Mach in mir deinem Geiste Raum

Ein Blick ganz tief ins Herz hinein.
Wir sind Augen- und Ohrenzeugen einer Sache, die uns eigentlich ganz privat und intim anmutet. Wir belauschen ein inniges Gespräch eines Menschen, der uns eigentlich unbekannt ist, dessen Gesicht und dessen Geschichte wir nicht kennen, mit Gott.
Er schreibt unter dem Namen des Apostels Paulus, ist es aber nicht.
Er bedient sich eines Namens, auf den gehört wird, weil er sich hörbar machen möchte.
Er spricht zu seinen Lesern und über die Zeiten hinweg auch zu uns als seinen Hörern und ist doch eigentlich ganz tief versunken ins sein Gespräch mit Gott.
Er findet Worte, die klingen. Sie haben eine eigene Melodie, eine Tiefe und Strahlkraft, die uns fremd sind.
Es ist die Sprache einer im besten Sinne frommen Seele.
Lange Zeit haben wir fromme Menschen argwöhnisch betrachtet.
Das ist so gar nicht unsere Mentalität. Wir sind zu Hause in einer, wie Hans Ulrich Schulz nicht müde wurde zu betonen, religiös gemäßigten Zone. Viele, vielleicht sogar die meisten unserer Zeitgenossen haben mittlerweile vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Daran ändern auch stimmungsvolle Kirchentagsbilder wenig.
Und das ist, so ist uns auf der letzten Mitarbeiterrüste endgültig klar geworden, kein Phänomen unserer Tage, sondern geht über die Jahrhunderte zurück in die Zeit, als unsere Vorfahren Christen wurden – nicht weil ihre Herzen sich bekehrten, sondern die Stammesfürsten aus welchen Gründen auch immer sich taufen ließen. Seitdem sind die Untertanen das , was die Obrigkeit ihnen vorgab. Das war im Mittelalter, in der Reformationszeit und in der jüngeren Vergangenheit so. Wenn wir von Glauben reden, dann fällt uns weniger die Geistesstärke des inwendigen Menschen, Christus und die Gottesfülle im Herzen oder eine Ahnung, ein Gefühl von der Höhe, Breite, Tiefe und Länge der Gottheit ein.
Glaube ist für uns eine intellektuelle Angelegenheit. Er muss den Fragen unserer Kritiker stand halten. Er muss redlich sein
Glaube ist gerade in den letzten Monaten eine moralische Angelegenheit. Er muss mit dem Leben in Übereinstimmung stehen sowohl im Leben einer über rote Ampeln fahrenden Ratsvorsitzenden als auch im Leben eines Priesters oder Bischofs.
Nichts diskreditiert den Glauben mehr als Unglaubwürdigkeit. Da bedeuten auch Konfessionsgrenzen überhaupt nichts
Und Glaube ist für uns eine Angelegenheit für Notsituationen, also wenn Not und menschliches Elend beten lehren.
„Herr Pfarrer, die Kirche läuft nicht davon. Zur Not wissen wir, wo sie steht, und dann kommen wir.“ So charmant haben es einmal treue Kirchenmitglieder auf den Punkt gebracht.
So gestrickt werden wir nun auf einmal mit hineingenommen in ein inniges, intensives Gebet. So nüchtern treffen wir auf eine leidenschaftlich fromme Seele, die die Knie vor dem himmlischen Vater aller Dinge beugt.
Gebetsgesten sprechen für sich. Mit Konfirmanden fühle ich ihnen immer nach. Gebeugte Knie machen den Unterschied deutlich. Ich bin Mensch und rede mit Gott, der so ganz anders, so unendlich groß und über allem und in allem ist.
So beuge ich mich tief, um Gottes Größe an zu erkennen, um Gott Gott sein zu lassen. Aber auch Gott beugt sich tief zu mir herab, begegnet mir in der Person Jesu Christi auf Augenhöhe, damit ich Mut fasse, mich mit meinem Gebet an ihn zu wenden.
Es ist kein Zeichen von Stärke immer alles allein bewerkstelligen zu wollen oder auch zu können. Es ist ein Zeichen von Stärke, auch einmal anzuerkennen, dass meine Hände leer sind und nur Gott sie füllen kann.
Es ist kein Zeichen von Schwäche im Knien zu beten. Es ist eine logische Konsequenz der frommen Seele.
Der Beter, dem wir heute lauschen, macht etwas ganz erstaunliches. Er bleibt bei seinem Gebet nicht bei sich.
Ich glaube, dass ist unsere größte Versuchung, bei allem Beten doch letztlich nur um uns zu kreisen.
