Osterbotschaft: Erhöhung des Herrn

Liebe Gemeinde,

wir haben heute gewissermaßen DIE Weihnachtsgeschichte des Osterfestes gehört.
An Weihnachten hören wir besonders gern Lukas 2: „Es geschah aber zu der Zeit, als ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt…“
Genau so etwas ist dieser Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief, den wir in der Epistel gehört haben.
Es ist eines der ältesten Osterzeugnisse.
Aber wir hören es aus dem Munde eines Menschen, der Jesus in seiner irdischen Gestalt nie persönlich begegnet ist. Das ist erstaunlich, zeigt wie charismatisch die erste Zeit geprägt war.
Maximal hat er einige der ersten Jünger erlebt, aber erst drei Jahre nach seiner Bekehrung zum christlichen Glauben. Da lernt er Petrus kennen und Jakobus, den Bruder Jesu. Gerade mal 15 Tage ist er bei ihnen. Und dann verstreichen ganze vierzehn Jahre, bis er sie wieder trifft und dabei dann auch den Apostel Johannes kennenlernt.
Wir wissen, Paulus hatte die Christenleute zuerst bitter verfolgt. Aber dann tritt er als Osterzeuge auf, nach den ersten, von denen er zuerst nur hörte, Petrus und Jakobus und die Jünger, die „Apostel“.
Und er nennt sich selbst auch „Apostel“, nämlich, weil sich ihm, wie den anderen, der Herr „offenbarte“. Das ist der Begriff, den er verwendet, und der ist voll besonderer Bedeutung, wenn wir wissen wollen, was genau die Alten ursprünglich als Ostern erfuhren.
Darum eben bezeichnet er seine Evangelium als „durch eine göttliche Offenbarung“.
Die Osterdarstellung des Paulus ist eine der ältesten, die wir im Neuen Testament haben. Es redet nur von "offenbaren", von nichts weiter.
Ja, sagst du, aber die Jünger sind doch dem Auferstandenen begegnet. Sie haben sogar mit ihm zusammen gegessen und getrunken, die Emmaus-Jünger zum Beispiel oder die eigentlichen Jünger, so z.B. im Anhangskapitel, des Johannes, – Gebratenen Fisch gab’s doch da…???
Diese Geschichten sind später hinzu gekommen.
Hören wir heute auf den ältesten Text.
Nur von „Sehen“ allein ist die Rede. Nicht einmal davon, dass er etwas zu ihnen geredet hätte. Und es ist eigentlich noch viel mehr als ein bloßes „Sehen“. Es ist ein „Erscheinen“ ein „Offenbaren“.
Wir können den Inhalt verstehen, wenn wir es als ein Wort-Bild aus alttestamentlicher Zeit wiedererkennen.
Denn dieses „Sehen“ geschieht wie bei Mose am brennenden Busch als Offenbarung der Macht und Herrlichkeit. Gott selbst offenbarte sich dem Mose. Der, den man eigentlich nicht anschauen kann, ohne zu vergehen, neigt sich dem Menschen Mose zu, exclusiv, besonders, nur ihm, dem Erwählten, um ihn auszurüsten, um ihn zu senden: „Geh und sage dem Pharao: Lass mein Volk ziehen…“
In einem solchen Licht ist diese Begegnung mit dem Auferstandenen zu sehnen. Es ist ein „Sich-sehen- Lassen“ in göttlicher Qualität und Würde gemeint.

Wir, die wir gewohnt sind, kirchenjahreszeitlich zu denken, sehen den Auferstandenen erst mit Himmelfahrt als den „Erhöhten“.
Für die ersten Zeugen war das offenbar anders. Und genau das nämlich war auch die tiefe, eigentliche Aussage: Er, der Gekreuzigte ist nicht der von Gott Verlassene und Verlorene. Nein, er ist der, den wir erwarten, nach der Hoffnung der Alten.
Er ist der zur Rechten Gottes Erhöhte. Er ist der Kommende: „Maranatha!“
Ostern ist schon Himmelfahrt. Himmelfahrt ist Ostern.

Das der Erhöhte in göttlicher Funktion eingesetzt ist, wird, wie so manches, im Kirchenjahr noch einmal extra thematisiert.
(Wir sollten unser Weltbild überprüfen, wenn wir meinten, Christus müsse erst noch ein wenig auf der Erde herumlaufen, bevor er in den Himmel auffahren dürfe. Dann wäre er heute ja tatsächlich ziemlich weit weg.
Und der Geist Gottes wäre dann sozusagen der Ersatz, weil der schweben kann, ein Gas eben oder so was.
„Gott ist anders als wir denken“, so haben wir schon vor Jahrzehnten in der Jungen Gemeinde gesungen.
Gerade an Ostern sollten wir dieses Liedlein wieder einmal fröhlich anstimmen. Eben, dass wir mit unserem Weltbild nicht ins Schleudern geraten.
(Ich meine übrigens nicht den gleichnamigen katholischen Buchhandel.)
Gott möchte uns in Christus mehr als nur unglaubliche Buchstaben zumuten. Er zeigt ihn uns als den, den ER in die Mitte stellt.
Gut ist es, und dem Evangelium gemäß, wenn man nicht wie die Jünger nur „zum Himmel schaut“ (Apg 1,11), sondern den Blick hin zum Kreuz wendet.
Ostern nämlich setzt das Kreuz erst in Geltung. Erst dadurch wird es einmalig und gültig.
Sonst ist es nur irgendein Hinrichtungsort wie so unendlich viele bis heute.
Ostern lässt das Leid am Karfreitag in einem einmaligen Licht erscheinen. Er, den wir als Herrn bekennen, ist der, den die Menschen zu Tode bringen. Doch Gott bestätigt dieses, seinem Kreuz, macht es einmalig. Den er zur Rechten Hand setzt, als einziger Mittler, als Bruder, als Anfänger und Vollender des Glaubens, der ist der von uns Menschen Gekreuzigte.

