Erwartungsvoll beiandersein

Pfingsten nicht nur in der Uckermark – freundliche, frühlingshafte oder gar vorsommerliche Tage im Mai oder im Juni. Nicht nur die Natur blüht auf, auch die Menschen genießen nach den dunklen,kalten endlich zurückliegenden Monaten die Sonnenstrahlen und das neu erwachte Leben der Natur. Die Fahrräder sind geputzt und die Radwege werden im Sturm erobert.
Pfingsten in Berlin. Seit Jahren schon findet über Pfingsten der Karneval der Kulturen statt. Zehntausende feiern ausgelassen auf den Straßen in der Mitte Berlins ein buntes Fest. Hier mag man nicht so sehr den rheinischen Straßenkarneval, dafür aber das bunte Multikultitreiben über die Pfingsttage. Das ist Berlin! Wer es kennenlernen möchte, muss gerade in diesen Tagen in die Stadt pilgern. Wer sehen will, wie verschiedene Kulturen miteinander leben und feiern können, ist hier genau richtig.
Pfingsten in Jerusalem. 50 Tage sind seit Ostern vergangen. Beim Abschied hat Jesus seinen Jüngern die ganze Welt ans Herz und unter die Füße gelegt. Alles, was sie mit ihm erlebt, was sie von ihm gehört und gelernt haben, sollen sie den Menschen weitersagen. Er selbst ist gegangen, besser: von ihnen genommen worden, aber seinen Geist wollte er senden. Ein Feuer in ihnen anzünden, eine Begeisterung wecken, die man nicht selber machen kann.
Wir kennen das: wir möchten glauben, wir möchten Glauben weitergeben, andere anstacheln, unsere Kinder und Enkelkinder einladen. Wir versuchen ihnen, unseren Glauben vorzuleben und doch passiert es, dass sie sich abwenden oder ihnen gleichgültig ist, was uns so kostbar erscheint.
Die Begeisterung, die ein Leben lang trägt, kann ich nicht erziehen, lehren, produzieren. Begeisterung, die aus unseren Bemühungen kommt, Begeisterung in der Masse, auf Festivals, im Rausch, verpufft im Alltag ganz schnell.
Die Welt können die Jünger nicht allein erobern.
Fischern und kleinen Leuten ist das gewandte Reden dazu überhaupt nicht in die Wiege gelegt. Sie sind mehr praktisch orientiert.
Auch das ist uns wahrscheinlich nur allzu vertraut.
Und so warten die Jünger. Sie warten auf eine Begeisterung, die sie von Gott her ergreift und erfüllt und bis an den Rand der Welt schwemmt.
Sie warten auf eine Begeisterung, die sie so erfüllt, dass sie buchstäblich überlaufen und andere anstecken.
Sie sind beisammen, sie sitzen beieinander. Aber sie machen keine Sitzung.
Und da fängt der Unterschied an.
Der Auftrag ist ja gleich geblieben, bei jeder Taufe hören wir ihn neu: gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern.
Heute geht die Bewegung in die andere Richtung. Den großen Kirchen laufen die Mitglieder weg und die Kirche eilt nicht einmal hinterher.
Die Jungen unter dreißig oder vierzig sind in der Minderheit, darüber kann auch die erfreuliche Zahl von 18 Konfirmanden in diesem Jahr, von denen immerhin 13 auch aus Templin stammten, nicht hinwegtäuschen. Von der demographischen Entwicklung will ich gar nicht reden. Da steht genügend in der Zeitung und es werden Zustände wie nach dem dreißigjährigen Krieg prognostiziert.
Die Kirche reagiert. Da sind dann auch Menschen beieinander und sitzen beieinander. Aber sie machen eine Sitzung. Sie haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die eine Evaluation, eine Bestandsaufnahme macht. Sie bilden einen Arbeitskreis, der sich Gedanken über eine Reform macht. Papiere werden geschrieben, wie die Kirche gegen den Trend wachsen kann, Perspektiven sollen mit einem Perspektivprogramm aufgezeigt werden. Ziele bis zum Jahr 2020 oder 2030 werden formuliert: Der Gottesdienstbesuch soll auf bis zu 10 % aller Gemeindeglieder gesteigert werden . Alle Kinder evangelischer Eltern sollen getauft werden. Evangelische Schulen sollen sich gründen, der Religionsuntericht gestärkt werden. Alles begrüßenswerte Vorhaben und richtige Überlegungen. Nur mit einer Strategie und einem Perspektivpapier habe ich noch keine Menschenseele bekehrt und überzeugt.
