Mit-Sein mit Jesus Chirstus

Liebe Gemeinde, der fünfte Sonntag nach Ostern heißt Rogate, auf Deutsch: „Betet!“. Der Name rührt von der alten Gewohnheit her, Bittumgänge um die Felder zu tun, und damit um eine gute Ernte zu beten. Mancherorts werden diese Bittumgänge noch heute begangen. Betet! Diese Aufforderung bleibt bestehen und Rogate ist der Sonntag zu diesem Thema, wie wir es schon im Wochenspruch gehört haben: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“

Ja, liebe Gemeinde, wie ist das mit dem Gebet?

Hören wir dazu das Predigtwort für den heutigen Sonntag aus dem 1. Timotheusbrief im zweiten Kapitel, die Verse eins bis sechs (a):

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In meiner dritten mit vierten Klasse, die ich zurzeit in einem Nachbarort stellvertretend unterrichte, haben wir über die Seligpreisungen Jesu aus der Bergpredigt gesprochen. Und Sie wissen es, liebe Gemeinde, dort kommt auch diese Seligpreisung vor: „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ Wir haben dann erst einmal zusammen Leiderfahrungen gesammelt, was Kinder eben so wissen können mit neun, zehn Jahren. Und es kam fast alles zusammen, was wir auch kennen: Krieg, Krankheit, Tod und Sterben, und: eigentlich ganz richtig: die Sorge, z.B. um das Auskommen. Und wir haben als erstes eine Leidsituation gemalt, jedes Kind die, die es für sich ausgewählt hatte. Dann haben wir bedacht, was Jesus uns von Gott erzählen will, worauf alle Gleichnisse und seine Taten hindeuten. Nämlich, dass Gott uns in Liebe zugewandt ist. Ja, dass er uns helfen möchte, eben auch mit diesen Dingen, die uns heute belasten. Also haben wir folgerichtig ein Blatt in der Größe des Leidbildes ausgeschnitten und mit einer Seite am Rand aufgeklebt, so dass es aufklappbar blieb. Oben drüben haben wir geschrieben: Gott verspricht – alles Leid wird ein Ende haben. Und dann haben wir auf dieses Blatt eine Gegenteilsituation gemalt, also der, der den Krieg gemalt hatte, eine Situation des Friedens. Die, die den Tod gemalt hatte, eine Situation des Leben usw. Und dann haben wir uns gemeinsam ein Gebet angeschaut, einen Psalm, um genauer zu sein und ins Heft eingetragen: diese Hoffnung drückt sich im Gebet aus.

Liebe Gemeinde, es wäre etwas Schönes, wenn diese Kinder begreifen könnten, dass das Beten keine Wunschmaschine ist, sondern dass es tatsächlich etwas mit der Hoffnung zu tun hat. Hoffnung auf ein besseres Leben, auf ein Leben nach dem Tod, auf das Ende der Ungerechtigkeit und auf das Ende der Trennung zwischen Gott und Mensch, also der Sünde. Und Hoffnung ist eine Haltung der Erwartung, des Bittens, des Gewiss-Seins, des Getröstet-Seins. In den Bekenntnisschriften unserer Kirche findet sich ein Stück aus unserem Predigwort zu der Frage, ob es denn Gott gefallen wird, dass ein Teil der Menschen errettet wird und ein anderer verdammt beim jüngsten Gericht. Und die Bekenntnisschriften fassen es eigentlich sehr schön zusammen: wir wissen es nicht, aber wir hoffen mit dem Wort aus dem Timotheusbrief, dass die Liebe Gottes allen Menschen gilt und er allen helfen wird. Denken Sie an die Sekten, die das Wort Gottes oft so missbrauchen, dass sie es zu einem Wort der Angst machen. Etwa so: „Nur die, die unserer Lehre folgen, werden gerettet werden, auf die anderen wird Feuer vom Himmel fallen und alles wird vernichtet werden.“ Solche Sekten werden zu Propheten der Angst und nicht der Liebe Gottes. Denken Sie daran, wenn Sie eine Verkündigung prüfen, ob der Liebeswille Gottes zu den Menschen, das Evangelium dort noch Platz hat oder nicht.

Vielleicht ist das schon das Entscheidende, dass das Gebet mit Hoffnung zu tun hat, wie es auch in unserem Predigtwort beschrieben wird. Kein Automatismus etwa, wie bei einem Kaugummiautomaten: Ich werfe eine Münze ein und unten kommt die gewünschte Süßigkeit heraus. Beten ist eine Erwartungshaltung, die von Hoffnung getragen und durchdrungen ist.

Folgende kurze Geschichte habe ich Ihnen schon einmal erzählt:
In einer Kirche des amerikanischen Mittelwestens findet ein Gottesdienst statt: "Euer Unglaube, Schwestern und Brüder, ist ein Skandal!“, ruft der Prediger. Wir sind hier versammelt, um ein Bittgebet an den Himmel zu richten, er möge uns nach der langen Trockenheit Regen schicken. Und was sehe ich? Nicht einer von Euch hat für den Heimweg einen Schirm mitgebracht."

