Bewerbung Christi

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Wer von Ihnen sich schon einmal auf eine Stelle beworben hat, der weiß, wie schwer mitunter ein solches Bewerbungsgespräch verlaufen kann. Im Vorfeld des Gesprächs hat man sich – hoffentlich – gut vorbereitet, man hat sich über das Unternehmen, für das man in naher Zukunft arbeiten möchte, umfangreich informiert und man hat vordererst eine Bewerbung geschrieben und wohl auch voller Erwartung abgeschickt.

Schließlich ist der große Tag gekommen, die Post hat eine Einladung des von Ihnen ausgewählten Unternehmens in ihren Briefkasten geworfen und Sie sind eingeladen zum Bewerbungsgespräch. Voller Freude gehen Sie an diesem Tag los und beginnen mit dem Personalchef ein Gespräch.

Liebe Gemeinde,
immer häufiger kommt es einem unter die Augen. Manager oder eben auch Personalchefs wünschen sich Bewerber mit Brüchen im Lebenslauf. So sagt es auch Florian Langenscheidt in einem Interview mit dem Handelsblatt.
„Ich schätze Leute mit Brüchen in ihrer Biographie. […] Brüche im Le­ben sind sehr wichtig, um persönlich zu reifen. Wenn ich Leute für lei­tende Positionen auswähle, achte ich auf solche Dinge. Sie machen Menschen am Ende stärker. Auf Chefpositionen braucht man keine Schönwetter-Kapitäne.“

So sieht die Wirklichkeit aus: Schönwetter-Kapitäne braucht man nicht in Füh­rungspositionen. Auch der Predigttext für diesen Sonntag spricht nicht von ei­nem Schönwetter-Kapitän, sondern von dem einen Sohn Gottes, der sich selbst nicht zu Schade war, hier auf Erden so zu werden wie wir.

Nun! Ein wichtiger Teil unseres Lebens ist die Erfahrung, dass man scheitern kann. Es ist wichtig, dass man scheitert, denn nur so erkennt man seine eigene Grenzen und erfährt etwas über seine eigenen Fähigkeiten. Viel zu oft wird aber das Scheitern verdrängt. Man redet es schön. Eine Pleite im Lebenslauf, eine Enttäuschung, dass will doch keiner so gerne zugeben. Macht es einen doch angreifbar und läßt das eigene Licht vermeintlich etwas weniger hell strahlen.

Jesus hingegen schafft einen Raum für solche Brüche im Lebenslauf, die man keinem erzählen mag, denn er entäußerte sich selbst und nahm Knechts­gestalt an. Gott wird Mensch und indem er Mensch wird, übernimmt er auch alle unsere Schwächen, Ängste und unsere Fehler.

Liebe Festgemeinde!
Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, dann erschließt sich uns aus dieser Tatsache ein ganz wichtiger Punkt in seiner Biographie, ja, erst dann erschließt sich uns die­se unglaubliche Großtat Gottes an uns.
An dieser Stelle möchte ich mich direkt an Sie wenden, liebe Goldkonfirmanden:

Sie haben nun einen langen Weg mit Gott zurückgelegt und sicher haben sie Erfahrungen des Gelingens und Erfah­rungen des Scheiterns gemacht.
Sicher haben sie die Vielgestaltigkeit der Welt auf unterschiedliche Weise erfahren und eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, dass Gott mit uns ist.

Hoffentlich haben Sie dabei auch erfahren, dass wir es nicht mit einem fernen, bloß beobachtenden Gott zu tun haben, der im schlimmsten Fall mehr oder weniger amüsiert unserem Treiben hier unten zusieht.

Denn gerade hier greift der heutige Predigttext ein. Gott streift unser Leben nicht nur, er erlebt es mit. Das was in der Gestalt Jesu Christi passiert ist weit mehr als eine Bestandsaufnahme oder eine geschönte Bewerbung Gottes adressiert an uns.

Das was in Jesus Christus geschieht, der Gang ans Kreuz, die Bereitschaft als wahrer Gott und wahrer Mensch ein Diener an den Menschen zu werden, ist eine außerordentliche Unglaublichkeit. Ein Bruch. Gott kommt auf die Erde und wird Mensch.

Und in diesem Bruch liegt ein Angebot, mehr noch ein Versprechen: Alles was uns bedrückt, belastet, beschwert ist Gott bekannt. Es ist ihm nicht verborgen, denn er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht.

Hier ist der Bruch in der Bewerbung Christi deutlich. Erniedrigung und Erhö­hung. Das liegt in Jesus Christus ganz nahe beieinander. Das liegt auch in un­serem Leben immer ganz nah beieinander. Und es ist keine Schande, wenn dem so ist. Es gibt keinen geraden Lebensweg. Wir kommen an Weggabelun­gen vorbei. Wir stehen an Kreuzungen und wissen nicht immer auf Anhieb, welchen Weg wir einschlagen sollen.

Es ist möglich, dass wir den falschen Weg wählen, es ist möglich, dass wir orientierungslos sind. Es ist möglich, dass wir Leid erfahren und traurig sind.

Und der Philiperhymnus stellt in disem Zusammenhang klar: ich kenne das! Mir ist das bewußt. Denn Gott nutzt nicht sein Gottprivileg. Er bleibt nicht oben im Himmel. Er bricht mit den alten Gottregeln der Vorzeit und verläßt seinen Thron und steigt hinab auf die Erde um uns nahe zu sein und wohl auch, um uns besser verstehen zu können.

Florian Langenscheidt hatte es am Anfang schon gesagt: Es geht nicht um Schönwetter-Kapitäne auf der Brücke.
Nun, wir Christen haben mitnichten einen solchen. Vielmehr haben wir einen Gott, der mit uns auf der Brücke steht, neben uns, hinter uns und vor uns. Wir müssen also auch nicht unsere Brüche verstecken und unsere ungeraden Lebenswege gerade machen.

Mit treffenden Worten von Franz Joseph Schierse möchte ich schließen:
„Vielleicht dämmert es uns, was es heißt, christlich an Gott zu glauben: Nicht die Existenz eines höheren Wesens, einer über der Schöpfung thronenden Macht für wahrscheinlich zu halten und sich – notfalls – an sie bittend, dankend, lobend und preisend zu wenden, sondern sich in Gehorsam und Protest zur ohnmächtigen, erniedrigten und gemordeten Kreatur zu bekennen, weil auch Gott keinen anderen Weg weiß, um seine Gottheit zu dokumentieren, als den seiner gekreuzigten Gottheit!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. AMEN!

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