Viele Gaben – ein Geist!

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Der Predigttext für den Pfingstmontag steht im ersten Brief des Paulus an die Korinther, im 12. Kapitel (4-11):
……….

Gott, gib uns deinen Heiligen Geist, damit wir dich hören und verstehen. Amen.
Liebe Gemeinde,

„Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist…“

Genau so ist es! Wer will da widersprechen? – Gottes Geist schenkt viele unterschiedliche Gaben. – Jeder kann etwas – keiner kann nichts. – Alle diese Gaben sind wichtig, werden gebraucht. Gerade innerhalb einer Gemeinde. Dabei geht es allerdings nicht immer neidlos ab.

Ich finde es beinahe tröstlich zu lesen, dass die junge Gemeinde in Korinth, an die der Apostel Paulus seine beiden Briefe schreibt, es auch nicht leicht miteinander gehabt zu haben scheint. Es muss dort einen regelrechten „Gabenwettstreit“ gegeben haben. Es sieht so aus, als hätte jeder beweisen wollen, dass in ihm und durch ihn der Geist nun ganz besonders stark wirkt.

Darüber scheint in dieser Gemeinde das geschwisterliche Miteinander gelitten zu haben. Das ist jedenfalls aus den eindringlichen Ermahnungen zur Einheit zu schließen, die wir besonders in den Korinther-Briefen finden. In diesem Zusammenhang steht auch die Rede über die verschiedenen Gaben. Schauen wir einmal hin, was Paulus über die Gaben sagt – vielleicht wirft das auch ein Licht auf unsere eigene Gemeinde.

Zuallererst sagt er: alle Gaben sind gleichwertig!
Einige Kapitel vor unserem Predigttext drückt Paulus es in erfrischender Offenheit aus: „Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären, wie ich bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“ (1. Kor 7,7)

Das besagt doch:
Du bist nicht, wie ich dich haben will. Du musst es auch nicht sein. Denn du bist, wie Gott dich gemacht hat. Du bist, was du bist, durch das, was Gott dir geschenkt oder auferlegt hat. Wer bin ich, zu bestimmen, wie Gott dich hätte machen sollen?
Genau genommen sagt Paulus damit: Der Andere ist ja im Grunde nicht anders als ich – und genau deshalb ganz anders als ich. Und gerade deshalb sind wir und unsere Gaben, die wir erhalten haben, gleichwertig.

Weiter sagt Paulus:
„In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller.“
Die Gaben kommen also zusammen. Gott scheint sich etwas dabei gedacht zu haben, als er uns so unterschiedlich gemacht hat. Wie schlimm wäre es, wenn alles von einem Menschen allein abhinge. Dann müsste der Eine ja alles können. Das geht nun auch nicht. Insofern liegt eine große Portion göttlicher Weisheit darin, dass wir so unterschiedlich gemacht sind.

Wir müssen es nur so sehen, dass eines das andere nicht ausschließt, sondern sich alles ergänzt. Dass wir die Gaben des Anderen nicht neiden, sondern uns an ihnen freuen und sie als Bereicherung erfahren. Ich möchte dies an einigen Beispielen verdeutlichen:

– Es ist doch eine schöne Gabe, wenn sich eine Kirchenvorsteherin so sichtlich leicht damit tut, eine geistliche Ansprache im Konfirmationsgottesdienst an die gerade konfirmierten jungen Leute zu richten.
– Es ist doch für alle erbaulich, wenn jemand mit musikalischem Talent im Chor mitsingt.
– Wenn die ehrenamtliche Mitarbeiterin, die den sprichwörtlichen „grünen Daumen“ hat den Kirchgarten gestaltet, kann sich die gesamte Gemeinde daran erfreuen.
– Und wenn der Pensionär, der sich mit Sachverstand um die Bauangelegenheiten kümmert, der Pfarrerin dadurch den Rücken freihält, profitiert die Gemeinde gleichermaßen davon.

Da braucht doch keiner auf den anderen neidisch zu sein. Und dennoch ist es oftmals so. Bei dem Einen sind solche Neid- und Konkurrenzgedanken schwächer ausgeprägt, ein Anderer hat deswegen große Probleme mit seinem Selbstwertgefühl. Er leidet daran bis hin zu schlaflosen Nächten und Depressionen. Für die schweren Fälle können wir beten und sie dem Heiligen Geist anbefehlen. An den alltäglichen Anflügen von Neid und Konkurrenzdenken können, ja müssen wir sogar arbeiten.

Ist es nicht besser und für den Aufbau der Gemeinde Gottes sinnvoller, wenn jeder sich auf das konzentriert, was er oder sie kann? So wird keine Gabe vergeudet und es entsteht Vielfalt. Dadurch werden viele Menschen angesprochen und viele können sehen und staunen, wie der Geist Gottes unter seinen Leuten wirkt. Und außerdem dient die entstehende Vielfalt auch am Besten der Ehre Gottes.