Oft wird Ostern nur dargestellt als die göttliche Wiedergutmachung des Karfreitages.
An dem einen Tag stirbt Jesus Christus am Kreuz, furchtbar, bitter, brutal, schrecklich.
Und dann ist da der Ostertag und er schwenkt fröhlich wieder sein Fähnchen. Fast könnte man salopp denken:
„Alles halb so schlimm, war ja nur ein kurzer Moment.
Nun aber alle Fastengedanken ausgekehrt. – Raus mit der Osterdekoration! – Hoch die Tassen. Lasst uns feiern, essen und trinken. Er ist ja nicht mehr tot. Es war alles nur ein kurzes Erschrecken. Der liebe Gott ist ja glücklicherweise mächtiger als der Tod.
Er hat wieder repariert, was die Menschen angerichtet haben. „Nun ist alles wieder gut.“…

Karfreitag ist dann nur noch ein unbequemer, peinlicher Zwischenschritt, etwa damit ein blutdurstiger Gott doch noch befriedigt wird. Wenn er schon die eigentlich Schuldigen nicht kriegen soll, dann eben einen Unschuldigen. Und umso besser ist es, wenn es zumal noch ein göttliches Wesen ist, umso wertvoller dieser „Ersatz“, so reden sie.

Was ist das bloß für eine Vorstellung von Gott?!
Die Auferstehungsbotschaft, wenn sie so ins Banale oder ins Brutale gebogen wird. – Es schaudert einem.
Karfreitag bleibt schlimm, bis hin zur letzten Konsequenz. Durch Ostern wird die Bedeutung nicht abgeschwächt, sondern gerade erst betont, einmalig, grundsätzlich, gültig. Der Erhöhte ist der Gekreuzigte.

Es bleibt dabei: Die Botschaft und die Hoffnung der Auferstehung sprengt alles Irdische, alles Materielle. Sie ist durch nichts zu beweisen oder zu belegen.
Es geht doch um ein Geschehen, das bis heute völlig unerklärbar ist. Die Nachricht der Erhöhung Jesu übersteigt alle bisher und noch heute bekannten Phänomene. Denn das Irdische ist irdisch. Gerade die biblische Schöpfungsgeschichten bezeugen die Erdgebundenheit des Menschen, des Adam, des Erdgeborenen.
Nun kannst du schnell sagen: „Ja, aber Jesus ist ja göttlicher Natur und Ursprungs, für ihn gilt das nicht.“ Vorsicht, es kann sein, du hast damit für die eigene Hoffnung sehr schlechte Karten, auf einmal, wenn es nur für Göttliche gilt.
Die Auferstehungshoffnung für uns ist kein Automatismus. Sie verbindet sich mit dem Geschehen des Karfreitags. Unter dem Kreuz wird sie entfacht. Nirgends wo anders.
Das Kreuz bekommt durch die Auferstehung des Gekreuzigten, die seine Erhöhung ist, die damit verbundene Einmaligkeit.

Das Kreuz des Christus Jesus macht ernst mit dem Leid in der Welt. Gott verdrängt es nicht. Er thematisiert es. Es wird ernst genommen. Alle Leidenden finden sich darin wieder, vielleicht auch du selbst in deinem Leid.
Das Kreuz stellt dir aber auch deine Verantwortung vor Augen, du bist beteiligt am Tode dieses Menschen-Bruders.
Und dennoch, ja dennoch und trotz allem: Du darfst die Botschaft von der Versöhnung dann, ja dann erst als Evangelium hören.

Und dann, sogar noch mehr und noch weiter hoffen, weiter als du in deiner Geschöpflichkeit je zu hoffen gewagt hast.
Die Osterbotschaft ist die Botschaft der Erhöhung des Herrn. Wenn dir die himmlische Erhöhung zu atemberaubend, zu unbegreiflich ist, dann darfst du die Erhöhung, wie Johannes erst einmal aufs Kreuz Jesu beziehen und auf dessen Einmaligkeit.

Und dann sind wir sogar mitten dabei und mit beiden Füßen auf dem Erdboden, mitten im Leben, mitten in Verletzung und Schuld.
Und wir sind mitten unter dem Wort von der Versöhnung, über allem und dennoch.
Und dass wir denn als Versöhnte auch leben, voller Hoffnung, gerade nach Ostern.

Ostern ist nicht die Aufhebung des Karfreitags.
Es setzt ihn erst recht und bleibend in Geltung.
Das allein gilt es zu Ostern zu sagen.

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