Bei aller Heiterkeit dieses Wortes scheint doch etwas Wichtiges durch. Freilich darf ich im Gebet etwas erwarten, gerade weil ich eine Hoffnung habe. Aber es ist nicht verzweckt, es ist kein Handel, kein Geschäft. Luther beschreibt das Wesen des Gottesdienstes z.B. so: Gott redet zu uns durch Predigt, Lesungen und Segen und wir antworten ihm in Gebet und Liedern. Eine Antwort also darf das Gebet auch sein. Nur, weil wir etwas empfangen haben, können wir handeln. Wir antworten im Gebet auch auf seine Tat an uns. Sein Kreuzestod, seine Auferstehung und damit den Sieg über alles Lebensfeindliche mit der Hoffnung, dass wir an diesem Sieg teilhaben werden. Fullbert Steffensky, ein bedeutender Theologe, hat das u.a. so beschrieben: „Dass das Gebet sich nicht durch seinen Nutzen rechtfertigt, das haben wir wahrscheinlich alle schon bitter am eigenen Leibe erfahren. (…). Gott ist der erste Beter, weil er das erste Wort der Sehnsucht spricht. Wer sind wir als Betende, was ist das Gebet? Das Gebet ist die Selbstauslieferung des Menschen an das Geheimnis des Lebens. Es ist kein Mittel etwas zu erlangen. (…). Das Gebet ist der höchste Ort der Passivität; des Verzichts darauf, sein eigener Liebhaber und Schönfinder zu sein. Es ist die Passivität, die sich nicht wehrt gegen den Blick, der uns schön und reich findet. (…) Alle Gebete sollten etwas von dem Schweigen durchscheinen lassen, dass das Wesen jener Wehrlosigkeit und Passivität ist. Wachsen im Gebet, heißt auch, Wachsen ins Schweigen, bis wir vielleicht nur noch drei, vier Worte finden, vielleicht nur noch ein Bild; vielleicht brauchen wir irgendwann einmal kein Bild und kein Wort mehr. Sich ergeben als die Grundgeste des Gebets: Alles in uns schweige! (…).“

Steffensky bezeichnet das Gebet daher folgerichtig als köstlichste Nutzlosigkeit. Und er weist uns in eine Richtung, die wir bisher noch nicht bedacht hatten. Dass das Gebet nämlich auch mit dem Schweigen zu tun hat. Wir hoffen etwas, wir erwarten etwas, wir antworten auf das Geschehen am Kreuz und an Ostersonntag, aber noch mehr: Wir brauchen darum keine tausend Worte zu machen. Eine große Sorge der Menschen, die neu mit dem Beten anfangen, ist, sie könnten beim Gebet zu Gott etwas Wichtiges vergessen. Also z.B. beten sie dann um die Gesundheit der Oma, den Arbeitsplatz des Mannes, die Leistung der Kinder in der Schule und sie hecheln alles durch, weil sie meinen, wenn sie etwas vergessen, könnte es vor Gott auch vergessen sein. Und also werden dieserlei Gebete immer länger und ausführlicher, ja manche bekommen sogar etwas zwanghaftes und damit magisches, so als ob meine vielen Worte vor Gott Eindruck machen würden. Beten aber weist in eine andere Richtung: Sich einzustellen und einzulassen auf den Willen Gottes an mir. Damit anzuerkennen, dass er überhaupt an mir schon gehandelt hat und noch handeln wird. Sich einzugestehen, dass er den Weg kennt, viel besser und viel umfassender, als wir das je könnten. Und sich daher einzulassen auf seine Leitung und Führung, gewiss zu sein, dass wir bewahrt werden bleiben in seiner Hand, solange wir leben. Sie kennen das Wort aus dem Matthäusevangelium: wir sollen nicht plappern wie die Heiden, Gott weiß schon, wessen wir bedürfen. Das Gebet des Einzelnen geht daher in diese Richtung, die Steffensky weist: In das Schweigen vor Gott, das Bedenken eines einzelnen Gedankens, das Betrachten eines Bildes oder eines Momentes. Und das heißt aber auch: Sich Zeit nehmen für diese Antwort an Gott. Und hier schließt sich der Kreis zu unserem Predigtwort. Das Gebet bleibt eine tägliche Übung, damit wir nicht vergessen, zu antworten, nicht alles als selbstverständlich und natürlich mir zugehörig zu betrachten. So, als ob ich alles an Gutem, was mir geschieht freilich durch meine Leistung mir verdient hätte. Sondern sich immer wieder bewusst zu machen, wie sehr ich in Gott geborgen sein darf in allem Guten und in allem Übel. Und natürlich den Blick auch weg zu richten von mir: Hin auf die anderen, die mir Nächster sind und die Verantwortung tragen in unserem Gemeinwesen und weltweit.

So darf das Gebet seine Wirkung in mir entfalten, als Stütze der Hoffnung, Antwort im Glauben, Ruhen im Schweigen in der Zeit und als Freude, dem Nächsten im Glauben Partner und Zeuge sein zu dürfen.

Wie sagt es die Priorin der Christusbruderschaft Selbitz, Anna-Maria von der Wiesche? „Beten heißt für mich, mein ganzes Leben verstehen als ein Mit-Sein mit Jesus Christus. Beten ist eine Beziehungshaltung und über alles hinaus eine Lebenshaltung.“

Und der Friede Gottes, der uns trägt und hält zur Erlösung hin, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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