Gebet – auch für andere

‚Rogate‘ heißt dieser Sonntag: Betet! Und erinnert mich daran, dass ich alle Jahre wieder den Konfirmandinnen und Konfirmanden das Beten vermitteln darf oder soll. Und dann feststelle: das Beten hat einen schlechten Ruf unter Jugendlichen.

Und wenn ich dann weiter gucke: Wie ist das bei Erwachsenen, dann mache ich manchmal die Beobachtung. Es wird kaum noch gebetet. Eher bittet man einen anderen – gerne den Pfarrer – ‚sie beten doch für mich‘.

Vielleicht hat das was mit der Spezialisierung und Individualisierung unserer Gesellschaft zu tun. Fürs Beten sind die Kirche und ihre VertreterInnen zuständig.

Ich weiß nicht, woher dieses Vorurteil kommt, aber ich muss damit leben. Ich weiß aber auch, dass das zu Beginn der christlichen Kirche ganz anders gesehen wurde. Da schreibt jemand einen Brief an eine Gemeinde in schwieriger Situation. Er möchte den Menschen helfen, ihre Situation nicht nur zu ertragen, sondern auch positiv zu gestalten.

Das waren Menschen, die hatten sich viele Jahre versammelt zu Gebet und gemeinsamem Mahl. Schwestern und Brüder wurden getauft oder verheiratet, starben oder erlebten Demütigungen um ihres Glaubens willen. Die Geschichten waren alle schon länger her. Menschen, die Jesus persönlich gekannt hatten, lebten nicht mehr. Der erste Schwung war vorbei und man musste lernen sich einzurichten, weil deutlich wurde, dass das Reich Gottes doch nicht so schnell herbeikam, wie vielleicht erwartet.

Dies Pastoralbriefe – so nennt man die Briefe an Titus und Timotheus gerne versuchen die Gemeinden in diesem schwierigen Selbstfindungsprozess zu begleiten. Darin findet sich auch unser Abschnitt:

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Ermutigung zum Gebet – so könnte man den Abschnitt überschreiben. Und ich denke wirklich, wir als Gemeinde Jesu Christi müssen uns selbst und anderen Menschen mehr Mut machen mit Gott zu reden. Geistliche nehmen in ihrer Position mitunter nicht richtig wahr, was sie Menschen zumuten, die sich als ChristInnen outen sollen, die ihren Glauben öffentlich leben sollen. Das einfache Tischgebet kann da schon peinlich werden – im christlichen Abendland.

Schwierig ist es auch für die Menschen, an die dieser Brief geschrieben worden ist, allerdings aus anderen Gründen

Der 1.Timotheus ist ein Pastoralbrief, wohl eher nicht von Paulus, sondern ca. ½ Jahrhundert nach ihm geschrieben. Briefe aus einer Zeit, als ‚Kirche‘ sich zu etablieren beginnt, als der Schwung der ersten Generationen abebbt und Wege für eine Kirche auf Dauer gefunden werden müssen – insofern sind die Pastoralbriefe auch Briefe an unsere Kirche. Aber vor allem Briefe an jede Kirche, die ihren Glauben bedroht sieht von außen wie nach innen, durch Ermüdung, Erosion.

Unser Abschnitt steht unter der Überschrift des Verses 1. Timotheus 3,15: ‚sollst du wissen, wie man sich verhalten soll im Hause Gottes, das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes.‘ Es geht um eine Art Kirchenordnung. Aber eben keine in Stein gemeißelte Gesetzgebung oder Hausordnung, sondern eine Lebensform, angemessen für die lebendige, vom Geist erfüllte Gemeinde Gottes.

Die Katechetische Absicht stößt mir ein wenig auf: ChristInnen sollen lernen, wie man sich im Hause Gottes verhält. Das klingt nach Verhaltensregeln, nach Sitte und Anstand. Das kann mich abschrecken, wenn ich immer nur auf den Buchstaben achte. Das will mich aber einladen, wenn ich den Sinn dahinter höre. Den finde ich nämlich in unserem Abschnitt: ‚dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Weisheit kommen.‘ Das ist unser Auftrag in dieser Welt. Dazu sind wir berufen als JüngerInnen des einen Herrn. Und dabei ist es wenig hilfreich, wenn wir lamentieren, wie verdorben unsere Welt ist. Da hilft es auch nichts für Kreuze in Gerichten und Schulen zu kämpfen aber den glaubwürdig gelebten Glauben hinter Kirchenmauern zu verstecken.

