbedürftigkeit kann mir helfen zu begreifen, wer ich bin, dass all mein Handeln die Welt nicht retten kann und nicht retten muss. Ich darf das Meine tun und darauf vertrauen, dass Gott seinen Segen drauf legt. Ich darf sogar Fehler machen. Nur nichts tun – das ist keine Lösung. Das Schlimmste sind die Menschen, die sich aus Allem heraushalten, die mit nichts etwas zu tun haben wollen – und wie die legendären Waldorf und Stattler aus der Muppet-Show auf ihrem Balkon sitzen und alles bissig kommentieren.

Die Geschichte, die Paulus von sich selber erzählt, liest sich wie ein Apothekenspiegel (früher): vorher – nachher. Das Entscheidende ist die Begegnung mit Jesus Christus. Durch sie wird er zum Prototyp (Autofans sagen: Erlkönig) des Christenmenschen. Er verliert sein Vorurteil und damit seine Sicherheit, neue Sicherheit wird ihm geschenkt, innere Sicherheit.

Seine Umkehr ist eine Umkehr zum Leben. Die Wendemarke (V. 15): Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten.

Wir dürfen befreit aufatmen – Depressionen hinter uns lassen und miteinander leben und einander helfen wirkliche Depressionen zu ertragen.

Wo wir von Jesus reden, erfahren wir diese Zuwendung. Sie ermöglicht uns Umkehr zum Leben. Wer diese Wende wirklich erfahren hat, kann auch politische und persönliche Wenden ertragen, um des Glaubens willen, Paulus geißelt sich selber im Rückblick, aber was er getan hat, hat er aus tiefster Gewissensüberzeugung getan. Um so härter, dass er nun vor sich selber durchgefallen ist. So kann’s gehen. Man macht alles richtig und macht doch alles falsch. Aus vielerlei Gesprächen weiß ich, wie gut es tun kann, das vor sich und anderen einzugestehen.

355,1-3 Mir ist Erbarmung widerfahren, Erbarmung, deren ich

Vielleicht kann ich in meinem Leben doch noch begreifen, wie wichtig es ist, dass Menschen mit mir Erbarmen haben, dass ich Gnade finde, weil ich oft genug nicht überschaue welche Folgen mein Handeln für andere hat. Dann kann es mir vielleicht genauso gehen wie den Bischöfen von Polen, dass ich Gnade gewähre und um Gnade bitte, auch dort, wo ich mir keiner Verfehlung bewusst bin, weil ich weiß, dass nur aus Gnade gute Gemeinschaft entsteht.

Das Wort Sünde leitet sich von Sund ab, also einem tiefen Wassergraben, der uns von Gott trennt. Sünde ist also kein konkretes Tun, sondern alles, was uns von Gott trennt, all diese Dinge, die uns davon fernhalten, Zeit für Gott uns seinen Willen zu haben, Kraft zu haben für die Menschen, die Gott uns sendet. Sünde ist ein tiefer Graben. Die Brücke darüber ist die Liebe Gottes und die Gnade, mit der er sich immer wieder neu auf die Suche macht, um uns zu finden.

Als Christinnen und Christen sind wir ausgestattet mit der Freiheit zum Leben in seiner Widersprüchlichkeit, aber auch mit der Freiheit der Umkehr zum Leben. Und mit der Freiheit uns finden zu lassen – immer wieder.

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