Diamant in McDonalds-Schachtel

Liebe Gemeinde,

dass es den Beruf Neuromarketingexperte gibt, hatte ich bislang nicht gewusst. Man stößt auf diese Bezeichnung, wenn man dem Internet die Frage stellt: Wie wichtig sind Verpackungen?

„Klar ist“, heißt es auf einschlägiger Seite, „die Verpackung spielt eine ganz wichtige Rolle. Und die Emotion mischt kräftig mit, auch wenn `aufgeklärte´ Verbraucher gerne behaupten, rein rational einzukaufen.“

Wie wichtig Verpackung ist, hatten wir gerade heute vor einem Monat – heute ist der 24. Januar – selbst erfahren. Unterm Weihnachtsbaum lagen adrett verschnürte Päckchen. Ein Geschenk, in zerlesenes Zeitungspapier gewickelt, macht eben nicht viel her. Ein Diamantring überreicht in einer McDonalds-Schachtel irritiert und bremst die Freude der Beschenkten sicherlich.

Wir haben den Schatz in „irdenen Gefäßen“. Man ahnt, warum wir das Thema „Verpackung“ als Hinweg zum Bibeltext gewählt haben. Was Paulus bei dieser Wortbildwahl vor Augen stand, kann man natürlich nur vermuten. Vermutung ist auch, dass sie, liebe Gemeinde, bei „irdenem Gefäß“ zuallererst die Assoziation „zerbrechlich“ haben. Die muss nicht zutreffen. Es könnte durchaus sein, dass Paulus das Bild antiker Amphoren, 50 Liter fassende Tongefäße, vor sich sah, in denen Lebensmittel wie Öl oder Wein transportiert wurden. Die Amphore damals kommt unserer heutigen Einwegflasche recht nahe. Man hat sie meist nach einmaligem Gebrauch zerstört. Der Monte Testaccio, ein Scherbenberg in Rom, ist noch heute zu bewundern. Eine Amphoren-Scherben-Abfallhalde von gut einem Kilometer Umfang. Außerdem hat man den unteren Teil der Amphoren oftmals als Urne verwendet oder überhaupt die Scherben bei Beerdigungen als Abdeckungsmaterial genutzt.

Die Pointe des Bildes liegt also nicht in der Zerbrechlichkeit, sondern im geringen Wert der Hülle gegenüber dem Inhalt.

„Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“ Das ist der Inhalt, der Diamant, der Glaube. Und wir sind die Verpackung.

Das Bild vom Schatz in „irdenen Gefäßen“ also will sagen: Die wunderbare, schöpferische Kraft des Glaubens tragen wir – um Luther zu zitieren – im Madensack unseres Leibs, in unseren Gedanken, in unserem oft viel zu verwirrten Kopf, in unserem vergänglichen Herzen umher, „dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi“. Diamantring in McDonalds-Schachtel. Es mag sein, dass dieses Bild uns beschreibt, wenn wir an den Glauben und uns als dessen Träger, als dessen Verpackung denken.

II. Der Inhalt edelt die Verpackung

Die Neuromarketingexperten erforschen den Einfluss visueller Darstellung auf unser Kaufverhalten. Die Entscheidung, wonach unsere Hände im Einkaufscenter greifen, hängt – meist unbewusst – in hohem Maße davon ab. Das ist die Logik unserer visuell stark geprägten Welt. Schöne Menschen, sagt man, sind erfolgreicher. Dem, der elegant und sicher auftritt, kauft man eher etwas ab als einem Mann mit fettigem Haar.

Paulus kehrt diese visuelle Logik um, indem er vom Inhalt her denkt: „Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwengliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“

Ich kann mir gut vorstellen, wie er seine Korinther vor sich sah:. „Seht doch, liebe Brüder“, heißt es bei ihm an anderer Stelle, „auf eure Berufung. Nicht viele Weise, nicht viele Mächtige, nicht viele Angesehene sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt… und was schwach ist“ (1. Kor 1, 26ff).

Was sind wir schon, fragen sich viele Gemeindeglieder, uns nimmt doch keiner ernst. Wir sind zu alt, machen nichts her vor der Welt, sind in den Augen der anderen doch kaum mehr als fromme Außenseiter. Glauben an Liebe, Vergebung, Barmherzigkeit und glauben auch, dass uns Gott leitet und trägt. Die anderen lachen darüber oder zucken gleichgültig die Schultern

Und Paulus fährt fort: „Was töricht ist vor der Welt, hat Gott erwählt … und was schwach ist … damit sich kein Mensch vor Gott rühme.“

Ich bewundere diesen paulinischen Realismus. Es kommt nicht auf die Äußerlichkeiten an, sagt er, und kann deswegen die Menschen so sehen, wie sie sind.

