Sehnsucht nach Geborgenheit

Liebe Gemeinde,

auf den ersten Blick könnte „Ehescheidung“ heute unser Thema sein. Davon werden wir auch reden. Thema ist aber etwas anderes. Thema ist die große Sehnsucht, die in unser aller Herz gelegt ist, die Sehnsucht nach Leben in Geborgenheit.
Der bei Markus notierte Gesprächsgang über damaliges Eherecht mündet unmittelbar in die Kindersegnung. Beginnen wir mit diesem Bild. Es beschreibt das Ziel.

Lehrer und Lehrerinnen und alle kirchlichen Mitarbeitenden, die mit Kindern auf Freizeiten sind, haben das mit ziemlicher Sicherheit schon erlebt. Man sitzt abends noch mit den Kindern am Kamin, hat Lieder gesungen und Geschichten erzählt. Alle genießen den Zauber dieser Stunde. Irgendein Kind sagt dann: „Hier möchte ich immer bleiben.“ Und dann kommt der ganz naive Vorschlag, der Lehrer (oder Pfarrer) möge doch die weibliche Begleitung heiraten. „Dann müssten wir nicht nach Hause.“ Geborgenheit ist für Kinder mit Familie verbunden. Sie wächst ihnen aus der Beziehung von Vater und Mutter zu. Wir sollten nicht abstrakt über Ehe reden, sondern Ehe – wie immer sie rechtlich konstruiert ist – und Familie zusammen sehen.

Kinder erleben diese urmenschliche Geborgenheit meistens als selbstverständlich. Nur in den unvermittelt aufbrechenden Ängsten, die Eltern könnten sich trennen, spüren sie, dass diese Geborgenheit ein Geschenk ist, auf das sie angewiesen sind. Sie spüren den Geschenk-Charakter, wenn sie von zu hause weg sind. Dann machen sie eben solche naiven Vorschläge, um ihre Seele vor drohender Einsamkeit zu schützen.

„Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“.

Darum geht es, um diese in unser aller Herzen gelegte, große Sehnsucht nach Geborgenheit in der Liebe anderer Menschen. Zählen sie einmal nur die Fernsehfilme einer einzigen Woche, die diese Sehnsucht zum Thema haben und variantenreich durchspielen.
Als nächstes befragen wir nun unseren Bibeltext. Wovon spricht er?

Lesen wir auch hier von hinten nach vorn. Dann wird es klarer.
„Von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“

Wir müssen heraustreten aus der ursprünglichen Geborgenheit der Eltern. Aus Knaben werden Männer, aus Mädchen Frauen und sie brechen auf, ihre Sehnsucht zu stillen in der Suche nach einem anderen Menschen. Bis aus ihrer Liebe ein Kind entsteht – oder wie Jesus sagt – „die zwei werden ein Fleisch sein“.

Jeder neuen Generation ist dieser Aufbruch zur Aufgabe gestellt: Familie zu gründen. Jesus beschreibt mit wenigen Worten eine der ganz zentralen Grundbewegungen unseres Lebens: Wie wir aufbrechen müssen ins Leben und Liebe suchen. Jeder von uns kann dazu seine Geschichte, seine ganz persönliche Geschichte erzählen und wie man sich gefunden hat. „Ehen werden im Himmel geschlossen“, sagt man und meint damit auch nichts anderes als den Geschenk-Charakter der auf dem Lebensweg gefundenen Zweisamkeit, aus der Familie wird.

Diese Grundbewegung, sagt Jesus, ist uns bestimmt „von Anbeginn der Schöpfung“ weil wir eben Mann und Frau sind und weil aus dieser Vereinigung neues Leben entsteht. Mancher mag lange im Elternhaus bleiben, voll Angst vor diesem Schritt ins ungewisse Leben und dann muß man doch hinaus. Mehr als Hoffnung, mehr als Sehnsucht hat man nicht Gepäck. Es gibt kein Erfolgsversprechen.

Lesen wir weiter. Unser Bibeltext beginnt mit der Frage nach der Berechtigung von Ehescheidung. Dabei geht es um rechtliche Bestimmungen. Uns mag jetzt schon deutlich werden, dass Jesus in seiner Antwort keinen Gesetzestext formuliert. Er beschreibt den Hintergrund, die Bestimmung, den Schöpferwillen Gottes, dass Mann und Frau aufbrechen und sich suchen, finden und vereinen. Von dort her fällt Licht auf die dunklen Erfahrungen.

Von jeher haben sich Menschen geliebt, geheiratet und dann gehasst und dann getrennt. „Herzen werden hart“, sagt Jesus, wenn die Sehnsucht nicht oder nur unzureichend oder gar nicht erfüllt wird. Ich höre darin keine Herabsetzung, kein Urteil.

