Palmsonntag – Die Story.

Liebe Gemeinde,

Die Palmenwedler . Eine Reportage

Es war schwer, sich inmitten des Gedränges Gehör zu verschaffen. „Darf ich fragen, “ versuchte er es bei einer Frau mittleren Alters, „warum sie beim Empfang Jesu in Jerusalem dabei sind?“ In den Augen der Befragten lag ein Glänzen nicht von dieser Welt. Hymnengleiche Worte brachen aus ihr hervor: „ Er wird mich anrühren, wird mich segnen. Ich weiß, dass er der Heiland Gottes ist. Hosianna!“ Sie drängte weiter. Er hinterher. „Was heißt das für sie?“ Für einen Augenblick blieb sie stehen. Fast mitleidig blickte sie ihn an, als wäre er ein dummes Kind: „Jesus wird mich behüten. Mehr brauche ich nicht. Ich lasse mich ganz fallen, und ich weiß, er hält mich. Nie wieder Kummer! Nie wieder Sorgen. Er ist um mich herum, über mir, in meinem Herzen.“ Bedrohlich hart hämmerte sie zwei Sätze hinterher: “Glauben, ja bloß glauben müssen wir das. Nur wenn wir das glauben, glauben, glauben, wird es auch wahr.“ Mühsam notierte er im Gedränge ihre Worte. „Und sollte ich stürzen oder fallen, so sind seine Engel da, mich zu halten. Schreiben sie das auch!“, rief sie ihm noch zu und verschwand im Gedränge.

„Hosianna. Hosianna“. Hunderte von Stimmen verschmolzen zu einem liturgischen Gesang. Kratzende Palmwedel schrieben rote Spuren auf die Wangen des Reporters. „Mich schützt er jedenfalls nicht vor dieser wilden Menge“, dachte er sich.

Dann fiel sein Blick auf einen hochgewachsenen Mann undefinierbaren Alters, den die vorwärtsdrängende Masse in einen Torbogen gespült hatte. Mit Ellbogeneinsatz gelang es ihm, ebenfalls dort zu stranden. Das Empfinden plötzlicher Kälte rechnete er dem Schatten zu. „Was erwarten sie von Jesus?“ Ohne Schnörkel und Einleitung kam der Reporter gleich zur Sache. Der Hochgewachsene wirkte sehr unsicher. Seine hohlen Augen gingen suchend umher.

„Was erwarten sie von Jesus? Ich schreibe darüber für eine Zeitung.“
Die Antwort war erstaunlich: „Wir treffen uns. Wahrscheinlich eher abseits in einem der Gärten.“ „Was erwarten sie von ihm?“ „Versöhnung mit mir“. „Wer sind sie?“ „Das, Jonas, wirst du heute noch nicht erfahren.“ Und ehe Jonas, unser Reporter, nachfragen konnte, war der andere verschwunden. Dass dieser seinen Namen kannte, notierte Jonas mit der Eitelkeit eines nicht ganz unbekannten Zeitungsmenschen. „Zurück zur Arbeit“, befahl er sich selbst und mischte sich unter eine Gruppe junger Erwachsener und fuhr mit ihnen fort, Menschen zu befragen.

„Was wir von Jesus erwarten“? Wenigstens einer hatte Lust, zu antworten. „Wir erwarten Gerechtigkeit für alle Armen und Bedrängten. Wir sind Sympathisanten der Tagelöhner, die an den Palästen arbeiten. Steine müssen sie schleppen. Jesus wird das ändern. Er gibt uns Brot statt Steine.“ „Brot statt Steine“, ein anderer nahm diese Worte auf und skandierte sie laut. Die anderen stimmten ein „Brot statt Steine. Jesus. Hosianna“. So zogen sie weiter, wedelten skandierend ihre Palmen und schnell hatte Jonas sie im Gedränge wieder verloren.

Im letzten Dorf vor Jerusalem hatte Jesus sich einen Esel erbeten, auf dem er in die Stadt einreiten wollte. Man hatte ihm gesagt, ihn erwarte eine jubelnde Menge, die in und mit ihm den Anbruch der Herrschaft Gottes feiern wolle. Ob sie es verstehen würden, warum er das Lasttier wählte? Einem modernen König gleich auf einem Ross einzureiten oder sich eines Prunkwagens zu bedienen, wie es die römischen Kaiser so liebten, das alles war ihm so unendlich fremd.

