Vater-Tag

Liebe Gemeinde,

meine Söhne, soweit sie schon schreiben und basteln können, haben mir heute eine Karte zum „Vatertag“ geschenkt, genauso wie sie meiner Frau an Sonntag Rogate, also am letzten Sonntag, eine gebastelte Blume zum „Muttertag“ geschenkt haben.

Nun, liebe Gemeinde, Sie können sich denken, dass das Aufwachsen im Pfarrhaus nicht immer eine leichte Sache ist, denn natürlich kann es der so geehrte Vater, also ich, nicht lassen, meine Kinder darauf hinzuweisen, welches Fest wir heute begehen: wir feiern heute Christi Himmelfahrt. So scheinen die Traditionen auseinander zu laufen und selbst, wenn man bedenkt, dass der Vatertag eine ganz und gar neuzeitliche Erfindung ist – natürlich aus den USA, wo sie diesen Tag dann allerdings zu einem eigenen Feiertag gemacht haben: am 3. Juni-Sonntag eines jeden Jahres; selbst wenn man das weiß, ist man doch erstaunt, wie wenig sich diese beiden Dinge im Kopf zusammen bringen lassen. Überlegen Sie mal, in welchem Umfeld sie am meisten welchen Tag begehen, welchen Tag Sie am ehesten ansprechen? Vatertag, so macht es bei uns der Sportverein (mit Bier und Würstchen), oder feiern Sie die Himmelfahrt des Herrn. Ich freue mich sehr, dass wir heute auch dieses Bergfest wieder mit einem ökumenischen Gottesdienst beginnen können, so dass ein Marker gesetzt ist, um was es geht. Dass nachher – außer der Regen schwemmt sie fort – auch die Vatertag`ler mit ihrem Leiterwagen hierher kommen, wie die letzten Jahre, ist ja dabei überhaupt kein Schade.

So will ich Ihnen eine Eselsbrücke geben für den heutigen Festtag, die Ihnen erlauben soll, das eine Wort mit dem anderen Inhalt zu denken.

Zunächst aber hören wir das Predigtwort für den heutigen Feiertag aus der Apostelgeschichte im ersten Kapitel, aus den Versen drei bis elf:

[TEXT]

In den letzten drei Worten, liebe Gemeinde, kommt der Name unseres Tages vor: gen „Himmel fahren“ – die Himmelfahrt also. Darum geht es vordergründig – die Auffahrt Jesu in den Himmel. Darum ist es eine so schöne Tradition, die Gottesdienste im Freien zu begehen: man kann den Himmel sehen, zumindest in der Regel. (Wenn das Wetter freilich so ist, wie es heute ist, dann ist es auch gut, ein Zelt über dem Kopf zu haben.) Man geht aus seiner gewohnten Kirche heraus, die gut und sinnvoll mit vielen Traditionen gefüllt ist und richtet seinen Blick auf den Himmel, in der Erwartung, dass unser Heil nicht von dieser Welt ist. Und wenn Sie das heute einmal ganz wörtlich bedenken, dann ist es fast schon ein Zeichen: Christen aus mehreren Gemeinden sind heute verabredet hier: römisch-katholische und evangelisch-lutherische, über ihre Grenzen hinweg, für einen Augenblick mal vergessend, was uns leider alles noch trennt, aber heute im Gottesdienst im Freien zusammen, um auf diesen Himmel zu blicken, der uns das Heil verspricht. Wenn Sie einmal in Jerusalem sein können, dann gehen Sie dort in die sogenannte Himmelfahrtskapelle und Sie werden finden: ein kleines Kirchlein mit einem Loch in der Decke, wie als Zeichen: mauert Euch nicht zu und ein, sondern lasst Platz für diesen Himmel, den wir alle so nötig haben.

Noch, liebe Gemeinde, ist ja Osterzeit, die geht bis Pfingsten. Die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, die wir in der Osternacht und am Ostersonntag überhaupt gefeiert haben, liegt genau 40 Tage zurück. Die 40 ist eine symbolische Zahl, die in der Schrift immer eines ankündigt: „Achtung: es passiert etwas grundlegend Neues – ein neuer Abschnitt beginnt!“

