Bewegung

Besonders Strophe 7 verrät etwas über die Wirklichkeit: lasst uns beten, dass der Heilige Geist uns ein Pfingsten bereitet, weil wir selbst zu wenig von Pfingsten wissen. Es sind ja nicht nur die 2/3 der Bevölkerung, die Umfragen zu Folge überhaupt nicht wissen, was an Pfingsten gefeiert wird. Es sind auch wir, die mit der Wirklichkeit des Heiligen Geist so erschreckend wenig anzufangen wissen. Das ist alles so theoretisch, so weit weg, dass wir nur beten können, dass wir wenigstens ein wenig verstehen von dem, was wir da feiern. Die Geschichte von Pfingsten allein ist einfach zu wunderbar – und trotzdem schön:

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Viele ungelöste Fragen zum Thema: was ist da eigentlich passiert. Es bleibt im Dunkel – unerklärbar!

Pfingsten ist, wenn Parther und Meder und Elamiter aufgezählt werden, die ganze Litanei, die mich schon als Jugendlichen beeindruckt hat. Die signalisiert: Die ganze Welt soll es erfahren, was da passiert ist. Mag sein, dass manches hier legendenhaft wie in der Weihnachtsgeschichte ist, aber es ist schön. Gottes Geist braust in die Weltgeschichte und bewirkt erst einmal das: Menschen verstehen sich. Der erste ökumenische Kirchentag quasi: Wer solche Atmosphäre erst einmal erlebt hat, wo Menschen sich verstehen, trotz aller Gegensätze, weil sie wissen: es ist ein Geist, der uns eint. Es ist nicht Werk der Menschen – die stellen sich dem Wirken des Geistes zur Verfügung.

Verständnis für die Spötter gehört für mich zum Verständnis dieses Textes. Wer sich nicht auf die Ebene der Spötter begibt, versteht den Text nicht. Was erleben sie. Ein großes Fest im Frühsommer und da treten vormittags um 9 Uhr plötzlich einige Gestalten, heruntergekommene Fischer auf den Platz und reden in verschiedenen Sprachen durcheinander – wirres Zeug. Das Urteil ist dann doch bei uns schnell fertig – vielleicht nicht ganz so drastisch: ‚Von Süßwein sind sie vollgelaufen’ – so die wörtliche Übersetzung. Besoffen, reden wirres Zeug. So was gehört wohl zu einem Fest dazu. Petrus tut die Spötter nicht ab. Er nimmt sie ernst er redet und argumentiert mit ihnen. Für ihn gibt es Menschen nicht, die verloren sind, sondern nur Menschen, denen er das Evangelium anbieten will. Und das tut er auch, wenn sie ihn verspotten. Pfingsten kann dann werden, wo wir uns nicht beleidigt hinter die Mauern zurückziehen, nur weil spöttische Leserbriefe geschrieben werden, Pfingsten wird dort, wo wir das Evangelium auch gegen allen Spott verkünden.

Manchmal meinen wir, Petrus müsste geschmettert haben, aber vielleicht hat er auch stotternd zögernd hilflos gesprochen, aber seine Botschaft kam an bei den Menschen. Sie spürten: Da ist jemand überzeugt von dem, was er sagt.

Pfingsten ist für Lukas der entscheidende Wendepunkt: aus Jüngern werden Missionare. Es entsteht Gemeinde, die lebt aus der Tradition der wunderbaren Taten Gottes. Das schafft erst einmal Unverständnis – Verdrängung: besoffen!

Das Sprachenwunder ist vielleicht nicht das eigentliche Wunder. Vielleicht sollte man sich auch einmal um das Wunder kümmern, dass da einige wie besoffen von Jesus Christus erzähle und viele lassen sich taufen, dass einfache Fischer von den großen Taten Gottes erzählen und alle hören zu.

Das Pfingstwunder kann uns Mut machen, zu erzählen, was uns bewegt, in aller Unbeholfenheit von unserem (vielleicht schwachen) Glauben zu erzählen – in der Hoffnung, der Heiligen Geist wird das Seine dazu tun.

Jeder vom Geist erfüllte hat die Vollmacht und das Recht, Gericht und Rettung anzusagen. Der Geist ist demokratisch. Er setzt sich auf Jede. Das Ziel von Pfingsten ist nicht die einheitliche Rede, sondern die Rede von den ‚großen Taten’ Gottes. Das Ziel ist nicht die dogmatische Rede mit einer Sprache, aber das gemeinsame Zeugnis von Jesus Christus als Heiland und Retter. Insofern bleibe ich dabei: Jenes Pfingstfest in Jerusalem war der erste ökumenische Kirchentag. Später haben christliche Glaubensrichtungen immer wieder um Postionen gerungen, aber sie blieben eins darin, dass das Evangelium zu predigen sei – Allen.

Kirche versucht Menschen zu erreichen – über old-fashioned Gottesdienste, über politische Nachtgebete, Andachten, Bibelarbeiten, Jugendgottesdienste und andere Aktionen wie Wort zum Gottesdienst oder Zwischenrufe im Radio, Internet Andachten und Seelsorge. Auf allen Weisen soll das Evangelium zu den Menschen kommen, so dass viele schon klagen über Kirche, die jedem Trend hinterherläuft. Es gibt warnende Stimmen, die davor warnen, den klassischen Gottesdienst mit Liturgie in Gefahr zu bringen. Trotzdem hören die immer neuen Versuche nicht auf. Einer der neueren Versuche, die sich in größeren Gemeinde etablieren ist die so genannte Thomas-Messe, ein Gottesdienst-Angebot für Menschen, die der Kirche eher fern stehen, wie der Thomas aus der Ostergeschichte eine besondere Zuwendung brauchen, um glauben zu können.

Über Andere sich lustig machen tun wir heute noch: In Fußballstadien wird doch nur gegrölt, sagt einer und ist schnell fertig mit den Fans, die nicht mal richtig singen können. Kirchentag, Zeltmission, alles Massenphänomenen – und weg.

Ablästern tu ich immer gerne, aber hinschauen, was wirklich passiert, das ist eine andere Sache.

Von Pfingsten her kommt kein Gebot der einheitlichen Weltsprache oder der einheitlichen Sprachregelungen, sondern ein Auftrag zum Reden und Hören von den großen Taten Gottes in sehr unterschiedlichen Lauten. Ein Ziel einer Kirche, die wirklich pfingstlich ist, muss also die Vielsprachigkeit sein.

Christus ist unter uns gegenwärtig: Das ist der Zielpunkt des Textes.

Pfingsten ist immer dann, wenn Menschen sich vom Geist ergreifen lassen. Pfingsten ist Bewegung! Eine Bewegung die davon erzählt: Christus ist gegenwärtig – mitten unter uns.

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