Der Beter sagt nur ein einziges mal: ich – „Ich beuge meine Knie“.
Ansonsten sagt er immer : er – ihr – euch !
Er nimmt seine Gemeinde buchstäblich ins Gebet.
Er trägt jeden einzelnen aus der Christenschar in Ephesus zu Gottes Ohr, an Gottes Herz, beinahe so, als könnte er den Glauben der Epheser stark und fest beten, als könnte er im Herzen der Menschen mit der Kraft und der Leidenschaft seines Gebetes Gott groß machen.
Und wahrscheinlich ist das auch so.
Der Glaube ist immer unverfügbares Geschenk.
Er bedarf zwar der Unterweisung, der Belehrung, des Gespräches. Aber das allein macht es nicht.
Er braucht aber vor allem den Anstoß Gottes: seinen Geist, seine Kraft, damit ich überhaupt erst eine Ahnung bekomme, was die Liebe Gottes bedeutet, welche Veränderung der Lauf der Welt durch den Weg und das Leben Jesu erfahren hat.
Manche möchten glauben, aber es gelingt ihnen nicht.
Es braucht den Anstoß Gottes und es braucht allem Anschein nach auch das eindringliche, nachdrückliche Gebet für jeden einzelnen und für die Gemeinden. Eine missionarische Kirche muss dann also vor allem eine betende Kirche sein, eine die nicht aufhört, Gott mit ihrer Sehnsucht nach den Menschen, mit denen wir leben, wieder und wieder in den Ohren zu liegen .
Worum aber bittet, nennen wir ihn ruhig, wie er sich selber nennt: Paulus? Ich entdecke drei Bitten:
Zunächst erbittet er, dass die Epheser – und heute sind wir alle Epheser – stark werden am inwendigen Menschen. Der Zeitgeist würde sich um den äußeren Menschensorgen. Heute zählen vor allem äußere Werte und äußerliche Schönheit auf dem Laufsteg der Eitelkeiten. Leben ist vielfach Inszenierung und Außendarstellung. Betriebsunfälle, wie Krankheit, Behinderung, Alter und Tod sind eigentlich nicht vorgesehen.
Paulus ist an der Pflege des inneren Menschen,ich nenne ihn einmal "die fromme Seele", gelegen.
Wir müssen uns auch um den inneren Menschen kümmern, auf unsere Seele achten, auf sie hören, ihr Ruhe und Zeit gönnen.
Es tut gut, sie zu öffnen für das, was ihr begegnet; sich Zeiten der Stille zu nehmen,dem Leben wieder nachzuspüren, wahrzunehmen, was mich umgibt und trägt. Dann ist der Raum da, dann werde ich offen und wie zu einem Gefäß, das Gottes Geist füllen kann, um stark im Leben und für das Leben zu werden.
Gebet, Meditation, all das, was man heute unter Spiritualität versteht, ist nicht anderes, als dass ich mich öffne, damit Gottes Geist und Gottes Kraft in mir wurzeln kann.
Nur so kann wahr werden, was Paulus als zweites erbittet: dass Menschen die Liebe Christi erkennen.
Liebe kann man nicht erklären, man kann sie auch nicht beweisen. Ich kann Großzügigkeit im Leben Jesu nachweisen, an seinem Verhalten plausibel machen, aber dass dies wirklich von Liebe getragen ist, die jedem und jeder zu allen Zeiten und allen Orten gilt, dass muss ich erfahren, spüren und zulassen. Aber auch dafür muss ich offen sein. Wer der Liebe nicht mehr traut, weil er enttäuscht wurde, wer sich verschließt, um nicht noch einmal enttäuscht zu werden, der wird die Liebe nicht erfahren.
Paulus aber, und das ist seine zeitlose dritte Bitte, wünscht sich, dass alle erfüllt werden von der ganzen Gottesfülle, dass Gott in uns nicht nur eine Nebensache ganz am Rande ist, sondern uns erfüllt mit der ganzen Liebe, in seiner ganzen Höhe und Breite, Tiefe und Länge.
Es mag sein, dass uns das fremd anmutet. Aber Paulus betet auch für uns: dass Gottes Geist in uns Raum findet, uns stark im Leben und Glauben macht, dass wir der Liebe Christ trauen, auch wenn unser Leben anderes zu erzählen scheint, damit Gott unser Leben reich macht und ausfüllt. Lassen wir uns tragen von diesem Gebet und öffnen wir unsere Herzen für Gottes Geistesfülle. Sie will uns reich machen und in ihr liegt die Chance einer tiefer Lebenszufriedenheit. Amen

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