Just do it Naaman

EINLEITUNG
Liebe Gemeinde,

wenn Sie und ihr das Internet benutzen und in die Internetsuchmaschine „Google“ die Frage eingeben, „Warum lese ich in der Bibel?“, erscheinen viele Treffer für diese Suchanfrage.

Man bekommt sogleich ein paar Hinweise auf günstige Bibeln, einige Anleitungen zum „richtigen Bibellesen“, wobei einem bei näherem hinsehen sehr schnell klar wird, dass die katholische Kirche diese Seiten betreibt und – wenn man dann weiterblättert, bekommt man einen fruchtbaren Hinweis für die eingegebene Frage.

Nach einigen überschwänglichen Lobpreisungen auf das Buch der Bücher kommt dieser Mensch, der die Seite betreibt, zum Punkt: Er liest die Bibel, weil da halt eine ganze Menge drin steht.

Dem ist von meiner Seite nichts entgegenzusetzen. Und ich schließe mich diesem Votum gerne an.
Die Bibel ist wahrlich nicht einfach nur ein Buch, sondern Beizeiten eine flammende Liebesgeschichte, manchmal lässt sie uns in die Abgründe des menschlichen Daseins blicken und ganz oft geht es um die ganz großen Gefühle.
Vertrauen, Enttäuschung, Zorn und Glück kommen relativ häufig in ihr vor. Die Bibel kann man also wie einen großen Film betrachten, aber sie ist mehr als nur ein großer Film. Denn die Geschichten, die sie erzählt, unterhalten nicht nur, sie helfen auch zum Leben.

NACHERZÄHLUNG
So auch im heutigen Predigttext, der aus dem Alten Testament entnommen ist.
Ich erzähle Ihnen und Euch noch einmal kurz das Drehbuch dazu.
Es ist eine spannende Geschichte über zwei erfolgreiche und mächtige Männer, die zwar auf dem Höhepunkt ihrer Macht sind, aber leider ist einer der beiden mit einer heimtückischen Krankheit geschlagen: Er hat Lepra.
Der andere Mann ist der König von Israel.

Auch die weiteren Figuren in dieser Geschichte sorgen für einen gewaltigen Spannungsbogen. Eine Sklavin aus dem zuletzt überfallenen Land, ohne Lobby und Rückhalt in der neuen fremden Heimat, wird vom Aschenputtel zur alles entscheidenden Stichwortgeberin für den kranken Feldherrn!
Zu guter letzt tritt auch noch ein Prophet auf, der das Schicksal des kranken Hauptmannes deutlich mitbestimmt.

Meiner Meinung nach würden allein diese Rahmenbedingungen ein gutes Drehbuch abgeben, nach dem man sich in Hollywood reißen würde…
Es ist alles da, was man für einen spannenden Film braucht: Ein mächtiger Mann, eine weibliche Nebendarstellerin, ein gekröntes Haupt, eine große Gefahr und ein möglicher Retter.

DER FILM BEGINNT
Der kranke Feldherr, Naaman mit Namen, kommt zurück von einer Schlacht, hat noch ein Mädchen entführt und diese arbeitet nun in seinem Haus. Ein Glücksfall für Naaman. Denn die neue Sklavin weiß um einen Propheten und vermutet, dass dieser den kranken Herren heilen kann.

Sofort geht ein Schreiben aus dem Haus des Königs von Aram, an den König von Israel, in dessen Land der Prophet leben soll. Man bittet um Hilfe für den kranken Hauptmann und bietet viel Geld.
Der Empfänger ist mehr als verwundert. Nein, er ist sogar empört, denn in der Bitte um die Heilung des Feldherren, erkennt er eine Anmaßung.

Denn der König von Israel versteht die Bitte des Königs von Aram so, als solle er selber, der König von Israel, den kranken Mann heilen. Das geht zu weit! Er ist doch nicht Gott! Nein, was denken sich diese Aramäer bloß…

Nun tritt der Prophet auf den Plan. Dieser heißt Elisa und wie in jedem guten Drama hat dieser Name eine Bedeutung. Der Name Elisa bedeutet übersetzt „Gott hat geholfen!“
Wenn es für den Hauptmann Naaman noch mehr bedurft hätte – wüsste er den Namen des Propheten, er könnte noch hoffnungsvoller nach Israel reisen.

„HIGHNOON“
Aber da sind wir noch nicht, denn zunächst fühlt sich der große Hauptmann in seiner Ehre gekränkt, denn der Prophet, der Unangepasste?, gibt nichts auf große Namen und fährt folglich nicht (!!!) nach Aram, sondern er lässt Naaman selbst vorstellig werden. Dieser wird aber noch wütender als Elisa mit ihm nicht irgendeinen effektvollen Hokuspokus veranstaltet, sondern nur die folgenden acht Worte übermitteln lässt:
„Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan!“

War Naaman vorher zornig, so tobt er jetzt vor Wut, denn das soll alles sein? Siebenmal untertauchen in einem Fluß? In Israel? Als hätte es in Damaskus, der Stadt aus der er kommt, nicht genügend eigene Flüsse.

