Tagebuchblätter

Liebe Gemeinde,

lassen Sie uns heute einfach nur inne halten. Die letzten drei Wochen waren so gefüllt mit Erlebnissen und Ereignissen von höchst widersprüchlicher Art. Das wollen wir in diesem Gottesdienst heute gemeinsam bedenken und dabei unsere Gefühle und Gedanken in Ordnung bringen. Stellen Sie sich vor, ich hätte ein Tagebuch hier auf der Kanzel. Zwei Seiten davon lesen wir. Auf der ersten steht als Überschrift:

Zwischen Himmel und Hölle

Wissen Sie es noch, was kurz vor Weihnachten los war? Der „Jack-Pot“ des Deutschen Lottoblocks versprach einen Geldsegen in Höhe von 26,7 Millionen Euro. Hand auf´s Herz: Haben Sie nicht auch ein wenig darüber nachgedacht, was Sie mit so viel Geld anfangen würden? Also, ich gestehe es, meine Frau und ich haben während einer Autofahrt auch darüber nachgedacht, was wir mit so viel Geld tun würden.

Haben Menschen, die so plötzlich reich werden, den „Himmel auf Erden“? Ein Psychologe sprach in diesem Zusammenhang von „positiven Traumata“. „Trauma“ ist der Fachbegriff für eine nachhaltige, seelische Erschütterung. Erfüllt sich mittels Lottogewinn in materiell-handfester Weise, wovon unser Predigttext nur fromm säuselt: das Himmelreich? Was würde sich in unserem Leben tatsächlich ändern? Am Ende haben meine Frau und ich gemerkt, dass wir eigentlich das, was wir uns von Herzen wünschten, ohnehin nicht kaufen können. Gesundheit, Behütung unserer Kinder und all die vielen anderen, nicht käuflichen und doch so wertvollen Gaben des Lebens. Und die digitale Videokamera macht mir mehr Freude, wenn ich noch ein oder zwei Jahre darauf hin spare

Und dann kam der Heilige Abend. In kaum einer anderen Zeit des Jahres sind wir so empfindsam und verständig, aber auch so verletzlich, wie in dieser. Ob da doch etwas dran ist: Menschen verändern sich, sobald sie in das Licht Gottes, in den Umkreis Jesu, in die Nähe der Krippe geraten?

Jeder von uns hat sich, je nach Resturlaubstagen, aus der Welt der Arbeit und der Nachrichten, aus der Welt der Politik und Geschäftigkeit in den so ganz anderen Kosmos der Familie verabschiedet. Endlich hat man mal wieder mit dem Schwager gesprochen und das Neueste über Nichten und Neffen erfahren und somit Nachrichten gehört, denen man oft das ganze Jahr über kaum Gehör und Aufmerksamkeit schenken wollte. Und wir spüren, dass wir Menschen sein könnten und keine bloß funktionierenden Marionetten an den Fäden des Kapitals, der Eitelkeit und Missgunst.

Nur Sie selbst wissen, was diese vielen Feiertage für sie an himmlischen Erfahrungen erbracht haben. Nur Sie wissen, wie schön diese Zeit war und wie glücklich Sie gewesen sind. Aber vielleicht hat es auch Erfahrungen und Erlebnisse geben müssen, zu denen die düsteren Bildworte unseres Predigttextes passen: „Heidnisches Galiläa“; „Volk, das im Finstern sitzt“; „Schatten des Todes“. Leider muss der eine oder die andere gerade zu Weihnachten die Hölle durchleben …

Und dann kam der zweite Weihnachtsfeiertag, ein Sonntag. Hier in der Kirche sang die Kantorei. Einige von Ihnen hatten frühmorgens in den Nachrichten schon etwas aus Thailand gehört. Erdbeben und Flut hätten wohl 500 Menschen in den Tod gerissen – so die ersten Meldungen. Und dann brach die Sintflut auch über uns herein: Unaufhörlich neue, schreckliche und auf eigenartige Weise auch faszinierende Bilder der Naturgewalt, der Zerstörung und des Todes. In kurzen Szenen blitzt die Dramatik auf: Eine völlig verstörte, junge Frau sucht ihre weggeschwemmte Mutter vergeblich. Eine Inderin schreit ihren Schmerz heraus. Ein junger Mann hält mitten in der Schilderung seiner schrecklichen Erlebnisse inne und wünscht „Frohe Weihnachten“. Man muss – Gott sei Dank – nur ahnen, was die Gegenwart hunderter von Leichen bedeutet.

Nun sind sie wieder da, die vorweihnachtlichen Begriffe. 26 Millionen Euro – schätzt man, kostet der Wiederaufbau Sri Lankas. Geld, das zwei Bundesbürger im Lotto gewonnen haben. Menschen, vor allem Kinder haben Traumata, nachhaltige seelische Erschütterungen. Wer etwas älter unter uns ist und sich an den Krieg erinnern muss, weiß, was solche Traumata lebenslang bedeuten können. Von wegen „positive Traumata“.

