Verantwortlich leben

Liebe Gemeinde,

wir hören heute einem Gespräch zu. Gegenstand dieses Gespräches ist das Gleichnis von den „Klugen und den törichten Jungfrauen“.

Er lebt, wir putzen Öllampen

„So geht das nicht!“ beginnt eine Frau die Diskussion. „Wirklich, das reicht mir! Wissen sie, welche Bibelstory euch Männern erzählt wird? Die vom „verlorenen Sohn“. Lebenslustig lässt der sich sein Erbe auszahlen und macht sich auf und davon. Lebt im Schweinestall. Der heilige Raum hier verbietet es mir, auf Details einzugehen. Dann kommt die große Reue. Er läuft zurück direkt in die ausgebreiteten Arme seines Vaters. So ist Gott zu den Männern. Uns Frauen aber gilt diese Geschichte: Gerade die Hälfte von euch taugt für´s Himmelreich. Der abgebrannte Sohn darf heimkehren. Die ausgebrannten Frauen schmoren in der Hölle. Er darf leben und weit über die Stränge schlagen. Uns aber gilt Zucht, Anstand und Ordnung. Er lebt, wir putzen Öllampen.

Zu-spät-Erfahrungen

Jemand anderes meldet sich zu Wort: „Ich glaube nicht, dass es hier tatsächlich um Männer- oder Frauenbilder geht. Mir sagt das Gleichnis etwas anders. Thema sind Zu-Spät-Erfahrungen. Die haben wir doch alle gemacht. Denken sie nur an ihre Schulzeit zurück. Mir ging das mit Mathe so. Natürlich wusste ich, dass Schulaufgaben ins Haus stehen. Trotzdem hatte ich wenig Neigung, mich mit Logarithmen und Funktionen zu befassen. Die Nacht vorher war dann in der Regel zu kurz, den versäumten Stoff ins Hirn zu bringen. „Zu spät!“ Das schoss mir oft durch den Kopf, wenn das Aufgabenblatt vor mir lag. Abschreiben, also vom Öl der anderen schnorren, hat mich auch nicht gerettet. „Zu-spät“-Erfahrungen ziehen sich durch unser Leben hindurch. Ich finde gut, dass diese Geschichte das so deutlich ausspricht. Ich denke, an die Menschen, die ich mit bösen Worten verletzt habe. Trennungen und Verletzungen gehören mit in unsere Lebenserfahrung. Ich finde gut, dass das hier so deutlich ausgesprochen wird. Diese Geschichte nimmt düstere Lebenserfahrungen ernst. „Zu-spät“: das hört so mancher im Sprechzimmer seines Arztes, anderen sagt es der Scheidungsrichter auf seine Weise. „Zu-spät“ wird mancher am Grab seines Ehepartners spüren, wenn er dennoch mit ihm spricht. Blumen, die man Grab niederlegt können die Blumen, die man sich im Leben hätte schenken sollen, nicht ersetzen.

Wo bleibt die Vergebung?

Ein Zwischenruf: „Wo bleibt denn die Vergebung in dieser Geschichte“?

Ich lebe nur für dich. Wie töricht ist das denn?

Das ist typisch christlich. Wir flüchten uns viel zu schnell in das warme Licht der Gnade. Damit entwerten wir die eben erwähnten Erfahrungen. So einfach ist das nicht. Also, ich verstehe dieses Gleichnis als Rede an uns Lebende. Es erinnert uns an unsere Verantwortung, die wir für uns selbst haben. Es gibt Situationen, dann kann mir kein anderer „Öl“ geben. Ich erzähle euch von einer Deutung dieser Geschichte, die ich bei uns im Altenheim gehört habe. Bei einer Fortbildung hatte uns ein Pfarrer zuerst eine andere Geschichte erzählt, die von der Kerze. Darin heißt es, ich möchte wie eine Kerze sein. Für dich will ich Licht sein. Für dich will ich mich verzehren. Du hast es hell, ich aber werde weniger. Er hat das sehr schön erzählt und unsere Augen glänzten. Als er aber den Bogen zum Gleichnis schlug, ging mir ein Licht auf. Er sagte nämlich: Frauen, die sich wie Kerzen verzehren, das sind die „Törichten“ im Gleichnis. „Ich lebe nur für dich.“ Wie töricht ist das denn? Insofern behandelt das Gleichnis schon eher ein Frauenthema und deren Neigung, sich für andere zu verlieren.