Beratungen und Überlegungen sind wichtig. Ich gehöre selber genügend solcher Gremien an, wo Menschen sich aufrichtig und ernsthaft um den Weg unserer Kirche Gedanken machen.
Aber manchmal sollten wir auf unsere Vorfahren, auf unsere Väter und Mütter im Glauben achten.
Pfingsten in Jerusalem: die Jünger bleiben an einem Ort beieinander.
Sie werden erzählt haben von den Tagen mit Jesus, Geschichten, wie sie sie schon unzählige Male erzählt haben. Sie werden gelacht und ernst und nachdenklich innegehalten haben. Sie werden gebetet haben und sie haben, so die Apostelgeschichte: sie haben gewartet.
Sie waren erwartungsvoll.
Ich will ja keinem zu nahe treten, aber ist das womöglich schon der entscheidende Unterschied: wir erwarten nichts mehr.
Wir glauben ja letztlich nicht an die selbstgesteckten Ziele. Wir finden uns mit den Veränderungen ab und versuchen sie lediglich zu begleiten.
Ja, aber warum nicht erwarten, dass sich unsere Kirchen wieder füllen mit Menschen, die schöne Gottesdienste feiern wollen? Warum nicht sich darauf freuen, dass alle evangelische Eltern ihre Kinder zur Taufe begleiten? Warum nicht erwarten, dass sich Menschen für den Glauben begeistern lassen?
Wer auf Kirchentagen oder bei den Treffen in Taize genau hinschaut, kann entdecken, dass es begeisterungsfähige junge Leute auch unter uns gibt.
Ich möchte sie einladen, erwartungsvoll zu sein, erwartungsvoll zu beten und zu hoffen und zu glauben.
Dann kann das Pfingstwunder geschehen.
Pfingsten in Jerusalem: ein Brausen vom Himmel herab erfüllt, das ganze Haus, ein Sturmwind bläst, bringt neuen Schwung, erfüllte Herzen, die gar nicht aufhören können, zu erzählen und zwar allen, ob sie es hören wollen oder nicht.
Eben waren sie noch in einem Haus beisammen und warteten und mit einem Mal sind sie draußen unter den Menschen und sie müssen gar nicht bis an die Enden der Welt wandern, weil die Welt gerade in Jerusalem versammelt ist.
Der Geist Gottes, der wie ein frischer Sturmwind alles durcheinander wirbelt, lässt die Jünger also nicht in ihren vertrauten Mauern, sondern stellt sie auf die Marktplätze und Straßen, eben dahin, wo die Menschen leben, arbeiten, verweilen oder feiern.
Wir sind heute auch beieinander in unseren vertrauten Mauern der Maria-Magdalenen-Kirche und feiern festlich Gottesdienst. Wir bitten mit Liedern und gebeten inniglich um Gottes Geist und warten, dass Menschen zu uns kommen.
Wir öffnen unsere Türen und manchmal schaut auch einer herein. Unter der Woche bei der offenen Kirche,manchmal auch am Sonntag, wenn wir Gottesdienst feiern, meist ganz vorsichtig und schüchtern, manchmal setzt sich auch einer oder eine hin.
Aber meist bleiben wir unter uns in unseren Mauern.
Der Geist Gottes lässt die Mauern verschwinden und stellt mitten unter die Menschen.
Pfingsten für Templin – das heißt in diesem Jahr: hinaus mit uns in die Stadt, auf den Marktplatz und an die Orte, an denen gefeiert wird.
Und liebe Gemeinde, ganz erwartungsvoll kann ich sagen, dass es so sein wird. Am 13.Juni auf dem Waldhoffest, wie es guter alter Brauch ist und genau eine Woche später auf dem Marktplatz Denn erstmals feiern die Kirchen in Templin als ihren Beitrag zum Stadtfest einen ökumenischen Gottesdienst ganz im Zeichen des biblischen Auftrages: Suchet der Stadt Bestes.
Und stehenbleiben und mitfeiern, reinschnuppern und zuhören ist ausdrücklich erwünscht. Und wenn es gut geht und wenn Gott seinen guten Geist auch unter uns wehen lässt, dann werden sich die Menschen wundern, uns in ihren Sprachen reden zu hören.
Das ist Pfingsten und das ist nicht zuviel erwartet.
Es muss nicht gleich ein Brausen und ein Sturmwind und ein Feuer sein. Aber ein Brennen im Herzen und Begeisterung für den Glauben und für Jesus Christus mitten unter uns wünsche ich uns und dürfen wir miteinander teilen. Amen

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