Jonas hatte unterdessen in einer Taverne Schutz gesucht und traf dort auf eine Gruppe Geistlicher, leicht zu erkennen an ihrer Tracht. „Was wir von Jesus erwarten? Wir erwarten die Aufrichtung einer globalen Gottesherrschaft als Ende der Krise. Das wird der Prüfstein sein. Sofern es ihm gelingen wird, eine hierarchische Struktur zu schaffen, die sich global aufstellt, mag er der sein, der er vorgibt. Strengste Unterwerfung unter den Willen des Allerhöchsten ist eine weitere Kondition, auf der wir bestehen müssen. Kompromisse sind Ausdruck von Schwäche. Der Mensch, das wilde Tier, braucht unbarmherzige Herrschaft. Die Bejahung einer Elite ist unabdingbar. Sollte er dazu …“

Den Satz konnte er nicht mehr beenden, weil es ihm die Sprache verschlug. „Das darf doch nicht wahr sein“, entlud sich seine Enttäuschung. „Ich hab´s gewusst“, fügte eine kalt pfeifende Stimme hinzu. „Schande, Schande. Wie kann man sich so irren“.

In erbärmlicher Demut trottete Jesu auf seinem Esel sitzend durch die Menge. Einer Schar Galeerensklaven gleich trotteten seine Jünger hinterdrein. Die meistens hielten den Blick betreten zu Boden gesenkt. Er aber schien nichts wahr zunehmen, was um ihm herum geschah. Hatte er die Augen geschlossen?

„Macht muss demonstriert werden. Das wollen die Leute.“ Die Umstehenden nickten dem Geistlichen zu. „Diese erbärmliche Pose, sich wie ein Vieh zur Schlachtbank tragen zu lassen, ist unerträglich. Wir haben uns geirrt. Gott sei Dank wurden uns rechtzeitig die Augen geöffnet.“

„Hosianna, Hosianna“. Noch erklangen Rufe und wurden Palmen geschwenkt. Doch wer hinhören konnte, vernahm die Kälte, die der Stimmen Klang wie Wolken einen Sommertag verdüsterte. Oder lag es an jener Gestalt undefinierbaren Alters am Ende des Zuges?

Zwiegespräch mit dem Hochgewachsenen

Abseits in einem kleinen Raum standen Sie. Jesus schaute aus dem Fenster.
„Sie irren umher wie Schafe, die keinen Hirten haben“, sprach der Hochgewachsene. Jesus wandte sich ihm zu, wobei er schnell noch die Tränen aus seinen Augen wischte. „Sie werden es nie begreifen“, sprach er leise. „Mir war, als hätte ich die furchtbaren vierzig Tage meiner Prüfung noch einmal durchleben müssen. Und nun stehst du vor mir und ich spüre wieder der Menschen Grauen, dich treffen.“

„Franziskus wird dereinst mich Bruder nennen“, entgegnete der Hochgewachsene und schob gleich seine Frage nach: „Du weißt, warum ich hier bin?“ Jesus nickte und schwieg eine Weile, ehe er sprach: „ Dir wollen sie alle entgehen. Die Frau vorhin, die sich vor meinen Esel warf. Sie hat so entsetzt drein geschaut, als das arme Tier einfach über sie weglief. Was hatte sie denn erwartet? Dass ich sie aufhebe und mit ihr schnurstracks in den Himmel fahre, während sie die Aussicht genießt. Nein, mit dir will keiner gehen und ich soll alle Träume erfüllen. „Backe denen dort ein Brot“, hatte Petrus ihr zugerufen. Und sie antwortete: „Solche Halunken sind mir egal“. Wird denn keiner je verstehen? Und die mit ihren Plakaten. Auch ihnen gab Petrus etwas mit: „Glaubt an Gott und betet“. Doch sie lachten nur. „Wir lieben den Menschen. Das muss genügen“, entgegnete einer. Ein anderer rief: „Wir vertun unsere Zeit nicht“.

Keiner will es wahrhaben, was unser Vater über diese Welt verhängt hat. Es ist deine Herrschaft, die die Menschen würgt. Auch wenn sie es kaum wirklich spüren, wohnst du in jedem ihrer Gedanken. Sie wandeln in ihren Träumen und Wünschen. Nach Wundern verlangen sie. Doch leben, wirklich leben will kaum einer. Wer dich nennt, wird verflucht. Spüre ihren Visionen nach, und du wirst erkennen, dass der Turmbau noch kein Ende gefunden hat. Unablässig bauen sie daran, höher zu kommen und unseren Vater zu erreichen, ohne dir begegnen zu müssen.

Hast du die harten Gesichter der Geistlichkeit gesehen? Herrschen wollen sie, nichts als herrschen. Oh Jerusalem, wenn du doch erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen (Lk 19,42).