Es geht um Aufmerksamkeit für Gott

Da platzt jemand dazwischen: „Das geht mir so was von auf die Nerven. Das ist doch nicht der Hauptsatz im Evangelium „Kümmere dich um dich selbst. Sorge für dich!“ Merkt ihr in der Kirche denn gar nicht, was ihr damit anrichtet? Diese Botschaft wird nur zu gerne gehört. Aber gelebt wird sie in den spirituellen Wochenenden eurer Bildungswerke, wo sich alles nur ums eigene Seelchen dreht. Ich höre in dem Gleichnis etwas ganz anderes. Es fragt uns, die wir leben, danach, welchen Platz wir Christus tatsächlich geben. Alle zehn warten auf den Heiland. Aber die Hälfte davon weiß nicht, was das bedeutet. Das Gleichnis ist keine Allerwelts-Lebensweisheit. Ich beziehe es auf die Kirche, auf uns. Es geht um Aufmerksamkeit für Gott. Christus, der Auferstandene ist doch das Licht, dass uns scheint. Ihm leben wir entgegen und werden schläfrig dabei. Das ist doch unser Problem, dass jeder nur noch unter dem Horizont seiner eigenen Interssen lebt. Natürlich sollen wir uns um uns selbst kümmern. Und die anderen? Das zeichnet uns Christen doch aus, dass unser Lebenshorizont weiter reicht als nur die eigene Familie und das eigene Wohlergehen. Das „Öl“ in diesem Gleichnis ist für mich der Glaube, der zu Christus führt. Den kann so schwer beschrieben, weil Schlagworte alle so lieblich klingen. Glaube ist für mich die Kraft aus dem Evangelium, mit der wir unserer düsteren Welt den Weg ins Gerechtigkeit und Frieden leuchten. Die Törichten sind die, die äußerlich zur Kirche gehören, aber nicht wirklich im Evangelium leben. Sie verschließen sich selbst den Weg zu Gott und damit auch unserer Welt. Ob Mann oder Frau, spielt für mich in der Auslegung keine Rolle.

Zweiter Zwischenruf

Ich höre immer noch nichts von Gnade und Liebe. Nein, lassen sie mich jetzt auch einmal reden. Eins haben wir doch übersehen. Wir tun alle so, als wüssten wir genau, was „töricht“ ist. Ich weiß das ehrlich gesagt nicht immer. Mir geht es so, dass ich es hinterher erst kapiere. Das fängt doch im Straßenverkehr an. Schnell noch überholen. Und schon kracht´s. Hinterher weiß ich, wie töricht das war. Natürlich hatte ich es eilig. Und fragen sie doch die Geldanleger in ihrer Gemeinde. Jetzt sind sie etwas klüger geworden. Denken sie an Beziehungen, aus deren Fesseln sie sich vielleicht als junger Mensch nur schwer haben befreien können. „Wie töricht ich doch war“, wer das noch nie gesagt möge jetzt bitte seinen Heiligenschein anschalten. Ich vermisse in diesem Gleichnis alles, was ich sonst von Jesus kenne. Vor allem, dass er dem verirrten Menschen die Tür öffnet. Davon höre ich nichts.