So ist es und Moses hat in seinen gesetzlichen Regelungen die Möglichkeit der Scheidung genauso berücksichtigt, wie es auch heute in unserer Gesetzgebung selbstverständlich ist. Menschen trennen sich. Die Statistik gibt Auskunft:
Die Scheidungsquote in unserem Land liegt bei etwa 50 %. Durchschnittlich halten Paare 14 Jahre aus, ehe sie getrennte Wege gehen. Seit 1985 sind gut 3,5 Millionen Kinder von Ehescheidungen betroffen.

Das ist Realität. Wie wollen wir uns dieser Realität stellen?

a) Wie wir darüber denken?

Lebenslange Ehe, so sagen die einen, sei eine Überforderung. Hobby-Historiker meinen, früher hätte man eben gar nicht so lange miteinander leben können. Man denke an die hohe Sterblichkeit der Frauen. Andere reden vom „Lebensabschnittspartner“ als neuem Modell für wechselnde Zweisamkeit. Ehe sei ein Auslaufmodell. Nur die katholische Kirche bleibt „fundamentalistisch“, wie man ihr vorwirft, weil sie Scheidungen nach wie vor auch rechtlich ablehnt.

Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

Denken wir an das Ausgangsbild. Von Kindern können wir lernen, wie tief das menschliche Verlangen nach tiefer Geborgenheit in der Liebe anderer Menschen, in der Familie, in unserem Herz verankert ist. Das sollten wir nicht leugnen. Deswegen halte ich persönlich auch alle Formen der Herabsetzung von Ehe und Familie für falsch. Was nicht ausschließt, dass es auch andere Formen des Zusammenlebens geben darf.

Jesus stellt den gesetzlichen Regelungen diese menschliche Bestimmung zur Zweisamkeit gegenüber. Die katholische Kirche setzt beides in eins, indem sie den Schöpferwillen Gottes juristisch verhärtet.

Unsere Kirche geht einen anderen Weg. Sie achtet die Ehe und Familie als Schöpfungsordnung, wohl wissend, dass es auch andere Lebensformen gibt. In der Evangelischen Kirche spielen wir das eine nicht gegen das andere aus.

So, wie es im Bibeltext zur Sprache kommt, leugnet unsere Kirche nicht das Scheitern und verdammt es nicht. Herzen werden hart. Das gehört auch zu unserer Lebenswirklichkeit. Darin liegt kein abfälliges Urteil. Im Gegenteil, darin wird der Schmerz anerkannt, der in jeder Trennung liegt, mal heftiger, mal milder. Es ist gut, dass über diejenigen, die Scheidung erleben, ertragen, durchleiden, durchkämpfen müssen, heute kein abfälliges Urteil mehr gefällt wird.

Wenn wir uns der Realität der hohen Scheidungsquote stellen, ist m.E. Trauer angebracht. Es ist schade, das so viele Menschen in ihrer tiefen Sehnsucht nach Geborgenheit im Herzen eines anderen Enttäuschung erleben müssen. Es ist schade, dass so viele Familien zerbrechen.

b) Was wir tun können?

Befragt man die Statistiken, warum sich Menschen scheiden lassen, dann trifft man sehr häufig auf das Thema Treue, bzw. Untreue. Mann oder Frau können den Versuchungen, sich mit anderen Partnern einzulassen, nicht widerstehen. Vielleicht ist es das, was wir, was besonders auch junge Menschen und künftige Generationen wieder lernen müssen: Treue üben.

Eine biblische Einsicht lautet: Alles, was den Glanz des Göttlichen und Ewigen trägt, wird vom Leben auf seine Festigkeit geprüft. So auch Ehe und Familie. Wir könnten es nun durchspielen:

Was Treue heißt, wenn erst einmal Kinder da sind und die Mutter auf den Beistand des Vaters in der Erziehung wartet.

Was Treue heißt, wenn andere Menschen nahe an den Ehebund herantreten, lockend und verführerisch.
Was Treue heißt, wenn der Lebensweg holperig wird und steinig sich.
Was Treue heißt, wenn Verletzungen geschehen sind.
Was Treue heißt, wenn das Alter kommt und man sich kennt und um jede Schwäche weiß und nur langsam sich dazu durchringt, zu erkennen, dass sich zwar vieles ändert, aber Mann und Frau manche Angewohnheit niemals ablegen.
Was Treue heißt, wenn Krankheit da ist und einer im Bett, aber der andere im Leben weilt?

Vielleicht ist es das, was wir wieder lernen müssen: Dass wir in unserem Leben und in unseren Ehen und Familien darauf angewiesen sind, aus Vergebung zu leben, aus Gnade. Die einen leben aus Gnade, weil Ihnen eine lebenslange Beziehung zugefallen ist. Die anderen leben aus Gnade, weil sie ganz besonders auf Unterstützung, Freundschaft und Hilfe angewiesen sind. Gott möge es ihnen schenken.

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