Und noch etwas wird deutlich: Gott schenkt seine Geistgaben nicht dem Einzelnen allein – Gott hat immer seine Gemeinde im Blick. Wenn jeder nur versucht, seine Fähigkeiten vor die Menschen zu bringen, dass sie ihm Hochachtung zollen und sagen: „Wow, was du alles kannst…!“, dann ist das zwar gut und wichtig für das Selbstwertgefühl, bringt aber die Gemeinde auch nicht weiter. Setzt sich einer allerdings mit seiner Gabe für alle ein, dann gibt er zwar persönliche Anerkennung ab, die Gemeinde aber gewinnt an Ansehen und wirbt so unübersehbar für Gottes gute Sache.
– Gaben machen uns gegenseitig reich.

Schließlich ist es bemerkenswert, dass Paulus überhaupt das Wort Gaben benutzt, um die Unterschiedlichkeit und Gleichwertigkeit unter den Christen auszudrücken. In seiner Sprache steht dafür das Wort Charisma. Das kennen wir auch als Fremdwort in der deutschen Sprache. Landläufig meinen wir damit: Jemand hat eine besondere Ausstrahlung. Er hat Charisma.

Das Wort hat in seinem Ursprung eine Doppelbedeutung:

– Zum Einen bedeutet es Gnade. Wenn Gaben Gnaden-Gaben sind heißt das, sie sind geschenkt – nicht verdient. Jemand, der begabt ist, ist begnadet. Meistens sagen wir das nur von Menschen mit herausstechenden Begabungen: „Sie ist eine begnadete Organistin.“ Oder: „Er ist ein begnadeter Redner.“
Gnade ist aber allen widerfahren, auch wenn manche Talente unauffälliger daher kommen. Jeder Mensch ist ein begnadeter Mensch, wirklich jeder!
– Zum Anderen klingt bei diesem Wort auch die andere Bedeutung, nämlich Schönheit und Anmut an.
Gaben machen schön. Wer von Gott begnadet ist, ist von ihm her schön gemacht, jeder einzelne von uns.

„Und dies alles wirkt derselbe eine Geist,“ schreibt Paulus weiter.
Im Deutschen haben wir es ein wenig schwer mit dem Wort Geist. Vielleicht denken wir gar an ein Gespenst oder ausschließlich an Verstand. In den biblischen Sprachen bedeutet Geist aber Atem.
„Als Gott dem ersten Menschen seinen Atem einhauchte, ward der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (1. Mose 2,7)

Der Geist ist das, was der toten Materie Leben gibt. Geist ist Leben. Gottes Geist wirkt und verleiht uns unsere körperliche und seelische Lebendigkeit. An Pfingsten feiern wir unsere Begeisterung, dass
wir alle Anteil haben an diesem einen Geist, mit den Begabungen, die er einem jeden Einzelnen von uns schenkt.

Noch einmal: Jede und jeder hat Begabungen. Sie sind von Gott geschenkt als Wirkung des Geistes Gottes, und sie sollen der Gemeinde nützen. Daran zu erinnern hat gerade heute an Pfingsten sein Recht:

– An Pfingsten wird das von Jesus angekündigte Kommen des Heiligen Geistes und der Abschluss der Osterzeit gefeiert. Die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte (Apg 2, 1-41) gilt als Gründungsbericht der ersten christlichen Gemeinde und somit auch als Ursprung der heutigen Kirche. Die Jünger sahen etwas wie züngelndes Feuer, das sich auf sie niederließ: der Heilige Geist hatte sie erfüllt das heißt, sie erhielten den lebendigen Glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, dass Jesus heute lebt und regiert. Der Heilige Geist gab ihnen die Fähigkeit, sich in fremden Sprachen zu verständigen. Sodass aus dem gemeinsamen Verstehen und dem gemeinsamen Glauben eine Gemeinschaft in Christus wurde.

– Pfingsten ist auch die Erinnerung daran, dass die unterschiedlichen Begabungen, die ein Jeder empfangen hat, nicht nur zum Selbstzweck verliehen wurden, sondern damit ein Dienstauftrag, ein Nutzen für alle verbunden ist. Damit kann Gemeinde erst wirklich entstehen.

Hier in dieser Kirche sitzen lauter einzigartig begabte und begnadete Menschen – und alle vereint durch ein und denselben Geist, der uns zur Familie Gottes macht. Ich wünsche unserer Kirchengemeinde, dass wir dieses Geschenk nutzen. Denn nur so können wir lebendige Gemeinde hier an diesem Ort sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre darum unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus. Amen.

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