Vorübungen für das Reich Gottes

Liebe Gemeinde!

I. Hören mit Hintergrund

Solche provokanten Texte wie unser Evangeliumsabschnitt über die Radikalität der Nachfolge laden dazu ein, bei der Auslegung auch über das Verstehen solcher Texte nachzudenken.

Wie antwortet ein fünfjähriges Kind auf die Frage nach seinem Alter? „Ich bin bald sechs“. Selbst 17jährige geben noch gerne zu erkennen, dass es bis zum 18. nicht mehr lange dauert. Ab Mitte zwanzig betont man, noch nicht dreißig zu. Und hat man erst die 50 fröhlich überschritten, weicht man der Altersfrage ohnehin lieber aus. „Dass alles so bleibt, wie es ist“, wird zum Kernsatz vieler Wünsche und irgendwann gehört man zu denen, die bekennen: „Früher war alles viel besser.“

Biblische Texte verstehen wir – bewusst oder unbewusst – auf dem Hintergrund unseres Lebens. Radikale Aufforderungen dazu, mit Vergangenheit und Tradition zu brechen, passen scheinbar besser in junge als in alte Ohren.

Einem jungen Menschen mag es attraktiv klingen, sich auf eine Reise zu begeben, bei der es offen bleibt, ob und wo man des Nachts ein Bett findet. Der Satz „Der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege“ mag folglich in jungen Ohren einen abenteuerlichen Beiklang haben und nach Entdeckung, Zukunft und neuen Erfahrungen klingen. Unsereins über 50 weiß gerne vorher, wo man übernachten kann. Die noch Älteren denken u.U. an angstvolle Kindheitstage auf der Flucht, wo man den radikalen Aufbruch in ungewisse Zukunft in aller Heftigkeit erleben musste.

Jungen Menschen mag es leichter fallen, mit Traditionen radikal zu brechen. Es ist schon eine Zumutung, dass Jesus nicht einmal Zeit lässt, für eine Beerdigung. 1968 gab es in Norddeutschland tatsächlich eine Gruppe junger Pfarrer, die sich weigerten, Beerdigungen abzuhalten und sich dabei auf Jesu Wort beriefen. Allein unser Gespür sagt uns, dass man biblische Worte – nimmt man sie allzu wörtlich – missverstehen kann.

Hart und unbarmherzig wirkt auch das Verbot, Abschied zu nehmen vom Elternhaus.

Alles drängt nach vorn. Die Verkündigung vom „Reich Gottes“ verträgt kein Zögern, keinen Verbleib in der Vergangenheit, keinen Blick nach hinten. Noch heute ist es in manchen klösterlichen Gemeinschaften Pflicht, für mindestens zwei Jahre nach Eintritt auf jeden Kontakt zur bisherigen Familie zu verzichten.

Und was bleibt uns? Etwa nur das schale Gefühl, zu solcherlei radikalen Nachfolge zu alt, zu bürgerlich, zu verwurzelt zu sein?

II. Aktuell

Versuchen wir einen anderen Zugang, bei dem wir hoffentlich nicht „so alt ausschauen“. In unserer unruhigen Zeit drängen sich Entscheidungen auf, um die wir wissen, und die uns gleichwohl auch Angst machen.

Im Bankwesen, so kann man nun immer häufiger lesen, bedarf es Menschen, in die man vertrauen kann. Gerade in den Chefetagen. Der bisherige Typ, ich nenne ihn einmal den „Agenten unserer kollektiven Habgier“ hat ausgedient. An diesem Punkt müssen wir um unserer Zukunft willen mit der Vergangenheit radikal brechen. Wir haben alle gemeinsam erfahren, wohin der Weg geführt hat, den ein Banker so beschreibt: „Ein Spiel, eine Million Dollar, keine Tränen“. Nein, Menschern, die mit unserem Geld spielen, brauchen wir nicht mehr. Hoffentlich. Wir brauchen auch keine mit Millionengaben versüßten Abscheidfeiern von den bisherigen Protagonisten.

In Spanien und anderswo wird das öffentliche Leben von Korruption zerfressen und lahm gelegt. Auch hier kann es nur darum gehen, mit solcher Vergangenheit radikal zu brechen. Abschiedsfeiern dürfen getrost ausfallen.

Auf diesem aktuellen Hintergrund verlieren die Worte Jesu ihren unverständlichen Beigeschmack, den sie dann bekommen, wenn wir sie auf familiärem Hintergrund hören. Sie behalten dennoch ihre Schärfe. Ob wir allerdings auch politisch Kraft und Mut haben werden, tatsächlich andere Wege einzuschlagen, ist noch offen.

III. Die Alten schauen zuviel nach hinten

Offen bleibt auch die Frage, ob unser Bibelabschnitt von der radikalen Nachfolge älteren Menschen eher wenig zu sagen hat.

