Lasst uns versöhnen mit Gott

[Diese Predigt wurde in Zusammenarbeit mit Claudia Ginkel geschrieben.]

Ja, Gott war es, der im Messias die Welt mit sich versöhnt hat. Gott rechnete ihnen ihre Vergehen nicht an und hat unter uns das Wort von der Versöhnung in Kraft gesetzt. Im Auftrag des Messias sind wir nun Gesandte in der Überzeugung, dass Gott euch durch uns ersucht. So bitten wir an Stelle des Messias: Lass euch versöhnen mit Gott! Gott hat ihn, der keinerlei Sünde getan hatte, an unserer Stelle zu einem sündigen Menschen gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit verkörpern, in eins mit Jesus.

– 1.Teil –

Keine Leidensgeschichte heute im Gottesdienst, keine Legende vom letzten Weg und der letzten Station Jesu am Kreuz, kein Psalm 22, Jesu Worte am Kreuz, davon nichts. (Wahrscheinlich hat das schon die frühe Christenheit gestört, zu wenig Erzählung, und deshalb die Evangelientradition nach den Paulus-Briefen begründet.) Ja, Paulus verzichtet auf eine Lebensgeschichte und schreibt stattdessen das kurze, knappe Glaubensbekenntnis an die Gemeinde in Philippi. Und sein 2. Brief an die Gemeinde in Korinth, die er gut kennt und um die er neu wirbt: große Theologie und sein umfassendes Nachdenken, was Jesu Kreuz und Sterben für die Christenheit bedeuten kann.

Paulus hat den Menschen Jesus nicht gekannt, von seinem Sterben mag er gehört haben. Paulus steht vor Augen die enge, ungetrübte Gemeinschaft zu geliebten Menschen und ein verändertes Verhältnis zu Gott. Und das siedelt er im Kreuzestod Jesu an! Das Kreuz macht klar, dass Leid nicht die Trennung von Gott bedeutet. Nicht Gottverlassenheit kennzeichnet das Elend der menschlichen Existenz, sondern die Rettung zum Leben. Jesus Christus ist die Instanz, die diese Wahrheit vermittelt. Paulus interessiert sich nicht für die historische Persönlichkeit, die in Jerusalem hingerichtet wurde, sondern für Gottes Kraft, die in diesem Sterben mächtig wird. In der Schwäche, im Tod am Kreuz, entfaltet sich für uns die Kraft des Messias. Durch Christus trennt uns das Leiden nicht mehr von Gott, vom Heil, von der Erlösung, sondern das Leiden verbindet uns, nimmt uns hinein in einen Kreislauf von Gnade, Zuwendung und Rettung.

[Orgelmeditation]

– 2. Teil –

„Gott … hat aufgerichtet das Wort von der Versöhnung“. Wo Versöhnung geschieht unter den Menschen, da geschieht Ausgleich, Genugtuung, da werden Trennungen und Barrieren überwunden, da kommt die Verletzung zur Sprache, das, was weh getan und geschmerzt hat. Wo Versöhnung geschieht, finden Menschen neu zueinander, da begegnen sich (vielleicht) Opfer und Täter, treten einander gegenüber, schauen sich an und weichen einander nicht aus.

In den vergangenen 2 Monaten wurde eine schier nicht enden wollende Serie von Fällen sexuellem Missbrauchs in kirchlichen, staatlichen und privaten Internaten und Einrichtungen öffentlich. Sie halten unser Land in Atem und wir haben dabei erfahren, wie schwer es den Opfern fällt über das, was ihnen angetan wurde, zu sprechen. Wie versucht wurde, das Erlebte zu verdrängen, es vergessen zu machen und es erst nach vielen Jahren gelingt, von den Verletzungen zu erzählen, von den Umständen, den Beteiligten, den Mitwissern, dem Umgang, der Scham, dem Schweigen. Und es wird deutlich, wie schwer es den Tätern fällt, ihren Missbrauch zu sehen und einzugestehen. Die Schuld und die Verantwortung wird weggewälzt, wird abgewälzt auf andere und anderes. Dass es die Zeit war, die fortschrittliche Pädagogik, dass es doch Liebe war, dass doch nichts dabei war, dass es die Opfer doch auch gewollt haben. Erklärungen werden dargeboten und halbherzige Zugeständnisse, die von den Missbrauchten vielfach als ungenügend und wenig hilfreich empfunden werden.

Gott hat aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Wo Versöhnung geschieht, da erfahren Menschen Genugtuung und Ausgleich. Nicht immer ist das möglich und in den besonderen Fällen des sexuellen Missbrauchs scheint es fast unmöglich zu sein. Und dennoch gilt und der Karfreitag steht dafür ein: Gott hat aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. Das Wort von der Versöhnung aufrichten, es zur Sprache bringen, es zum Thema machen, weil nur so Wunden und Verletzungen die Chance haben, zu heilen, weil nur so eine Aussöhnung mit dem Leben, mit meinem Leben und meinem Zusammenleben mit anderen möglich wird.

