Reine Güte

Predigt
24.12.2008
Heiliger Abend

Reine Güte

Lukas 2,1-20

Liebe Gemeinde,

Fragt man ein Ehepaar …
Kennen Sie das auch. Fragt man eine Ehepaar: „Na, wie geht´s in eurer Ehe“. Beide schauen sich – etwas verlegen – an. Dann hört man zur Antwort. „Gut geht´s. Wir vertragen uns bestens.“ Das kaum merkliche, skeptisch-zynische Lächeln des Gegenüber zwingt dennoch zum formelhaften Zusatz: „Natürlich gibt´s auch Streit bei uns. Das gehört dazu. Aber ist eher selten.“

Was beobachten wir an dieser kleinen Szene? Kaum sagt jemand, er erlebe reine Güte und reines Glück, muss er ein „Aber“ beifügen, eine Einschränkung machen, ein Zugeständnis, wie wir es eben gehört haben.

Reine Güte erscheint uns nicht glaubhaft. Nur Gut ist nichts und niemand, so unsere landläufige Überzeugung.

Diese Haltung bringen wir mit in diesen Gottesdienst, in die Feier der Menschwerdung Gottes. Von Gott hören wir seine Boten künden:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und wie reagieren wir auf diese Verkündigung der reinen Güte über unserer dunklen Welt? Kindliches Märchen, sagen die einen. Religiöses Schwärmertum, meinen andere. Gut erfunden, aber nicht wirklich, nicht echt, konstatieren die Skeptiker.

Wir sind so sehr daran gewöhnt, das Gute zu verneinen. Wie wollen wir da an Gott glauben können?

An das Gute glauben

Die Wirtschaftskrise in diesem Jahr hat uns ja – sozusagen als Nebeneffekt – gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir einander vertrauen können. Nun wissen wir es doch, dass wir das Leben nicht als globales Monopoly gestalten können. Das ist zu dürftig, zu wenig, zu menschenunwürdig.

Es ist ja noch nicht so lange her, da wurden wir Zeugen, wie ein ganzes Land sich in Sehnsucht nach guter, heilvoller Zukunft verzehrte. Klar, ich denke an den amerikanischen Wahlkampf. Das können wir nicht einfach kopieren. Doch gut täte es uns auch:
Mindesten alle halbe Jahre verkündet wieder irgendein Institut, dass unsere Region älter wird und die Bevölkerung zurückgeht. Das stimmt ja auch. Doch wehe uns, wenn wir in diesen Klagegesang einstimmten und uns dieses traurige Lied zu eigen machten. Unsere Region ist voll herrlicher Landschaft. Es ist schön, hier zu leben. Man kennt sich noch und die kalte Anonymität und die überteuerten Preise der Großstädte sind uns fremd.

Was will uns hindern, unsere Heimat unter den weihnachtlichen Himmel zu stellen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seines Wohlgefallens“. Das ist keine Schönrednerei. Probleme können wir nicht wegträumen. Der weihnachtliche Horizont des zu uns kommenden Gottes gibt unserem Herzen Lebensmut, Weite und führt uns so aus der Enge unserer Sorgen, aus der Hilflosigkeit und Resignation heraus. Natürlich bedarf es dazu auch der Männer und Frauen, die sich ehrlich und glaubhaft als Dienende in diesen Horizont guter Zukunft stellen können. Es müssen keine Heiligen sein, wohl aber Menschen, denen wir etwas abspüren können. Menschen, die mehr drauf haben als Ehrgeiz und Geltungssucht. Menschen, die mehr können, als Strippenzieherei in Parteibüros.

„Gott will, dass wir leben“, heißt es in der Bibel. Das ist die befreiende Weihnachtsbotschaft mit anderen Worten gesagt. Sie richtet uns auf, gibt uns Kraft und Zuversicht, wenn wir an das Gute glauben wollten. An das Gute für dich und mich. Doch davon später.

Die Güte lässt uns streiten

Das Gute glauben, so unser nächster Gedanke, gibt uns Kraft, – zum Streit. Sie haben richtig gehört: Güte, der Glaube an Güte lässt uns streiten.

