Empfangen und weitergeben

Liebe Gemeinde,

„Frohe Ostern!“ – so klingt es uns in diesen Tagen aus allen Ecken entgegen. Nicht nur mit Worten, sondern auch mit österlich geschmückten Sträuchern und Hasen mit Osternestern in Vorgärten und mancherlei mehr. Ich habe hie und da mal Menschen gefragt: „Warum macht ihr das eigentlich? Was feiert ihr an Ostern?“ – und habe ganz unterschiedliche Antworten bekommen:

„Wir freuen uns, dass es endlich Frühling ist, nach diesem langen Winter.“ Manche sprachen von „der Sehnsucht nach neuem Leben, nach Neuanfang – äußerlich und innerlich“. Andere sind mir eine Antwort schuldig geblieben. Sie wissen nicht, warum Ostern gefeiert wird.

Dass Ostern ein christliches Fest, und wie Weihnachten für Christen einer der Höhepunkte im Jahr ist. Dass Christen an Ostern die Auferstehung Jesu Christi feiern. Sie wissen es nicht, weil es ihnen vielleicht auch noch nie jemand erzählt hat. Was Ostern bedeutet, dazu braucht es auch dieser Tage Zeugen. Menschen, die es anderen weitererzählen. So wie damals.

Ich lese dazu den heutigen Predigttext aus dem 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (1. Kor 15, 1-11):

[TEXT]

Liebe Gemeinde, schon 20 Jahre nach dem Tod Jesu gibt es in der Hafenstadt Korinth in Griechenland eine kleine christliche Gemeinde. Der Apostel Paulus hat sie in den Jahren 50/51 gegründet und etwa eineinhalb Jahre dort missioniert. Dann glaubte er, die Gemeinde mit gutem Gewissen sich selber überlassen zu können. Aber kaum ist er weg, brechen in der Gemeinde Streitigkeiten über die Grundlagen christlichen Glaubens auf. Einige sagen nämlich, dass es keine Auferstehung der Toten gibt. Paulus ist einigermaßen irritiert. Für ihn steht der Kern des Glaubens zur Debatte und so schreibt er ihnen einen langen Brief. Er versucht, Andersdenkende mit Argumenten zu überzeugen. Das ganze 15. Kapitel des 1. Korintherbriefes ist ein einziges Zeugnis solcher Argumentations-arbeit.

Paulus beginnt damit, dass er die Korinther an das erinnert, was er ihnen als wesentlichen Inhalt christlichen Glaubens vermittelt hatte: „Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht…“

„Dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift;
und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen.“ (mit Kephas ist Petrus gemeint.)

Gestorben, begraben, auferstanden, gesehen worden– so lautet das
das älteste christliche Glaubensbekenntnis, das wir überhaupt kennen, Es ist wesentlich älter als der 1. Korintherbrief. Paulus hat diese Worte aus der Tradition übernommen und in seinen Brief eingebaut. Interessant und beachtens-wert sind die Worte, mit denen Paulus es einführt: „Denn ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe.“

So und nur so, durch die Weitergabe von überlieferten Texten hat uns alle, die wir heute hier in diesem Ostergottesdienst versammelt sind, der christliche Glaube erreicht. Weil es vor uns durch die Jahrhunderte hindurch Christen gab, die weitergegeben haben, was sie auch empfangen haben. Darum hatten auch wir eine Chance, Christen zu werden.

Zudem nennt der Apostel in seinem Brief auch zahlreiche Zeugen der Aufer-stehung. Er strengt sich wirklich an. Er zieht alle Register der Beweisführung: Wenn das mit Jesu Auferstehung nicht stimmte, dann wäret ihr ja umsonst gläubig geworden. Aber so viele haben ihn doch gesehen: Und dann kommt die Aufzählung, von wem er alles gesehen worden ist:

„…von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir, Paulus, gesehen worden…“

Wie Jesus auferstanden ist, wird nicht gesagt. Das bleibt Gottes Geheimnis. Aber dass er auferstanden ist, das wird bezeugt. Heute feiern wir Ostern, weil Menschen wie Paulus und die genannten Zeugen, ihren Glauben mündlich oder schriftlich weitergegeben haben.

Zu beweisen ist die Auferstehung Jesu nicht. Sie erschließt sich nur dem Glaubenden, dem, der sich darauf einlässt, dass es eine Wirklichkeit außerhalb unseres menschlichen Denkens und Forschens gibt.

