Gottes Wohngemeinschaft

Ein Mann fällt auf die Knie und betet. Das ist für uns eine befremdliche Geste. Vielleicht bekannt aus katholischen Gottesdiensten oder islamischen Riten. In evangelischen Kreisen gilt das als eher unpassend. Das Gebet ist ein freier Willensakt eines freien Christenmenschen, der dabei entweder eine bequeme Haltung einnimmt oder aufrecht und selbstbewusst vor seinem Gott steht. Allenfalls bei m Abendmahl machen wir noch etwas Vergleichbares.

Und dann ist für heute ein Predigttext vorgeschlagen, der damit beginnt, dass einer seine Knie beugt um zu beten. Da lohnt es sich vielleicht hinzuhören, was er da, warum macht:

[TEXT]

Ich beuge meinen Knie schreibt einer und meint damit: Erstaunt und gerührt kann ich nur staunend auf die Zuwendung Gottes schauen.

Ich kann das, was dann folgt abtun als einen Sturzbach von Leerformeln, der mir helfen soll, Glauben zu leben, aber an mir vorüberläuft. Ich kann aber auch hinter den vielen Worten hören, wie jemand erschüttert versucht, die Liebe Christi zu erfassen, die alle Erkenntnis und Weisheit übertrifft. Und dann komm ich ganz nah an die Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Von Himmelfahrt her kennen wir das Blicken der Jünger in den Himmel. Diese wartende Haltung: Da muss doch noch was sein. Da muss doch noch was kommen. Diese Zeit mit Jesus kann doch nicht völlig zu Ende sein. Seitdem starren ChristInnen in den Himmel. Und es wird Ihnen verhießen: Der Geist, der Tröster, das Pfingstfest. Und alles Gemeindeleben wird dadurch neu, dass Gemeinde diese Verheißung hat.

Gemeinde muss nur immer wieder neu lernen, nicht nur in den Himmel zu starren.

Immer nur warten dass etwas vom Himmel her passiert, verändert nichts auf Erden. Der Heilige Geist lebt unter uns, wir müssen ihn nur lassen und mit seiner Gegenwart unsere Gegenwart neu gestalten. Mit dem Heiligen Geist Liebe leben. Aus seiner Kraft heraus und mit seiner Begleitung. Dann kann sich viel verändern.

Das hört sich so leicht und so flüssig an, wie unser Predigttext und kann in Phrasen verkommen, wenn ich es nicht mit Leben und mit Liebe erfülle. Wenn ich nicht das Wagnis des Glaubens täglich neu beginne.

In der Taufe hat es angefangen mit mir. Gott hat Ja zu mir gesagt, ohne auf eine Antwort von mir zu warten. Das darf ich dankbar annehmen und versuchen meine Antwort mit meinem Leben und meiner Liebe zu geben.

Liebe ist keine Eigenschaft sondern immer eine individuelle Liebesgeschichte. Glauben genauso. Nicht andere können meine Liebe leben oder meinen Glauben leben. Leben muss ich selber. Alle Eheratgeber oder Erziehungsratgeber können nur Erfahrungen weitergeben, aber die konkrete Liebe zu einem konkreten Menschen muss gestaltet werden egal, ob dieser Mensch Partnerin oder Kind ist. Mit dem Glauben ist es genauso. Alle Bücher, alle Schriften, alle Berichte können mich aufbauen mir helfen, aber leben muss ich selber.

Das ist vielleicht die entscheidende christliche Botschaft, die christlichen Glauben auch so schwach und angreifbar macht, weil Christus sich in die Hände der Menschen gibt, die an ihn glauben. Er verspricht, dass er uns begleitet, aber er kommandiert uns nicht. Er schenkt uns Freiheit. Freiheit zu lieben und Freiheit zu glauben. Aber auch die Freiheit ganz andere Wege zu suchen.

Glauben ist immer auch ein Wagnis. Dazu gehört das Wagnis, sein Leben zu orientieren, sich auf den zu verlassen, der Himmel und Erde geschaffen hat. Seine Zukunft dem anzuvertrauen, der Menschen geworden ist und mit den Verachteten ans Kreuz gegangen ist.

Es gibt Erfahrungen im Glauben an diesen Herrn, aber es gibt keine Erfahrungswerte, ob sich das lohnt. Wagen darf ich.

Erfahrungen kann man bekanntlich nicht weitergeben. Aber ich kann versuchen wie unser Schreiber zu erzählen von dem, was mich bewegt, von dem, was mir wichtig ist und damit einzuladen zum christlichen Glauben.

Es geht um den Vater, vor dem der Beter die Knie beugt. Diese alte unausrottbare Anrede Gottes. Trotz allen Vätern, die versagen. Trotz allen Müttern, die im Zweifelsfalle eher ihre eigene Zukunft aufgeben als die ihrer Kinder. Der Vatername hat so etwas schönes Archaisches. Er ist ein Stück außerhalb unserer Erfahrung, aus einer Zeit, als der Männer alles zu sagen hatten und Frauen nur Ausführende waren. Aber trotzdem ist der Begriff Vater für Gott unausrottbar, vielleicht auch, weil er uns daran erinnert, wie Väter eigentlich sein könnten, wie Gott, der sich für seine Kinder ganz klein macht und ihnen entgegenläuft.

Wichtiger als Begriffe ist dann auch die Feststellung: woher wir auch kommen, wohin wir auch gehen: Wir sind in Gottes Wohngemeinschaft gut aufgenommen.

Ohne Vorbedingung wurden wir ChristInnen – zum großen Teil, als wir noch gar nicht selber Ja sagen konnten – allein wegen der Zuwendung Gottes zu uns. Das ist unsere Stärke.

Mehr kann es nicht geben und darum können wir diesem Herrn nur Dank sagen und ihn loben, dass er in uns und mit uns wirkt.

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