Im Nachsinnen über das, was wir stundenlang gesehen haben, merke ich, wie trügerisch das Medium „Fernsehen“ ist. Es vermittelt Nähe. Wir hören das Tosen der Wellen, werden Zeugen der Angstschreie und haben das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Und dann kommt eine der Landkarten auf den Bildschirm. Wir sehen Thailand, dann Sumatra, Indien und Sri Lanka. Als seien das Dörfer um die Ecke. Aber in Wirklichkeit liegen dazwischen tausende von Kilometern und die betroffenen Küstenregionen übersteigen das Gebiet der Bundesrepublik um ein Vielfaches.

Und in Deutschland steigt ein Flugzeug auf und bringt ein Lazarett ins Katastrophengebiet. Zu wenig? Mehr nicht?

„Und Jesus zog sich zurück nach Galiläa, verließ Nazareth und wohnte in Kapernaum, damit erfüllt würde, was gesagt ist: Das Land Sebulon und das Land Naftali, das Land am Meer, das Land jenseits des Jordans, das heidnische Galiläa, das Volk, das in Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen; und denen, die saßen am Ort und im Schatten des Todes, ist ein Licht aufgegangen."

Ehe wir Licht sehen, nehmen wir die ganze Bandbreite der Reaktionen auf die neue Sintflut wahr: Verzweifelung an erster Stelle. Wir sehen aber auch Europäer, die neben den Leichenbergen Ping-Pong spielen und gerne bleiben, weil ihnen der Reiseveranstalter enorme Preisnachlässe gemailt hat. Wir hören von Plünderern und von Kindesraub und Entführung. Vor uns öffnet sich – wieder einmal – die ganze Palette der abgründigen menschlichen Seele. Und man ahnt die Schlagzeilen der Zukunft: „Millionen Euros an Spendengeldern veruntreut.“

Und ein Flugzeug mit Lazarett ist unterwegs und Jesus wandert von Nazareth nach Kapernaum.

Es ist so wenig, was wir tun können – außer spenden. Endlich ist Deutschland wieder einmal „Weltmeister“. Amerika nutzt die Chance, sich in der islamischen Welt positiv zu verkaufen. Und wir helfen uneigennützig? Zahlen wir unseren Obolus dafür, dass wir schnell vergessen dürfen? Ich weiß es nicht und ich will darüber auch nicht urteilen.

Es ist ohnehin so wenig, was wir tun können und doch ist es von unendlichem Wert, was angesichts der Not dieser Sintflut geschieht: Es leuchtet das Licht der Nächstenliebe für einen Augenblick. Es leuchtet auch hinein in die islamische, buddhistische Welt.

Wichtig ist es doch, dass Hilfe unterwegs ist. Wichtig ist es doch, das wir uns anrühren lassen. Und ein Flugzeug mit Lazarett ist unterwegs und Jesus wandert von Nazareth nach Kapernaum. Wichtig ist, dass Licht auf der Wanderschaft ins Reich des Todes unterwegs ist. Mehr sagt auch unser Bibeltext nicht. Und das muss uns genügen, und auch dir, liebes Tagesbuch.

Stellen Sie sich vor, ich hätte ein Tagebuch hier auf der Kanzel. Zwei Seiten lesen wir. Auf der zweiten Seite steht diese Frage gekritzelt:

„Können wir lernen?“

Der Ratvorsitzende der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber mahnt, derartige Katastrophen auch zu bedenken. Wir könnten daraus Bescheidenheit lernen und Demut gegenüber dem Unverfügbaren der Natur.

Orientieren wir uns am biblischen Bericht über die erste Sintflut. Da gibt es nur einen, der lernt. Noah baut sein rettendes Schiff, die Arche. Weil er sich aber an der Zukunft orientiert, verlachen und verachten ihn die Menschen, deren Wegweiser in der Vergangenheit stehen. „Es soll so bleiben, wie es ist“ beten sie mit dem Rücken zu Gott. Denn Veränderungen sind ihnen ein Gräuel. „Nach mir die Sintflut“, sagt man noch heute und beansprucht für sich eine Lebensart, die Lust für mich und Untergang für andere befördert. Aber lernen und – o Graus – sich ändern will man nicht. Und darum spielen Touristen Ping-Pong neben Gräbern.

Nein, Noah, der Mensch, war es nicht, der etwas gelernt hat. Lernfähig, falls wir das so despektierlich sagen dürfen, war und ist und wird Gott sein. Wir erleben seine Kraft in uns, einander beizustehen. Wir erleben seine Kraft, unsere Herzen zu erweichen. Wir erleben seine Kraft, den Tod zu missachten indem wir dem Leben dienen.

Da wandert einer von Nazareth nach Kapernaum. So klein und so machtvoll, so mächtig und so demütig, so demütig und liebevoll, so voll Liebe und so klein ist Christus vor Dich getreten.

In Deiner Zeit fängt Jesus an zu predigen: Tue Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Tritt hinein in das Licht und du wirst helle. Alles andere muss ich Dir nicht sagen, denn Du selbst wirst es erkennen.

Amen

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