Weltüberwindung

(Anmerkung: Das Gedicht Huldigung entstammt dem Band Lothar Zenetti: „Auf seiner Spur“ © Mainz 2000; S.112)

Man kann nicht wirklich behaupten, dass die Sprache und die Texte, die wir in der Bibel finden, immer unmittelbar eingängig und verständlich sind.

Besonders die Brieftexte aus dem Neuen Testament haben es in sich, sind nicht so eingängig, wie die plastischen Geschichten aus dem Alten Testament oder die eine oder Wunder- oder Heilungsgeschichte aus den Evangelien oder der Apostelgeschichte. Heute haben wir wieder so einen Text vor uns und ich verrate Ihnen kein Geheimnis, dass wir uns im Kreise der Kolleginnen und Kollegen am vergangenen Mittwoch durchaus gewunden haben, um Fleisch an die dürren Knochen des erste Johannesbriefes zu bekommen, der uns für diesen Sonntag aufgetragen wurde.

[TEXT]

Es ist so ein bisschen wie mit moderner Kunst: Ein bisschen benötigt man eine Gebrauchsanweisung, um die Ideen des Künstlers zu verstehen.

Die Idee hinter solchen Gedanken fänden Sie heute wahrscheinlich in Hollywoodfilmen: Da gibt es eine Bedrohung und eine wunderbare Gegenkraft, der Held oder die Heldin retten, oft in letzter Minute unter gewaltigen Getöse, die Welt. Genau das geschieht in der Vorstellung des ersten Johannesbriefes auch: Vielleicht können Sie schon ahnen, wer die Supermänner – oder Frauen sein werden, die am Ende alles zum Guten wenden.

Denn um neu geboren werden und ums Überwinden geht es in diesem Abschnitt. Zwei Sonntage liegen hinter uns:
 Quasimodogeniti: Da blicken die Neugetauften, sozusagen die frische Gemeinde, auf das ihre eigene Verwandlung von der die ersten Christen erfuhren, dass sie sie in der Taufe empfangen hatten. 
Misericordias Domini: Da wird dieser Gemeinde gesagt: Auf diesem neuen Weg seid ihr nicht allein. Der gute Hirte, Gott selber begleitet Euch. Deshalb lesen wir an diesem Sonntag den 23. Psalm und aus dem Johannesevangelium die Geschichte vom guten Hirten.

Jubilate: Man könnte es im Bild gesprochen, als kleinen Konfirmationssonntag verstehen: Bestätigung und Entsendung in dieses neue Leben, einen neuen Machtbereich hinein.
Denn genauso empfanden die ersten Christinnen und Christen ihren Auftrag in der Welt.
Am dritten Sonntag nach Ostern geht es darum, den Machtbereich des Glaubens von der Welt nicht ungetrennt zu lassen.

Das hat ganz viel mit uns zu tun: Bis heute fragen sich Menschen doch, warum sie sich zu diesem Glauben bekennen sollen und was dann eigentlich anders würde?

Aber bis heute fragen sich Menschen auch, vielleicht nicht tagtäglich: Wie geht eigentlich in meinem Lebenslauf weiter:

– Wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt?
– Wenn ich nicht weiß, welche beruflichen Herausforderungen und Veränderungen mir mein Leben bringen wird?

- Wenn ich mir nicht sicher bin, ob eine anstehende Entscheidung für diesen oder jenen Weg in meinem Leben ausfallen soll.

– Wenn sicher Geglaubtes plötzlich unsicher wird und meine tagtägliche Wirklichkeit zur Bedrohung wird.

Wenn ich nicht weiß, wie ich mit dieser Welt auskommen soll und kann und nicht weiß, woher mir noch die Kräfte kommen werden.
Denn alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.
So empfanden unsere ersten Schwestern und Brüder. Sie empfanden: Ich bin aus dem Machtbereich der Welt hinausgetreten und deshalb kann mir diese Welt nichts mehr anhaben.
Das klingt schon ein bisschen magisch, beschwörend, aber genau das, wurde durch das Verständnis des neuen Glaubens abgelegt.

Keine Angst mehr vor Göttern oder Gott. Kein Gefühl, man sei ausgeliefert, dem Schicksal, der Vorsehung oder irgendwelchen Mächten, denen man als kleiner Mensch nichts entgegensetzen könne.

Die Menschen machten die Erfahrung von neuer Gleichberechtigung zwischen Schöpfer und Geschöpf. Es geht nicht um Unterwerfung, sondern um Gleichberechtigung seitens Gottes. Befreit von dieser Erfahrung können Menschen sich aufmachen und diese Welt verändern, weil sie nicht mehr ausgeliefert, sondern an Verantwortung mitbeteiligt sind.

Das kennen wir alle: Der Satz: „Alles ist wieder gut!“ – tut gut. Er verbindet Wunden, er verändert Perspektiven, er ermöglicht neue Kräfte.

Solche Sätze, solche Situationen erleben wir in unserem Leben nicht häufig, aber wir spüren und genießen solche Momente, wenn sie da sind und wir erinnern uns gerne an sie:
– vor 20 ½ Jahren die Öffnung der Mauer

- oder vielleicht die Erfüllung eines Wunsches, von dem man nicht mehr glaubte, ihn sich erfüllen zu können.

- oder wenn Menschen erleben, Verloren geglaubtes und Unwiederbringliches kehrt zurück und wird ganz.

Deshalb trägt die Geschichte von Gott, der Mensch wird, weil wir einen anderen Gott nicht glauben wollen und können. 
Deshalb beten und bitten wir zu einem, der selber gelitten hat, weil er weiß, wie schlecht sich das anfühlt.

Und weil die Superfrauen und Supermänner wie Du und ich sind. Nicht besonders schön, übermäßig intelligent – nur ganz normal. Mit diesen Menschen vor allem baut Gott sein Reich in dieser Welt aus.

Deshalb sind wir für Außenstehende nicht immer schick, oder „hip“ wie das auf neudeutsch heißt. 
Denn die Welt überwinden wir mit unserer unzulänglichen Outdoorausrüstung für diese Welt.



"Huldigung"

Kirche, du arme alte Waschfrau: 
Ein Leben lang auf den Knien.
bemüht mit krummen Rücken und roten rissigen Händen
die schmutzige Wäsche zu waschen,
so vieler Generationen, immer wieder anderen den Dreck wegzumachen, 
bemüht, 
ein Leben lang und wie vergeblich
dem Staub zu Leibe zu rücken,
dem Schmutz, dem Rost den Flecken
mit diesem unbegreiflichen Ehrgeiz, 
ein kleines Stück dieser Welt,
 wenigstens dieses kleine Stück Boden, 
diesen immer wachsenden Berg Wäsche
 womöglich weiß und nie rein zu erschaffen, wie neu für den heutigen Tag.

 Und ich, das Kind, dem du die Windeln gewaschen und die Lieder vom einfachen frommen Leben gesungen hast, 
sollte mich jetzt deiner schämen; 
deiner rauen Hände und 
deiner grauen Haare und deines gebeugten Rückens? 

Noch wenn ich sterbe, wirst du bei mir sein geduldig und deine rauen Hände falten.

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