Man könnte es auch als Maxime formulieren: Lasse dich nicht von den Äußerlichkeiten dieser Welt blenden. Da kommen sie vorgefahren im edlen BMV, tragen feines Tuch und zeigen gerne aller Welt, welche Macht sie besitzen. Lasse dich nicht blenden. Höre auf das, was sie sagen und schau, was sie tun: Es sind gierige, habsüchtige Menschen, auf Vorteil und Reichtum bedacht. Lasse dich nicht blenden von dem, was deine Augen sehen. Höre und prüfe, was du wirklich wahrnimmst. Durchschaue den Schein, so sehr er dich blendet. Danach wirst du klarer sehen.

Die Neuromarketingexperten beteuern: Die Verpackung lenkt die Entscheidung. Der paulinische Realismus widerspricht: Menschen haben durchaus die Fähigkeit, Inhalt, haben die Fähigkeit, die geistliche Dimension, die Wahrheit zu erkennen.

Auch wir sind Menschen, sagt Paulus mit Blick auf die eigenen Reihen, wie Menschen halt so sind. Was uns edelt, ist weder unser Auftreten noch unsere Erscheinung. Was uns edelt ist das, was wir als „Kinder Gottes“ in uns tragen: Der Glaube an Gottes Liebe, an Vergebung, an Barmherzigkeit, an Ehrlichkeit und Nächstenliebe.

Der Inhalt edelt die Verpackung, nicht umgekehrt. Wir sind gedanklich nahe bei dem, was Luther die „Rechtfertigungslehre“ nannte. Unser Würde, unsere Kraft, unseren Wert verdienen wir uns nicht selbst. Es wird uns im Glauben zugesprochen. Wir sind die Amphoren, die edelsten Wein tragen und Brot des Lebens in uns bergen. „Gott hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.“

III. Mutig leben

Und wie lautet nun Nutzanwendung unserer Einsichten? Die erste Einsicht sei kurz wiederholt: Vorsicht vor blendenden Verpackungen. Ein Minister im Mercedes könnte auch ein Dieb sein. Lasse dich nicht auf deine Schaulust reduzieren. Es gibt tausende von Agenturen, die dich damit manipulieren! Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht ins Herz. Auf Blender bist du doch schon oft genug hereingefallen!

Die zweite Einsicht formuliere ich einmal so: Abere nicht in der falschen Richtung. Wie bitte? Was ist denn das für ein Wort? Angeblich gibt es das Wort abern tatsächlich. Was ist damit gemeint?

Zwei Beispiele: Ich glaube an Gott, aber ich habe viele Zweifel. Ich bin evangelisch, aber ich gehe nicht zur Kirche. Das Wörtchen aber ist notwendig und beliebt, weil es uns Differenzierungen ermöglicht: Hart aber fair. Das Wörtchen aber ist i.d.R. eine Form der Verneinung.

Genug der sprachlichen Spitzfindigkeiten! Gehen wir bei Paulus in die Schule. Er lehrt uns den rechten Gebrauch des Wörtchens aber:

Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht.
Uns ist bange, aber wir verzagen nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen.
Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.
Der Glaube setzt der Angst Grenzen. Nicht umgekehrt. Darauf kommt es Paulus an: Sage nicht: Ich glaube, aber ich habe viele Zweifel. Lass nicht zu, dass Zweifel deinen Glauben „abert“. Abere richtig: Ich habe viele Zweifel, aber ich glaube. Ein Unterschied: Klein aber fein!

Warum sprechen, warum „abern“ wir nicht so:

Die Ökonomie setzt auf die Habgier der Menschen, aber wir glauben dass Zukunft nur dort ist, wo Menschen füreinander denken.

Alle Welt hat Angst vor einer gigantischen Umweltkatastrophe, aber wir trauen darauf, dass Gott seine Schöpfung nicht fallen läßt.
Die Politik traut sich nicht, Wahrheit zu sagen aus Angst vor Machtverlust, aber wir glauben, dass Wahrheit frei macht und mächtig ist.
Jeder denkt nur an sich, aber wir sehen die große Sehnsucht derer, die sich einen Menschen wünschen, der das nicht tut.
Die Welt zerbricht an ihrer Ichsucht, aber wir haben Hoffnung für diese Welt, die in Gott gründet.

Wir glauben, aber wir sind auch nur Menschen, aber Gott hat uns in Jesus Christus gebunden, aber wir werden sterben, aber leben werden wir, aber wir haben Zweifel aber Hoffnung ist stark, aber wir sind Menschen, aber keine Helden. Müssen es auch nicht sein. Gott hat es gefallen, seinen Geist in uns zu legen: Diamanten in einer McDonalds-Schachtel. Uns edelt das, was wir in uns tragen. Gebe Gott, dass wir keine Mogelpackung sind.

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