Hochzeit. Was uns trennt, bleibt ausgesperrt

Ich höre das schon. Sie haben mich jetzt auf eine Idee gebracht. Bislang sind wir immer davon ausgegangen, dass es sich um zwei Gruppen von Menschen handelt. Das ist der typische Auslegungsweg für dieses Gleichnis. Da stehen sich die Juden und die Christen gegenüber. Muss ich erklären, wen man für „töricht“ hielt? Das ganze Mittelalter über war unsere Story höchst populär. Man schaue sich z.B. das Domportal in Magdeburg an. Da stehen sie. Die Braven schauen lachend zu den Weinenden. Die Katholiken links, die Evangelischen rechts. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Christus es wollte, Menschen in Gruppen auseinander zu dividieren. Mir geht es anders. Ich habe beides in mir. Glaube und Unglauben. Frieden und Streit. Desinteresse und Engagement. Hier in der Evangelischen Kirche gilt Luthers Einsicht, dass wir Sünder und Gerechte in eins sind.

Wir gehen Jesu entgegen. Das ist doch die frohe Botschaft, die wir heute am Ewigkeitssontag feiern. Wir wissen uns, wir wissen unsere Kinder und auch die, die von uns gegangen sind, in Gott geborgen. Wir haben uns noch gar nicht darüber unterhalten, dass unser Gleichnis von einer Hochzeit erzählt. Das ist doch ein schönes Fest voll Glück und Liebe. Und so ist das Himmelreich: Was auf einer Hochzeit stört, stört dort genauso: Neid und üble Rede, Hass und Missgunst. Und das bleibt draußen. Das höre ich in diesem Gleichnis: Was uns trennt von Christus, hat keinen Zugang mehr.

Verantwortlich leben

Längere Stille. Dann sagt jemand: Das ist doch immer das gleiche Spiel. Am Ende spielen wir Gottes Gericht im Licht der unendlichen Gnade herunter. Daraufhin entgegnet ein anderer: Freiheit kann immer mißbraucht werden. Heißt es nicht bei Paulus, wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit? Als Christen sind wir freie Menschen und das heißt für mich, dass wir verantwortlich leben. Denekn sie doch an die Taufe vorhin. Johanns Eltern geben mit der Wahl seines Taufspruchs ihrem tiefen Wunsch Ausdruck, ihr Sohn möge beschützt aufwachsen. Aber das heißt doch nicht, dass sie damit alle Verantwortung auf Gott abschieben. Natürlich sind wir verantwortlioch dafür, wie wir unser Leben gestalten. Das gilt für den „verlorenen Sohn“ genauso wie für die zehn Frauen. Ich sehe da keinen wirklichen Widerspruch. Für mich sind das die zwei Seiten des Evangeliums: Zuspruch und Anspruch. Ersteres hören wir gerne. Das zweite ist uns meistens zu „politisch“. Das Evangelium spricht uns frei und öffnet uns Zukunft gerade dann, wenn die vorhin erwähnten „Zu-spät-Erfahrungen“ uns nieder drücken. Diese Erfahrungen bleiben uns. Jesus erzählt das Gleichnis den Lebenden. Er erzählt es nicht den Dogmatikern, um daraus steile Theologen-Theorien abzuleiten. Es weckt auf und tritt dem entgegen, was nicht in sein Reich führt. Da haben sie recht. Da sperrt er die Tür zu.

Wir leben der Ewigkeit entgegen. Das feiern wir heute. Das ist das Fest des Lebens. Und wenn wir unserer Verstorbenen gedenken, dann tun wir das im Glauben daran, dass sie bei Gott sind und nicht nervös im Wartesaal des Jüngsten Gerichts aus dem Fenster zur Hölle blicken und ihre mit Sünden voll gekritzelten Biographien in feuchten Händen ängstlich kneten.

Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde. Das heißt doch: Lebe frei und aufmerksam. Lebe auf Gott hin und du wirst spüren, wie weit der Horizont des Lebens sich öffnet. Lebe hin auf das kommende Reich Gottes. Das ist der wunderbare Horizont der Ewigkeit unter den uns Christus stellt.

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