Uns wird kein heldenhafter Kampf, sondern etwas ganz Anderes zugetraut: Wir dürfen und wir können beten – sogar für andere beten.

Das ist ja ein ganz wesentliches Element unserer Gottesdienste: Die Fürbitte – mitunter falsch verstanden als Schlussstück oder Einleitung zum Vaterunser. Wir dürfen beten für alle Menschen und speziell für die Regierenden. Durch den Mund der Gemeinde spricht die Menschheit mit Gott. Erstaunlich – was der Gemeinde hier an Stellvertretung zugetraut und zugemutet wird. Erstaunlich auch, was dem Gebet zugetraut wird.

Niemand bleibt von der Fürbitte ausgeschlossen – auch die Herrschenden nicht, die für die Gemeinde des 1. Timotheus wohl eher eine Bedrohung darstellten. Davon dürfen wir heute noch beten lernen. Das Gebet auch für Menschen, die mir nicht nahe stehen oder die ich als Bedrohung empfinde.

Das Fürbittengebet ist ein Akt politischer Loyalität, wie die Fürbitten für inhaftierte Pfarrer oder die nicht-Fürbitten für die Juden im Dritten Reich belegen. Wo ist unsere Loyalität gegenüber Mitarbeitenden oder gegenüber verfolgten Schwestern und Brüdern deutlich?

Ich persönlich fand es beim Lesen dieses Textes ganz erstaunlich, was meinem Gebete zugetraut wird, welche Verheißung darauf ruht, aber auch welche innere Verpflichtung meinem Gebet innewohnt. Wenn dieses Gebet eine solche Kraft hat, eine solche Verheißung bei Gott, dann kann ich auch nicht ruhig bleiben und so tun als ob alles in Ordnung wäre, als wäre mir das Leid dieser Welt egal. Dann muss ich beten für die Menschen im Irak und Afghanistan, für die Taliban und für alle, die meine Gesundheit bedrohen.

Mich fasziniert der Zusammenhang von beten für und danken für. Ich danke Gott und bete für Menschen, das ist ein bekannter Zusammenhang, aber ich bete für Menschen und sage Gott Dank für alle Menschen – auch für die, die ich als Belastung empfinde.

Die Gemeinde von Christinnen und Christen lebt mitten in einer Welt, die die Bibel als gefallen bezeichnet. Wir sind Menschen, die Schuld auf sich laden und Vergebung brauchen. Vor allem aber Menschen, die Gott einlädt, füreinander Dank zu sagen und füreinander zu bitten.

Gebete sind nicht einfach Ausdruck von Hilflosigkeit – das vielleicht auch. Aber sie sind vor Allem Ausdruck der Hoffnung, mit Gottes Hilfe etwas bewegen zu können. Gebete während des Dritten Reiches, während der DDR-Zeit, Gebete für die Gefangenen, die Amnesty international benennt. Solche Gebet, besonders wenn sie öffentlich sind, machen auch angreifbar.

Der Traum von einem ruhigen und stillen Leben weist darauf hin, dass hier ein Mitglied einer Kirche schreibt, die sich eingelebt hat in der Welt, die vielleicht sich am liebsten unsichtbar machen möchte in einer Welt, die sie als feindlich empfindet. Das ist plausibel, aber wir haben im Laufe von 2 Jahrtausenden vielleicht dazu gelernt: Gebet kann nie nur Gebet für mich sein. So wenig wie Glaube etwas ist, dass nur für mich privat von Bedeutung ist. Glaube ist immer auch öffentlich, Gebet ist immer auch Gebet für Andere, vor allem aber für die, die Verantwortung tragen und die, die in Nöten sind. Das gilt vor allem für das gottesdienstliche Geschehen. Gemeinde, die sich nur um sich selber dreht, hört auf Gemeinde zu sein, hört auf, Salz der Erde zu sein.

Trotzdem fällt mir manches Gebet schwer: Ich brauche Ermutigung und ich brauche die Gemeinschaft derer, die mit mir beten und für mich beten. Für all die will ich heute Dank sagen.

Und ich brauche die Menschen, die mich immer wieder daran erinnern, was uns Gott zutraut.

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