Naaman kocht! Aber nicht lange, denn mutige Diener wagen sich an ihn heran und bringen ihn zurück auf den Boden der Tatsachen. Dabei sind die Diener in ihren Worten sehr schmeichelnd und verfehlen wohl nicht ihre Wirkung, denn sie beginnen ihre Intervention wie folgt:
„Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es doch bestimmt auch getan! Wieviel mehr solltest du dies tun, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein!“

Dem kann Naaman nichts entgegensetzen und tut wie ihm der Prophet geraten hat. Und das Wunder geschieht: Naaman wird geheilt!

„THE END“
Wir steuern direkt auf ein Happy End zu, das am Ende noch heller strahlt, als der Prophet jegliche, absolut jegliche Bezahlung ablehnt und erst einmal einsam in den Sonnenuntergang geht. Nur einen Satz sagt er noch zu Naaman, wahrscheinlich milde lächelnd:
„Zieh hin mit Frieden!“

Ich finde, diese Geschichte hat eine Menge Potential für einen guten Film. Es ist alles drin: Macht, Geld, Großmannssucht, Selbstlosigkeit und gelernte Demut.

Das attraktive an diesem biblischen Drehbuch ist aber gerade, dass diese Protzutensilien (?) wie Geld und Macht eben nicht den Helden unserer Geschichte korrumpieren können. Er geht seinen Weg.

Elisa pfeift auf das Geld des Hauptmannes und pfeift auf Konventionen, er lässt Naaman antanzen. Nicht zuletzt sagt er nur acht entscheidende Worte zu ihm:
„Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan!“

AUSLEGUNG
Und genau an diesem Satz hängt das Sympathische dieser Geschichte. Bloß siebenmal waschen? Das ist alles?
Ein Blick auf unser alltägliches Leben soll helfen. Was macht so richtig glücklich, liebe Gemeinde? Sind es immer die ganz großen Gesten? Braucht es wirklich den Lottojackpot, um Frieden mit sich selbst zu schließen?
Muss man immer die Showtreppe runtergehen, um in den Genuss wahrer Glückseligkeit zu kommen?
Ich denke ja, dass es nicht immer so sein muss.

Denn wie steht es mit dem Lächeln der schönen Unbekannten, die mir dieses aus ihrem Auto heraus spendet, während wir gemeinsam darauf warten, dass die Ampel grün wird?
Was ist im Krankenhaus, wo es manchmal nur noch um Berührungen geht? Ein „einfaches“ die-Hand-halten kann in manchen Momenten wohl mehr Trost spenden, als alle Reichtümer und großen Gesten zusammen.

Und sonst? Wie steht es im religiösen Leben? Beten wir etwa einen in Purpur gewandeten König an? Oder schauen wir nicht doch auf einen augenscheinlich gebrochenen Mann, der am Kreuz hängt?
Und: Kam dieser Mann nicht in einem Stall zur Welt?

Ich will es einmal anders sagen: Das Gespräch an der Supermarktkasse, unvermittelt aber freundlich und verbindlich ist mir lieber als alle Sektempfänge zusammen. Damit will ich sagen, dass die kleinen Dinge ihren ganz eigenen Charme haben. Man muss sich dafür nicht umziehen oder noch mal zum Frisör, denn die passieren ja einfach.

Allerdings muss man sich aber auch auf diese kleinen Dinge gefasst machen, denn wenn man, wie Naaman, nur auf die Pauken, Trompeten und Fanfaren wartet, kann es passieren, dass man das Wesentliche übersieht.

Das Wesentliche ist in unserem Fall Jesus Christus. Und weil er auf diese Welt gekommen ist, dürfen wir mit ihm rechnen. Womöglich nicht im Triumphzug ,aber dann doch unvermittelt, in der Person, die meine Hand hält. Ob im Krankenhaus oder sonst wo. Die stillen Gesten und die kleinen Dinge sind es doch, die unser Leben bereichern. Wie viel mehr ist es dann der Gekreuzigte, der unser Leben reich macht!!! Der Gekreuzigte, in seinem fast schon unstatthaften Understatement.

Der Slogan „Just do it!“ einer großen Turnschuhfirma ist der bekannteste Slogan, der je von Menschen ersonnen wurde.
Und er könnte auch der Titel unseres Films sein: „Just do it, Naaman!“

Naaman wartet auf das große Zeichen – das kommt aber nicht immer.
Just do it, Naaman! Tu’ s einfach!

Tun Sie’ s einfach! Glaubt an das Große im Kleinen. Denn nichts anderes ist es, was uns vor nun beinahe 2009 Jahren widerfahren ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft und nicht mit dem Geld eines aramäischen Hauptmannes zu kaufen ist, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, dem unscheinbaren, aber doch großen Zeichen Gottes. AMEN!

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