Meine Familie fürchtet nicht mehr als meine Lust, beim Autofahren auch die Landschaft zu betrachten. „Oh, das ist eine Burg“, vermag ich durchaus mit Begeisterung auszurufen, wende den Blick, lasse aber die Hände am Steuer. Regelmäßig folgt als Antwort der familiäre Chor: „Schau auf die Straße“. Er klingt nahezu hysterisch, wenn ich dann nach hinten schaue, um noch einen letzten Blick zu erhaschen. Was los ist, wenn ich unterm Fahren auf das Navigationsgerät schaue, muss ich nicht auch noch erzählen.

„Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“. In einer modernen Bibelübersetzung könnte es heißen: „Wer mit dem Auto zum Ziel unterwegs ist und schaut andauernd nach hinten, fährt in krummen Linien. So verliert man sein Ziel. Das passt nicht für den Weg zum Reich Gottes.“

Ich will niemandem zu nahe treten und frage lieber allgemein in die Runde. Kennen sie auch solche Menschen – und das sind meist ältere – die mehr in der Vergangenheit als in der Zukunft zu Hause sind. Zu jedem Stichwort am Kaffeetisch fällt ihnen eine Anekdote von damals ein. „Weißt du noch, damals in Italien. Du warst fünf…“. Ja, Oma, wir wissen…. Dieser beständige Blick nach hinten in die Vergangenheit lässt uns gegenwärtig eher in Schlingerkurven oder gar im Kreis fahren. Die Reaktion der Familie ist entsprechend abweisend. Unversehens verlieren wir den Kontakt zum Morgen und verlieren dadurch aber auch den wirklichen Kontakt zu den Menschen, denen der Morgen wesentliches Lebensziel ist, den jungen Leuten.

"Das ist nichts mehr für mich. Dazu bin ich zu alt…". Es gibt eine ganze Reihe von traditionellen Sprüchen, mit denen wir uns selbst einsperren. Wie wäre es, unsere radikale Einladung, sich der Zukunft zu zuwenden, auf diesem Hintergrund zu hören als eine Einladung, im Leben zu bleiben, am Leben und seinen Neuerungen weiterhin teil zu nehmen (gelungene Beispiele aus dem Gemeindeleben benennen).

Natürlich ist ab einem gewissen Alter die bisherige Lebenswegstrecke gefüllter als das, was noch zu erwarten ist. Es geht aber nicht darum, dem näher kommenden Lebensende ins Auge zu blicken. Wie sagte jemand: Weder der Sonne noch dem Tod können wir wirklich entgegen schauen. Das eine verdirbt die Augen, das andere die Seele.

Jesus ruft uns ins Leben. Darauf zielen seine Worte. Klebt nicht fest, an dem, was gewesen ist. Du magst noch so alt sein und hast dennoch Zukunft. Jeder Morgen, jeder Tag bringt dir neue Freude. Ich kenne durchaus etliche ältere Menschen, die sich diese Lebensneugier und Lebensfreude bewahrt haben. Was gewesen ist, die Vergangenheit, sollen wir ja nicht einfach vergessen. Die erlebten Jahre und Jahrzehnte sind ja unser Schatz. Doch darin sollten wir uns nicht vergraben. Das macht uns nur missmutig, ängstlich und verdrießlich. Wer nur nach hinten schaut auf dem Lebensweg, verfehlt sein Ziel weil der Wagen ins Schlingern gerät. Wir Menschen sind für die Zukunft geschaffen, nicht für die Vergangenheit.

IV. Zu zweit

Um einen biblischen Text zu verstehen, ist es außerdem ratsam, auf seinen biblischen Zusammenhang zu achten. Das wollen wir zum Schluss tun. Auf unseren radikalen, in die Zukunft drängenden Nachfolgeruf folgt im Lukasevangelium eine Aussendungsrede Jesu. Daraus will ich nur einen Aspekt hervorheben, weil er so menschlich ist. Jesus sendet seine Jünger niemals allein, sondern immer zu zweit aus. Wir Menschen sind nicht nur für die Zukunft, sondern auch für die Zweisamkeit bestimmt. Gut ist es, wenn man seinen Ehepartner zur Seite hat. Das ist eine Möglichkeit, sich gegenseitig zu stärken für den Weg in die Zukunft. Es kann aber auch eine Freundin sein, ein Freund. Es kann jemand sein aus der Nachbarschaft. Es kann jemand sein aus der Gemeinde.

Zu zweit ist der Mut, z.B. in neue Gruppen einzutreten wesentlich höher, als wenn man alleine geht. (Beispiele).

Unsere Gedanken sind nun wenig um das Thema „Reich Gottes“ gekreist. Ich hoffe, das ist verzeihlich. Erst wenn wir in unserem eigenen Alltag mutig genug sind, aufzubrechen und unnötigen Ballast abzuwerfen, haben wir überhaupt erst freie Ohren für dieses Thema. So gesehen sind wir noch bei den Vorübungen.

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