1998 wurde in Südafrika die sogenannte Wahrheitskommission ins Leben gerufen. Das Apartheitsregime hatte tiefe Wunden gerissen zwischen Schwarzen und Weißen. Gewalt, Folter und Ermordungen standen jahrzehntelang auf der Tagesordnung. Ziel dieser Kommission war es nun, Opfer und Täter in einen “Dialog” zu bringen und somit eine Grundlage für die Versöhnung der zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu schaffen. Vorrangig ging es dabei um die Anhörung beziehungsweise um die Wahrnehmung des Erlebens des jeweils anderen. Nicht die Konfrontation war das Ziel, sondern dass die Täter zuhören und wahrnehmen sollten, was die Gewalt, die sie ihr Opfern zugefügt haben, angerichtet hat. Damit dieser Prozess in Gang kommen konnte, wurde den Angeklagten Amnestie zugesagt, wenn sie ihre Taten zugaben, den Opfern wurde finanzielle Hilfe versprochen. Ziel der Kommission war die Versöhnung der Opfer mit den Tätern sowie ein möglichst vollständiges Bild von den Verbrechen, die während der Apartheid verübt wurden. Sämtliche Anhörungen waren deshalb öffentlich. Geleitet wurde diese Kommission vom ehemaligen südafrikanischen Bischof Desmond Tutu.

Ich nenne dieses Wahrheits- und Versöhnungkommission deshalb, weil sie nicht zuletzt auch ein Versuch ist, dem großen Anliegen Gottes nach Versöhnung beizukommen, es ernst zu nehmen, nach einem Weg zu suchen, wo Schuld zur Sprache und die Wahrheit ans Licht kommen kann, wo die Bitte um Vergebung und das Vergeben einen Ort und ihre Zeit bekommen. Sie kann uns Beispiel und im Kleinen für uns sehr wohl Nachahmungscharakter haben. Freilich – nicht immer ist alles gut danach. Das Unheil, das angerichtet wurde, wird immer wieder spürbar bleiben. Und weil das so ist, tut es gut, wenn ich mich von etwas Größerem eingebunden weiß, wenn ich mich im Glauben auf Gottes Erlösung für uns Menschen einlasse, wenn ich sie für mich in Anspruch nehme, wenn ich mir sie gefallen lasse, wenn ich sie als Zusage an mich und mein Leben höre. „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung… Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

[Orgelmeditation]

– 3. Teil –

Wir stellen uns die Gnade für den Sünder ja bisweilen so vor, als gäbe es bei Gott ein Strafgericht, das uns verurteilt, aber auf die Vollstreckung der Strafe verzichtet. So stellt Paulus das aber nicht dar. Gottes Zuwendung ist bedingungslose Liebe! Gott setzt Versöhnung in Kraft, wo wir an Sünde denken, richtet unter uns auf Rettung und Solidarität, führt zum Leben, wo wir den Tod vor Augen haben. Eine überwältigende Aussage von Paulus: das geht nicht von oben nach unten, sondern horizontal, alle können teil haben in diesem Ausgleich, an diesem geschenkten Leben und es weiterreichen. Gottes Gnade und menschliche Wohltat, Gottes und Menschen Handeln, das sieht Paulus unter Kreuz verbunden. Seid unter euch so gesinnt wie es Jesus Christus entspricht – lasst euch versöhnen! Lasst euch erfüllen von Gottes Kraft und gebt sie weiter, teilt sie aus, sie reichert sich immer wieder an. Hört auf zu verzweifeln. Hier am Kreuz wird Gottes Kraft mächtig im wechselseitigen Austausch, im Füreinander-Dasein, in der gegenseitigen Zuwendung wie Gott sich dem Gekreuzigten zuwendet und ihn nicht im Tod lässt, nachdem der losgelassen hat von aller Ehre und Ansehen und Macht. Beurteilt nicht nach menschlichen Maßstäben, sondern lasst euch versöhnen mit dem am Kreuz, mit dieser Torheit der Welt. Lasst euch ins Gleichgewicht bringen, mit eurer Schwäche, eurer Kraftlosigkeit, eurer Hinfälligkeit in neues Leben hineinziehen. Arbeitet mit an der Erlösung. Gemeinde werden wir im Teilen von Gottes Kraft. Das bleibt Stückwerk, das macht nichts, denn wir gehen auf die Erlösung zu, das unverfügbare, geschenkte Leben, das durch den Tod aufwächst.

Ja, mich fasziniert das, ich finde das großartig, wie Paulus auf alle Jesus-Tradition verzichtet. Mit dem Kreuz holt er uns aus der Betrachtung und der Überlegung, ja, auch aus der Anbetung, hinein in die Gestaltung unseres Lebens. Als Gemeinde, als Einzelne, im Glauben und Handeln. Unter dem Kreuz stellt Paulus uns in ein Verbundsystem von Gnade, Zuwendung und Trost, in die Gegenseitigkeit der Beziehungen zwischen Mensch und Gott und Christus und Gemeinde. Davon ließe sich eher ein Soziogramm, ein Organigramm zeichnen als eine dramatische Sterbeszene. Aber ein Lied können wir davon singen – lasst euch versöhnen mit Gott – heute am Karfreitag!

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