Hoffnungsmenschen

Manchmal fühle ich mich wie neugeboren …
Nach einer langen geruhsamen Nacht mit ausreichendem Schlaf,
nach einem erfrischenden Bad an einem heißen Sommertag,
nach erholsamen Urlaubstagen,
ein wunderbares Gefühl, wenn alte Kräfte zurückgekehrt sind und man mit neuem Schwung an die Herausforderungen herangehen kann, die vor einem liegen.
Aber mal ehrlich: fühlen sie sich heute morgen wie neugeboren ?
Oder eher etwas erschöpft von den Osterfeiertagen, von den langen Winterwochen, von den Vorbereitungen für das Familienfest, von den Lasten des Alltags, die ihnen keiner abnimmt ?
Die Botschaft dieses Sonntages – noch ganz im österlichen Glanz – lautet allerdings eindeutig: ihr seid neugeboren, wiedergeboren.
Ihr seid wie neugeborene Kinder: quasimodogeniti
Man kann das historisch erklären.
Die Osternacht war traditionell die Nacht, in der die Taufanwärter endlich nach langer Vorbereitungszeit wie nach langem Konfirmandenunterricht getauft wurden. Und an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem weißen Sonntag, dem kleinen Osterfest, legten die Frischgetauften nach einer Woche und täglichen Abendmahlsgottesdiensten ihre Taufkleider ab. Ein neues Leben als Gotteskinder hatte für sie begonnen und wurde noch einmal mit diesem Sonntag gefeiert.
Geboren und Wiedergeboren – das waren und das sind Grunddaten unsres Lebens und unseres Glaubens.
Geboren zum Leben.
Das wird uns heute in besonderer Weise durch Erik und Anouk vor Augen geführt.
Es ist ein Wunder und ein Geschenk zu leben.
Es ist ein großes Glück, ein neugeborenes Kind in den Armen zu halten und zu staunen. Eltern und Großeltern, Onkels und Tanten, Patinnen und Paten kennen dieses Glücksgefühl.
Da liegt ein ganzes Leben offen und ungeschrieben vor einem. Jahre, in denen das Kind wachsen und mit Neugierde die Welt entdecken und doch zugleich behütet werden will. Da wird es unbequeme Fragen stellen und nicht locker lassen, bis ihm die Antworten genügen.
Da wird es eigene Wege gehen und irgendwann ins eigene Leben entlassen werden. Da werden Fehler gemacht und aus Erfahrungen gelernt. Das Leben ist etwas wunderbares. Das darf und soll keiner klein reden. Wir Christen dürfen Großes vom Leben erwarten.Wir sind geboren zum Leben. Leben ist uns anvertraut.
Und in der Taufe, auch wenn wir sie anders als die ersten Christen nicht im Erwachsenenalter empfangen haben, sind wir wiedergeboren zu einer großen Hoffnung. Denn: Christen sind Hoffnungsmenschen.
Sie stimmen nicht mit in das Klagelied ein, dass alles schlecht ist und immer nur noch schlimmer wird.
Sie sind von Natur aus nicht defizitorientiert und voller Weltschmerz, sondern sind auf Hoffnung ausgerichtet, dass Großes vor ihnen liegt und das Gott Großes verheißt.
Wir vergessen das nur manchmal …
Und dann klingt unser Reden so ganz anders als der Lobgesang aus dem 1.Petrusbrief.
Dabei nimmt er einfach nur ernst, was Ostern erzählt: das alle lebensfeindlichen Kräfte seit dem Ostermorgen ausgespielt haben.
Nicht dass es uns jetzt alle Tage gut geht. Das will und wird keiner von sich sagen. Und das kann und will ich auch Erik und Anouk nicht versprechen.
Auch ihnen werden im Leben Dinge begegnen, die nur schwer auszuhalten sind und die sie traurig machen werden. Sie werden Lasten tragen und nicht alles verstehen. Aber diese Erfahrungen werden nicht die Oberhand gewinnen. Und sie werden nicht das letzte Wort haben.
Denn das hat Gott am Ostermorgen längst gesprochen und es heißt „Leben“.
Das ist der tiefe Sinn der Taufe und werden daran werden wir mit jedem Täufling neu erinnert: fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wir sind Gotteskinder.