Alle wollen sie vor dir gerettet werden und wissen doch, dass ein jeder dir begegnen muss. Werden sie es je glauben können, wirklich erfassen und im Innersten bewahren, das ich nach meinem Sieg bei ihnen sein werde in ihrer letzten Stunde? Sie fluchen meinem Vater, wenn Krankheit über sie kommt und zweifeln. Warum spüren sie seine Gegenwart gerade dann nicht, wenn er sie in seinen Armen hält?

Mir graut bei dem Wissen, wen sie alles töten werden, um ihre – wie sie sagen – „ewigen Reiche“ zu errichten. Haben sie denn gar kein Vertrauen? In ihrer grenzenlosen Angst trauen sie nur dem, was sie selber können und klammern sich an das, was sie besitzen und glauben, je reicher sie seien, dir zu entkommen.

Gestern als Maria mich salbte, dir zu begegnen, brach in meiner Jüngerschar fast ein Tumult aus. Vergeudung warf man ihr vor. Ein dummer Vorwand, Angst zu verbergen, dir, lieber Freund, ins Auge zu schauen. Ich musste Maria in Schutz nehmen. Wer weiß, was sie mit ihr sonst getan hätten.

Mit graut vor dem, was alles in meinem Namen geschehen wird. Möge mein Vater es walten, dass am jüngsten Tag die Schale des Unheils nicht schwerer wiege, als die der guten Taten. Und all das, weil sie dich fürchten und dir Opfer bringen und dennoch sprechen: Es geschehe für Gott. Du bist ihr wirklicher Gott, ihr Abgott, ihr Götze. Du bist Satan.

Werden sie denn niemals begreifen, dass Liebe das einzige ist, was dich überwindet in ihren Herzen? Die Liebe meines Vaters zu seinen Kindern. Es wäre so einfach, sie zu erfassen. Wer verliert, der wird gewinnen. Was hilft es dem Menschen, wenn er alles gewinnt und darüber das Leben verliert? Wer sein Leben für mich verliert, der wird gewinnen. Wie oft habe ich es Ihnen gesagt und immer wieder sah ich, wie diese Worte Ratlosigkeit und Angst in ihre Augen malten.“

„Du spricht mir aus dem Herzen“, gab der Hochgewachsene zur Antwort, „es wird Zeit, dass wir uns versöhnen um deines Vaters willen. So ist es bestimmt. Ich reiche deine Angst. Spürst du meine Sehnsucht nach Wärme“ Er ging einen Schritt auf Jesus zu. „Warte“, sagte dieser zurückweichend, „lass uns in Getsemane treffen. Dort sind wir unter uns allein. Denn ich, der ich Mensch geworden bin, spüre deren Furcht und so gib mir noch ein paar Tage Zeit Abschied zu nehmen, Bruder Tod, ehe wir uns in Gott versöhnen und du auf Golgatha dein Regiment an mich übergibst.“

In hoc signo

„Na, habt ihr endlich aufgegeben“! Eigentlich wollte Jonas nicht, dass seine Worte so höhnisch klingen. Petrus und die Männer und Frauen um ihn herum nahmen es ihm nicht übel. Sie waren fröhlich. Jonas spottete weiter: „Sic transit gloria mundi. So vergeht der Ruhm Welt. Ist wohl richtig, dass ihr die Palmenwedel verbrennt. War wohl nix… Schade zwar um ihn. Aber so ist es nun mal. Eure gute Laune verwundert mich“.
Tatsächlich verbrannten Petrus und die anderen in einer Tonschale die Palmenzweige vom Tag des Einzugs. „Wozu braucht ihr die kleinen Amphoren?“ fragte Jonas neugierig. „Wir heben die Asche auf, die aus diesen Palmen hervorgeht.“ „Und was macht ihr damit?“ „Damit zeichnen wir alle, die leben werden“, sprach Petrus lachend, netzte seinen Finger in einem Wasserkrug, nahm Asche auf und zeichnete Jonas ein Kreuz aus Asche auf die Stirn. Schlagfertig zitierte jener die Bibel: „Memento homo, quia pulvis es, et in pulverem reverteris“ (Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst).

„Falsch“, korrigierte ihn Petrus und fuhr – einfältig und arglos, wie er war – fort, „In hoc signo vinces. In diesem Zeichen wirst du siegen. Das Wort vom Kreuz ist uns, die wir selig werden, eine Gotteskraft.“

„Ist wirklich etwas dran, was man über Jesus und den besiegten Tod sagt?“ Jonas war neugierig geworden, „Erzählt mir alles. Ich bringe es groß raus: Palmsonntag – Die Story.“ „Danke, Jonas“, entgegnete Petrus, „über Jesus schreiben wir lieber selbst. Oder, wie seht ihr das Markus und Johannes?“

Amen

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