Überlegen Sie mal, woher Sie diese Zahl kennen mögen? Wie lange war das Volk Israel in der Wüste, bis es ins gelobte Land kam? Genau: 40 Jahre. Wie lange war Mose auf dem Berg Sinai, bevor er mit den 10 Geboten herunterkam: ja, 40 Tage. Wie lange regnete es, bevor die Sintflut ein Ende nahm? 40 Tage. Und wie lange hat Jesus in der Wüste gefastet, bevor er sein Leben als Prediger und Heiler begann? Ebenfalls 40 Tage. Der Beispiele gibt es noch mehr. Lesen Sie ab und an wieder die Schrift auch auf diese versteckten und doch offenbaren Geheimnisse hin! Nach dieser Zahl 40 beginnt also etwas Neues! Auch hier weist sie auf einen radikalen Neuanfang hin, einen Neuanfang, in welchem wir gewissermaßen heute noch leben. Denn der Auferstandene Jesus verlässt seine Jünger und Freunde als sichtbarer und anfassbarer Mensch (denken Sie an Thomas, der erst die Wunde befühlen musste, damit er glauben konnte) und steigt hinauf in den Himmel, um dort beim Vater zu sein. Und stören Sie sich nicht an der Richtungsbeschreibung: der Himmel ist ja kein Ort, den wir benennen könnten und schon gar nicht geht eine bestimmte Richtung dorthin. Das Problem liegt in der deutschen Sprache, denn wir kennen den Himmel als das verheißene Reich Gottes und nennen gleichzeitig den Ort der Wolken und Winde ebenfalls den Himmel. Die Engländer etwa unterscheiden genauer zwischen sky und heaven. Wichtig ist für uns: Jesus Christus verlässt die Menschen in dieser Welt als sichtbarer Mensch und kehrt zu dem zurück, den wir als Schöpfer und Bewahrer glauben. Zu demjenigen, auf den wir unsere Hoffnung setzen, wenn es darum geht, die Feinde des Lebens zu besiegen, oder genauer: uns in diesen Sieg über die Feinde mit hinein zu ziehen. Und diese Feinde kennen Sie: den Tod, das Leid, die Ungerechtigkeit, wir glauben einen Zusammenhang mit diesen Erscheinungen und der Sünde. Jetzt habe ich eine lange Schleife gemacht, Sie mögen es verzeihen, ich wollte ja eigentlich eine Verbindung schaffen. Wohin also, liebe Gemeinde, kehrt Jesus, der Christus Gottes, zurück? Er kehrt heim zum Vater. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind eine Einheit, das wissen Sie alle. In dem einen glauben wir alle und die Wirkung des einen heißt die Wirkkraft aller darin zu erkennen. Deswegen ist in unserem Predigtwort auch vom Vater und vom Heiligen Geist die Rede. Christus sagt: „Wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir gehört habt!“ „Die Kraft des Heiligen Geistes werdet ihr empfangen!“ Das feiern wir an Pfingsten und wir glauben es für unser Leben an den Situationen, in denen wir auch ein Stück des Himmels offen sehen und spüren und erfahren können, was es heißen kann, Gottes Kind zu sein.

Machen Sie also ruhig diese etwas einfache und abgekürzte Verbindung: Vatertag heißt für die Christen, dass sie daran denken, wie Jesus Christus selbst zum Vater heim gekehrt ist. Und Vatertag heißt daher auch, dass etwas Neues für die Christen beginnt. Ein Lernprozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Denn die Macht, auf die wir uns berufen und die die Menschen damals in dem Zimmermann Jesus von Nazareth kennen lernen und erleben durften, ist eben nicht mehr greifbar und anfassbar in Fleisch und Blut, sondern sie ist anders vermittelt und anders erfahrbar. Das, liebe Gemeinde, ist eine Anfechtung für diese Welt, die doch alles so schön präsentiert haben möchte. Dieser Lernprozess, der mit Christi Heimkehr zum Vater begonnen hat weist hin auf ein Mysterium, ein Geheimnis Gottes, das zu suchen und zu entdecken jeder eingeladen ist. Auch wir heute haben diese Aufgabe und das gerade in einer Zeit, in der das Anliegen des christlichen Glaubens immer mehr zu leiden hat unter den Verfehlungen der Menschen, die sich ihm verschrieben haben. Als Jesus am Kreuz hing, kamen die Menschen und spotteten: hilf dir doch selber, wenn du Gottes Sohn bist. Und heute sagt man über seine Jünger: sie müssten doch wie Christus sein, wenn sie sich nach ihm nennen. Und freilich ist beides wahr: Christus hätte Macht gehabt, das Kreuz zu vermeiden; und richtig: die Christen sollten mehr so leben, wie Christus es ihnen vorgelebt hat. Dass er das eine nicht wollte und es einen inneren Grund hatte und dass das andere nicht immer geht, denn es ist dieser Schatz Gottes nun mal in irdenen Gefäßen, das ist die bleibende Erklärungsaufgabe für die Christen.

Und, liebe Gemeinde, zum Thema „Erklärung“. Der Vatertag wird an anderen Orten v.a. als Herrentag gefeiert. Eine Art Einführung für die jüngeren Männer in das Mann-Sein an sich. Sie kennen das ja zumindest aus der Werbung: das Raue, Derbe, etwas Gefühlsarme und v.a. trinkfeste Klischeebild eines Mannes, dem leider auch viele Opfer geschuldet sind. Aber die Idee dahinter: die älteren Männer führen die Jüngeren in etwas ein, man ist unter sich, ist doch interessant. Denn das wäre doch wirklich zu wünschen: die Väter erklären ihren Söhnen – in diesem Fall – etwas davon, wie die Welt funktioniert. Etwas kühn wage ich daher meine zweite Brücke. Auch an Vatertag, an Christi Himmelfahrt, dem Tag, an welchem Christus zum Vater heimkehrte, gilt es diese Erzähltradition aufrecht zu erhalten. Die Väter – die älteren Männern den Jüngeren – erzählen diese Geschichte weiter, wie ein Sohn heimkehrt zu seinem Vater und wie sich die Welt verändert hat. Und wie sie sich noch verändern wird und welche Aufgabe man als Mann und Christ darin noch hat.

Wie sagen es doch so schön die Männer in weiß, Engel würden wir sie nennen, in unserem Predigtwort: „Ihr Männer (von Galiläa), was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen.“

Und der Friede Gottes, der viel weiter reicht als der Himmel, den wir sehen können, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

drucken