Traurigkeiten und Anfechtungen, so der Apostel, werden uns womöglich prüfen, läutern und hoffentlich werden wir an ihnen wachsen und zwar im Glauben und für das Leben.
Aber sie werden uns nicht unserer Hoffnung berauben, dass alles ein gutes Ende nehmen wird hier und dort, weil Gott am Ende alles in allem sein wird.
Mancher und manche wird kämpfen müssen um seinen Glauben.
Manchmal wird der Glaube die Gestalt des Zweifels annehmen.
Glaube und Zweifel sind Zwillingsgeschwister. Aber am Ende wartet Großartiges.
Wir sind wiedergeboren zur Freude.
Christenmenschen sind fröhliche Menschen, die sich am Leben freuen dürfen. Sie müssen nicht bei allem Leid und aller Not, die sie sehen, die Lebensfreude über Bord werfen. Sie dürfen sich freuen über die wärmenden Strahlen der Frühlingssonne, die ersten Blüten, die sich nach langem Winter zeigen, sie dürfen die Schönheit der Landschaft ebenso genießen wie die Gesellschaft guter Freunde. Sie dürfen dankbar in ihren Familie leben und aus vollem Herzen lachen. Sie dürfen das frisch gebackene Brot genießen oder den zum Fest schön gedeckten Tisch.
Freude ist eine tiefe innere Grundstimmung, die aus der Gewissheit kommt, von Gott getragen und in seiner Hand geborgen zu sein. Freude muss und kann ich nicht erzwingen oder erkaufen. Freude ist mehr als Lust. Neben Zeiten der Freude wird es auch Zeiten der Klage geben, aber das ändert nichts grundsätzlich an meiner Gottesgewissheit. Ganz im Gegenteil: tiefe Freude am Leben schärft den Blick für das, was dem Nachbarn oder dem Weggefährten gut tut oder an Gutem fehlt. Sie nimmt die Trauer ebenso wahr wie den ungestillten Lebenshunger. Sie antwortet auf die Verzweiflung ebenso wie auf die Orientierungslosigkeit, mit der manche im Leben unterwegs sind. Die Freude und die Hoffnung macht sich fest im Glauben an Jesus Christus.
Denn mit ihm können wir einen Blick tief hinein in das Herz Gottes werfen.
Und da ist er ganz nah bei uns Menschen, egal wo sie gerade in ihrem Leben stehen.
Er ist bei denen, die oben auf schwimmen, auch wenn sie meinen die alleinigen Macher ihres Glücks zu sein. Er will ihnen die Augen und Herzen dafür öffnen, dass letzten Ende auch unser Verdienst vor allem Geschenk ist.
Er ist bei denen, die ganz unten angekommen sind und möchte ihnen Begleiter, Helfer und Tröster an die Seite stellen, Herzen und Hände füreinander öffnen.
Er ist bei den Trauernden,mit denen er ein Stück mitgehen und zuhören will. Er hat ein tröstendes Wort.
Er ist bei den Lachenden, weil er ein Freund des Lebens ist.
Er ist bei den Schuldigen und will Mut machen aus den Verstrickungen herauszukommen, weil bei ihm Vergebung ist. So jedenfalls hat Jesus gelebt und zu solchem Glauben sind wir wiedergeboren und eingeladen.
Wir sind wiedergeboren mit einem großen Ziel aller Hoffnung und aller Freude: ein unvergängliches Erbe im Himmel, der Seelen Seligkeit.
Christenmenschen sind Himmelsmenschen.
Sie stehen mit beiden Beinen im Leben und in dieser großartigen Schöpfung auf der Erde und vertrauen darauf, dass sie am Ende Heimatrecht im Himmel, in Gottes Wirklichkeit und in seinem Licht haben werden.
Da wird unser Leben ankommen und aufgehoben sein. Da wird unser Schmerz geheilt, unser Trauer getröstet und alle Furcht von uns genommen werden. Da wird alle Sehnsucht gestillt und alle Erwartung übertroffen werden. Dazu sind wir wiedergeboren.
Dazu sind wir berufen: Hoffnungsmenschen, fröhliche Menschen, Himmelsmenschen zu sein – wie die neugeborenen Kinder.
Nicht mehr und nicht weniger erzählt, verheißt und erinnert die Taufe.
Nicht mehr und nicht weniger haben wir heute zu feiern.
Und der Friede Gottes…. Amen

drucken