Salz der Erde

Liebe Gemeinde,

beide Formulierungen aus unserem Bibelzitat für den heutigen Gottesdienst sind hoch gesteckt: „Salz der Erde“. „Licht der Welt“. Diese Bildworte konfrontieren uns mit einem enorm hohen Anspruch. Wollte ich jetzt durch die Reihen gehen, und abfragen, wer von uns sich diesem Anspruch stellen könnte, bekäme ich wohl keinen zu fassen, der „ich bin´s“ laut sagen würden.

Nun gibt es durchaus Predigtraditionen zu unserem Bibelabschnitt, in denen die Namen der „Heiligen“ aus Vergangenheit und Gegenwart vorkommen; herausragende Persönlichkeiten, die moralisch, diakonisch, ethisch Großes geleistet haben. Doch dieser Tradition will ich mich nicht anschließen, denn die Anrede des Bibeltextes möchte ich nicht frei weg einschränken. Es heißt „Ihr seid“ und nicht „ein paar von euch sind.“

Es wird darauf hinauslaufen, dass ich ihnen, liebe Gemeinde, dass ich uns diese beiden Prädikate „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zusprechen oder wenigstens in greifbare Nähe bringen möchte ohne sie zugleich als billigen Ramsch zu verhökern.

Ehe wir aber dieses Ziel erreichen, nehme ich sie in mit auf eine kleine Gedankenreise. Wir beginnen mit einer Zeitung.

Sie laufen davon – wohin?

Vor einigen Tagen widmete unsere Heimatzeitung dem Thema „Kirche“ eine ganze Seite. „Der Kirche laufen die Menschen davon“, war Schlagzeile und Kernthese des Hauptartikels. Nun könnte ich das so nicht unterschreiben. Austritte aus der Kirche halten sich bei uns in Grenzen. Es sind kaum mehr als 50 pro Jahr im ganzen Dekanat. Freilich, das sind immerhin noch 50 zu viel. Sie täuschten sich jedoch, falls sie nun eine Gegendarstellung von mir erwarten würden so in dem Stil: „Wir haben weit über tausend Ehrenamtliche. Es besteht kein Anlass zu Sorge. Obgleich unsere Kirchen sonntags nicht überfüllt sind, leer sind sie aber auch nicht…“

Der Schlagzeile will ich gar nicht widersprechen. Ich möchte sie aufnehmen und eine Frage dazu stellen. Die Frage lautet: Wenn Menschen der Kirche weglaufen, wo bewegen sie sich hin?

Religion ist nur durch Religion ersetzbar

Wo laufen sie hin? Wo geht jemand hin, der das Kraftfeld der christlichen Religion verlässt?

Meiner Antwort stelle ich ein Zitat voran: „Religion kann man nur durch Religion ersetzen“(Luhmann). In Bezug auf diesen Satz herrscht zumindest in der Gilde der Soziologen weitgehend Einigkeit. Man ahnt, was kommt. Tatsächlich möchte ich behaupten, wer sich der christlichen Religion entfernt, bewegt sich nicht- auch wenn er es persönlich anders sehen mag – aus dem Thema „Religion“ heraus. Er wechselt gleichsam nur das Hemd bzw. besetzt den Platz Gottes mit anderem Inhalt: Mit Ideologie von links oder rechts, mit grünem Büßerglauben an Mutter Natur, mit buddhistischer, indianischer oder Schamanen-Gläubigkeit. Gott wird ersetzt durch Geld und- was am häufigsten geschieht, durch das eigene Ich. Glaubenssätze, religiöse Riten und dgl. bleiben. Sie schauen nur anders aus.

Das beste Beispiel dafür ist das Leben in der Konsumwelt. Werbespots, so sagte mal jemand, sind das Evangelium der rein diesseitigen Welt. Dort sichern weder Gott noch Glaube Glück und Zukunft. Stattdessen fahren Autos ins Paradies, Versicherungen beschützen das Leben und Düfte verheißen Erfolg und Schönheit. Markennamen meiner Kleidung ersetzen die Taufe, weil erst sie mir Wert geben.

Das „Credo“, das „Glaubensbekenntnis“ dieser Art von diesseitiger Religion ist derzeit oft zu hören: Unterm Strich zähl ich. Das ist dem alten Bibelwort diametral entgegen gesetzt: Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten. (Mk 8,35)

Wir könnten jetzt verschiedene Lebensbereiche durchwandern und würden überall auf versteckte, religiöse Formen stoßen. Der Glaube an den Weltuntergang durch „globale Erwärmung“ mit der dazugehörigen Forderungen nach radikaler Umkehr und Askese ließe sich – hätten wir viel Zeit – darstellen wie der Glaube einer mittelalterlichen Büßersekte. Wer in diesem Milieu die Bibel zitiert und auf Gottes Zusage traut, die Welt zu erhalten, muss sich des tatsächlich des „gefährlichen Unglaubens“ bezichtigen lassen.

Ein weiteres, plakatives Beispiel füge ich hinzu: Für viele Menschen übernimmt Fußball die Funktion von Religion, d.h. er gibt dem Leben Sinn, überhöht den Alltag und führt Menschen zusammen. Auch hier zitiere ich einen derzeit aktuellen Werbespot: „Niemand führt soviel Menschen zusammen wie Fußball“. Glauben wir noch, dass in Christus alle Welt sich eint, wie es in der Bibel heißt (Lk 13,29): Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes? Weltvereinigung durch Sport erscheint auch guten Christen glaubhafter – und friedlicher. Im Stadion fühlt man sich wohler, als am Tisch des Herrn.