Stellen Sie sich vor, Sie lieben Ihren Mann / Ihre Frau und wollten diesem Menschen beweisen, dass Ihr Herz in Liebe für ihn schlägt, dann würde sich dieser Liebesbeweis vielleicht so anhören:

Du weißt doch, dass ich dich vor Jahren aus Liebe geheiratet habe! Wäre ich sonst mit dir vor den Altar getreten? Und erinnere dich doch, wie viele Menschen dabei waren: Deine und meine Eltern, unsere beiden Trauzeugen, all unsere Verwandten, Freunde und Bekannten. Die wissen doch alle, dass ich dich liebe. –

So, wissen sie’s wirklich?

Und bei der Hoffnung ist das ganz ähnlich, die gehört ja auch als die dritte zum Glauben und zur Liebe. Wollten wir beweisen, was wir hoffen, dann würden wir vielleicht so sprechen:

Sicherlich gibt es ein Leben nach dem Tod. Wie viele Christen aller Zeiten sind doch davon ausgegangen und haben darauf gewartet, dass noch etwas kommt. Und der Pfarrer, der mich damals konfirmiert hat, hat im Konfiunterricht auch gesagt, dass wir Gottes Kinder sind und nach dem Tod nicht alles zu Ende ist.

Ob einer, dem wir das so sagen, nun wirklich hoffen kann, dass dieses manchmal doch so schwere Leben nicht alles ist, was Gott uns schenken will?

Was muss dazukommen, außer den sicher gut gemeinten Versuchen, etwas zu beweisen, dass einer zum Glauben an die Auferstehung kommt, zur Gewissheit meiner Liebe und zur festen Zuversicht der Hoffnung?

Die Zahl der Zeugen macht’s sicher nicht. Es kann auch ein einziger Zeuge / eine einzige Zeugin genügen, um uns mit Leib und Seele und ganzem Herzen zu Jesus Christus, dem Auferstandenen, zu ziehen.

Bei mir war das z. B. meine Oma, die durchdrungen war von ihrem Glauben. Ich habe nie daran gezweifelt, dass sie mit Jesus lebte, dass sie wusste, dass er immer in ihrer Nähe ist und dass sie mit ihm an ihrer Seite durch ihre Tage ging. Bei anderen Menschen ist das vielleicht die Mutter gewesen, die am Abend mit ihnen am Bett gesessen und gebetet hat. Wieder andere haben einen solchen Glaubenszeugen vielleicht in einem Freund oder einem Lehrer erlebt.

Es gibt Menschen, die ausstrahlen, dass sie Christ sind. Diese Freude über ihren Glauben ist in ihren Augen zu sehen, wie sie glänzen und leuchten, wenn sie davon erzählen. Und wenn sie nicht nur mit den Lippen, sondern auch mit dem Herzen bekennen: „Ich glaube, dass Jesus auferstanden ist!“ – dann ist zu spüren, wie vertraut sie mit diesem Jesus sind, weil er eben heute bei ihnen ist und sie mit ihm reden und ihr Leben von ihm bestimmen lassen.

„Denn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet,“ schreibt Paulus in seinem Brief an die Römer (Römer 10, 9).

Unser Glaube an die Auferstehung Jesu soll heute unser Leben gestalten. Darum kann unser Glaube auch nur heute angesprochen werden und entstehen. Dazu braucht es Zeugen – in diesen Tagen. Menschen, die ergriffen sind vom Glauben und sich nicht scheuen, davon zu reden. Ja, es gibt diese Menschen, wie es die Frauen und Männer gibt, die ihren Partner/ihre Partnerin mit ihrem ganzen Wesen sagen, dass sie voll Liebe für sie sind. Wie es Christen gibt, die von der tiefen Hoffnung beseelt sind, dass der Tod nur ein Übergang, ja, eigentlich der Beginn des wahren Lebens ist.

So kann nur der Glaube selbst wieder Glauben bei anderen wecken. Und nur weil es bis heute vom Glauben an Jesu Auferstehung überzeugte Menschen gibt, ist die Kette noch nicht abgerissen und wird in Zukunft auch nicht abreißen.

Ich persönlich für mich weiß, dass Jesus auferstanden ist. Dass er mein Leben verändert hat und er immer bei mir ist. Das habe ich empfangen und das gebe ich Ihnen heute, hier in diesem Gottesdienst weiter: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

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