Ich erzähle Ihnen von einem – wie alle Beteiligten später sagten – sehr gelungenem Weihnachtsfest. Es fand in einer uns befreundeten Pfarrfamilie statt. Falsch liegen sie mit der Vermutung, man hätte hier alle Weihnachtslieder auswendig gesungen, begleitet von Blockflöte, Klavier und Evangeliums-Lesung. Diese Familie hat drei Töchter, mittlerweile erwachsene Frauen über dreißig. Die drei Schwestern zogen sich nach dem Abendessen zum Rauchen in ein Nebenzimmer zurück. Lachen klang herüber. Dann wurde es eigenartig stillt. Hörte man gar ein Weinen? Eine schrie plötzlich. Der Mutter, neugierig geworden, was da los ein, wurde der Zugang verwehrt: „Das muss jetzt sein. Lass und allein“, hieß es nur. Und dann ging es richtig los. Ein Geschrei und Gezeter. Die Stimmen überschlugen sich und bald hatte man den Eindruck, es fände eine Rauferei statt.
Was war geschehen? Nach über dreißig Jahren, so die Töchter, war es endlich einmal an der Reihe, alles an Eifersucht, an langjährigen Vorwürfen, an Missgunst etc. offen auf den Tisch zu legen. Nach bald drei Stunden traten die jungen Frauen mit strahlendem Gesicht aus dem Zimmer heraus. „So, das musste mal sein. Wir haben alles aufgearbeitet, “ erklärten sie den besorgt dreinschauenden Eltern. „Weil wir eine gute Familie sind“, haben wir uns das endlich gewagt. Und so kehrte danach echter, tiefer Weihnachtsfrieden ein und ist bis zum heutigen Tag in der Familie nie wieder ganz verschwunden.

Ich will nun keine lange Erklärung anhängen. Bloß dies eine sei gesagt: Wenn wir an Güte, an das Gute glauben, wächst uns auch die Kraft zu, uns in diese Richtung zu bewegen, dafür zu streiten.

Lebensbild Jesus

Heute feiern wir die Geburt Jesu Christi. In ihm hat Gott uns das kämpferische Bild der Lebensgüte gegeben. Der Kernsatz der Botschaft Jesu lautet: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium (Mk 1,15). Diese Verkündigung bewegt – zeichenhaft und voller Symbolik – die im Arbeitsalltag stehenden Hirten. Sie bewegt – folgen wir dem Matthäus-Evangelium, die Weisen aus dem Morgenland. Diese Botschaft bewegt die Jünger, die Männer und Frauen, die Christenheit bis auf den heutigen Tag.

Rein werden

Doch Vorsicht! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht einen religiösen Fehler begehen, der da lautet. „Ich erlöse mich selbst“. Das ist zwar der gängige Grundakkord vielfältigster Lebensweisheitsbücher und vielfach unsere Überzeugung: Gutes erfahre ich nur durch mich selbst.

Vor vielen Jahren hatte ein Freund von mir eine Gaststätte gepachtet. „Wirf ihn weg“, rief er mir im Vorbeigehen zu. Gemeint war der wunderschön geschwungene, alte Brattopf, von Jahrzehnte alten Fettschichten fest umklammert. „Ich probier es noch ein bisschen“, gab ich zur Antwort. Tatsächlich erschienen nach wenigen Minuten erste, stahlglänzende, helle Stellen. „Hast du immer noch nicht aufgegeben“, fragt jemand anders. „Nein!“ Drei Stunden später konnte ich einen sauberen, glänzenden, schönen alten Brattopf präsentieren. „Ich hatte geahnt, welche Güte unter dem Dreck hervor scheinen wird“, sagte ich stolz.
Wenn wir auf andere Menschen blicken – was sehen wir da zuerst? Die eingebrannten „Fettränder“? „Dem kannst du nicht trauen“, heißt es. „Die ist bös“. „Wie die daher reden.“ „Vorsicht, die haben in Wirklichkeit ein ganz anderes Gesicht.“ Tiefe Skepsis ist es oftmals, mit der wir auf andere Menschen schauen. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite zeigt uns eine enorme Sehnsucht nach Segen, den wir uns – weil es andere nicht mehr tun – gerne selbst zusprechen. Wissen sie, wie geläufige, deutsche Formel der Selbstsegnung lautet. Sie lautet „Das ist gut so.“ Sie wissen, wer das bei welcher Gelegenheit gesagt hat. Damit keine Missverständnis aufkommt: Ich will nichts sagen gegen Homosexualität. Mir geht es nur um diese nahezu euphorisch nachgesprochene Formel der Selbstsegnung. Die will ich hinterfragen.