Wo laufen sie hin? Ich verändere diese kleine Frage von eben, denn ich denke, von den Bewegungen hin zu anderen Religionsformen ist vielleicht niemand ganz frei von uns:
Wo laufen wir hin? Meine Antwort lautet: Wir laufen voneinander weg. Bindungskräfte schwinden. Man mag an die hohe Zahl der Ehescheidungen denken. Schlimm ist die Art und Weise, wie Menschen in unseren Arbeitswelten vielfach auf ihre bloße Funktion reduziert werden. Ist sie erfüllt oder überflüssig, hat man keinen Wert mehr.

Wir laufen voneinander weg, isolieren uns in den Bildwelten der Medien. Mancher kennt die fiktiven Lebensgeschichten der „Lindenstraße“ besser als die seiner realen Nachbarn. Und vielen Jugendlichen sind die Abenteuerwelten ihrer Spiele weitaus vertrauter als die Natur und Landschaft um uns herum.

Lasten tragen, Aufgaben erfüllen, sich der Mühsal des Lebens stellen. Verantwortung übernehmen. Treu sein und zuverlässig. Für andere etwas tun und nicht nur für sich. Nein, das ist vielen Menschen heute zu mühsam. Was keinen Spaß macht, bleibt links liegen. Wenn Menschen die Kirche verlassen, „weglaufen“, wie es in der Zeitung stand, dann laufen sie – oder ich sage besser wir – voneinander weg und tragen dazu bei, die Bindungskraft unseres Glaubens zu schwächen.

Ihr seid das Licht der Welt

Ihr seid das Licht der Welt, seid Salz der Erde. Nun werde ich nicht von ihnen, die sie heute im Gottesdienst mit feiern, verlangen, ab sofort die Welt zu verbessern. „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sind keine Überfoderungssprüche, haltbar nur für wenige Ausnahmechristen. Sie beschreiben, was wir tun, was uns als Christen aufgegeben ist.

Ich hoffe, die Antwort erscheint ihnen nicht zu billig: Wir feiern Gottesdienst. Nicht wir allein, sondern Millionen von Menschen feiern den Glauben – wie jemand sagte – den „Glauben an die beste Geschichte der Welt“ – den Glauben an Gott in Jesus Christus.

Es mag einem persönlich kaum bewusst sein, doch indem wir uns zum Gottesdienst versammeln, handeln wir auch gleichsam „politisch“. Wir setzen allen Mächten, und Möchtegern-Herren dieser Welt darin eine Grenze: Meine Seele gehört Gott, nicht dir. Bildlich gesprochen, bekennen wir mit dem Gang zum Gottesdienst: An der Kirchentür endet dein Reich. Hier drinnen herrscht Gott.

Unsere Geschichte ist voll der Versuche, Kirche zu beseitigen. Man denke an die Nazis, an die Kommunisten, und an all diejenigen, die subtil und ironisch unser Tun spöttisch betrachten, und uns zu „Loosern“ erklären. Nicht, dass man die Kirche nicht kritisieren dürfe. Da ist nichts gegen einzuwenden. Wer sie aber bekämpft, zeigt, dass er längst anderen Götzen gehört.

Dass diese Antwort mit dem Gottesdienst nicht „billig“ ist, würde z.B. jeder unserer Konfirmanden sofort spüren, wenn er im Kreis seiner Freunde sagen würde: „Ich gehe gerne in die Kirche.“ Achtet einmal, wie eure Freunde auf einen solchen Satz reagieren.

Ein Beispiel aus der jüngeren, deutschen Geschichte mag uns deutlich vor Augen führen, dass „Gottesdienst feiern“ keine „billige Angelegenheit“ ist. Ich denke an die ehemalige DDR. Wer sich dort als Christ zu erkennen gab, musste mit etlichen Nachteilen im Leben rechnen. Das kommunistische Regime war einer anderen Religion verpflichtet. „Erlösung“ sollte es durch das Kollektiv geben, durch die „gerechte Gesellschaft“, in der niemand mehr krank wäre und allen alles gehörte.

„Salz der Erde“, das ist für mich unser Glaube, der im Gottesdienst sichtbare Gestalt findet. Im Gottesdienst bleibt sozusagen der Himmel über uns offen, offen für Gott. Das kraftlos gewordene Salz sind mir die eben beschriebenen, modern entstandenen „Religionen“ unserer Gegenwart. Sie sind zu nichts nütze. Das mag nun sehr intolerant klingen. Jeder mag es für sich selbst entscheiden, welchem Glauben er anhängen will. Diese Toleranz ist mir wichtig. Wichtig, wichtiger aber ist es mir, die Wahrheit unseres Glaubens zu bekennen und zu leben.

„Licht der Welt“ sind wir nicht aus eigener Kraft. Dieser Glanz ruht auf uns aus dem, der da sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12). Das „Licht der Welt“ sind wir, indem wir uns zu Christus bekennen, im Glauben bleiben und – wohl wissend, wie schwach, ungläubig und anfechtbar wir auch seien mögen – diesen Glauben leben.

Was das bedeutet, wird in der Bibel unmittelbar vor unserem heutigen Bibelabschnitt in den „Seligpreisungen“ beschrieben: Die Sanftmütigen; die nach Gerechtigkeit Strebenden, die Barmherzigen, die Menschen reinen Herzens, die Friedfertigen sind diejenigen, die das Tor zu Gott in dieser gottlosen Welt offen halten im Glauben.

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