Haben wir vergessen, wie wichtig es uns war, als wir klein waren, dass uns Vater und Mutter mindestens täglich einmal sagten: Du bist gut! Erinnern sie sich noch an die glühenden Backen, als sie diese Worte, diese Alltagssegnung von der Lehrerin gehört hatten? Nein, wir können uns nicht selber segnen. Erst wenn ein anderer mir sagt: „Du bist gut!“, erst dann vermag ich frei zu leben.

Im Glauben ist es genauso: Gott kratzt mir die eingebrannten Schichten der Sünde weg. Er weiß ums das Silber, das darunter liegt, um meine Güte, meine Seele. „Du bist gut so.“ Zum Segen werden diese Worte erst dann, wenn sie mir Gott, wenn sie mir ein anderer Mensch in seinem Namen zuspricht. Es muss sie nichts hindern, liebe Gemeinde, am heutigen Abend und in den kommenden Festtagen einander zu segnen: Du bist gut so als Ehefrau, Bruder, Schwester, Schwiegertochter, Nachbar oder Freund.

Heute feiern wir in diesem Gottesdienst die Segnung der Welt durch die Geburt Jesu Christi. Der Himmel öffnet sich über uns und Gott steigt herab. In Jesus Christus sehen wir das aus Gott dem Leben zugewandte, liebvolle, kraftvolle Bild des Lebens in Güte.

In der Taufe wurde dereinst unser Leben diesem Bild verbunden, als glänzendem Untergrund. Natürlich wissen wir um all die Gebrauchsspuren im Leben, die uns und anderen diese Güte verdunkeln.

Doch heute wollen wir uns das neu zusprechen lassen: Inmitten dunkler Lebensnacht ist das herrliche Licht Gottes über uns erschienen. Die Güte, die uns so schwer zu glauben ist, ist der wahre, der tragende Grund unseres Lebens.

Und wenn uns wieder jemand fragt, wie es uns z.B. in der Ehe ergeht, dann spüren wir zwar den Zwang, ein „Aber“ hinzuzufügen, und können es doch getrost unterlassen.

Liebe Gemeinde, wir gehen guter Zukunft entgegen. Wir gemeinsam als christliche Familie. Das will ich zum Schluss betonen. Segen und Güte haben wir niemals für uns allein. Wir haben es als gemeinsamen Besitz der Glaubenden, die sich in diesem Licht der Vergebung begegnen können.

„Und Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ Nein, sie sollen nicht meine Predigt wörtlich wieder geben können. Es reicht, wenn sie, liebe Gemeinde, ihr Herz öffnen für das Licht Gottes, das über unserem Leben erscheint, als Kraft der Hoffnung, des Glaubens und der Zuversicht. Im Weihnachtsfest feiern wir die Erneuerung der Schöpfung Gottes, in der das helle Licht der Güte erscheint in Christus Jesus, uns als Urbild des Lebens gegeben von Gott her und auf Gott hin. Daran wollen wir uns freuen, uns aufrichten und mutig allen Krisen zum Trotz in gute Zukunft mutig schreiten.
Wenn sie dieses weihnachtliche Licht in ihre Herzen aufnehmen können, na, dann haben sie heute nicht umsonst in dieser äußerlich so kalten Kirche ausgeharrt.

Amen

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