Das Alte ist vergangen …

Liebe Gemeinde!

So bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Am Kreuz geschieht Versöhnung, das ist sperrig. Warum das Kreuz als Symbol, ja sogar als Heilszeichen? Das klingt nach Opfertod. Das macht es vielen Menschen schwer mit Karfreitag etwas anzufangen.

Aber vielleicht denken wir oft allzu menschlich.

Es ist nicht Gott, der ein Opfer braucht. Aber wir könnten nicht ohne Gottes Opfer mit Gott ins Reine kommen. Wir wissen doch im Grunde unseres Herzens ganz genau, wie wenig unter uns und mit Gott Frieden ist. Wir wissen wie gnadenlos wir miteinander umgehen, wie unversöhnlich wir sein können und wie zerstritten. Und wir wissen auch, wie oft Gott in unserem Leben keine Rolle spielt, wir sein Wort wider besseren Wissens ignorieren.

Schon untereinander sind viele unversöhnlich zerstritten. Ich fürchte jeder kennt eine Familie, in der der Kontakt zu einem Familienmitglied völlig abgebrochen ist. Im Hintergrund steht oft ein Streit, der nicht beigelegt wurde, eine Trennung ohne Erklärung, eine Jahrzehntelang unausgesprochne Kränkung, bis einer es nicht mehr aushält.

Schweigen, man geht sich aus dem Weg, die Trennung schmerzt, aber keiner macht den ersten Schritt.

Oder aber dieser Schritt wurde nicht erwidert. Da sitzt die Enttäuschung und Verbitterung tief. Warum redet er sie nicht mehr mit mir? Manchmal wurde der Grund nie ausgesprochen. Manchmal ist er klar: Geld, Haus und Hof, das Erbteil oder der „falsche“ Lebenspartner. Jemand fühlt sich ungerecht behandelt oder hört nur Kritik. Ein anderer kann nicht zugeben, dass er Unrecht hatte. Eine andere vermisst Zuneigung und Wärme, hört nur: du musst, du sollst, du kannst doch nicht …

Andere fühlen sich im Stich gelassen, betrogen oder ausgenutzt. Die Liste ist unendlich lang.

Unversöhnlich: Weil ein Fehler nicht zugegeben werden kann, ja gar nicht eingesehen wird. Weil man nicht um Verzeihung bitten kann. Weil man nicht vergeben kann, weil der Schmerz, der Ärger die Trauer nicht in Worte gefasst wird und man gar das Gespräch verweigert. Was steht im Weg? Der Stolz? Die Angst? Die Resignation? Das Bedürfnis nach Vergeltung? Hass?

Am Ende steht der Tod der Beziehung. Am Ende sterben die Gefühle. Am Ende ist der Tod und es gibt keinen Weg zurück. Menschen gehen gnadenlos miteinander um. Menschen stehen einander unversöhnlich gegenüber. Auch das ist Tod. Auch das ist Sterben.

Aber es gibt noch mehr, was sich wie sterben anfühlt: …

Nach dem Verständnis des Alten Testamentes ist Tod die Abwesenheit Gottes. Wo Gott nicht ist, da ist Tod: Das ist Finsternis, das Ende aller Möglichkeiten. Das ewige zu Spät. Wo Gott ist, wo sein Geist weht, wo sein Atem Leben schafft, da ist Licht, Liebe, Freude und Glück. Wenn Gott sich abwenden würde, dann schwände das Leben, dann umhüllte einen die Finsternis und das Nichts. Ein Mensch, der sich von Gott abwendet, wendet sich vom Licht und vom Leben ab. Wer sicht von Gott trennt, der geht in den Tod. Das ist ein unüberwindbarer Graben, zwischen Tod und Leben.

Der Mensch kann ihn nicht überwinden. Gott leidet unter der Trennung. Er will das Leben und nicht den Tod. ER will Versöhnung und einen neues Leben. ER ist sich nicht zu schade den ersten Schritt zu machen und das Opfer zu bringen sich klein zu machen. Und so wird er in Jesus Mensch. ER kommt selbst zu uns. Und sieht wie Menschen leiden. Unter Hass und Gewalt, unter Ungerechtigkeit und Armut, unter Krankheit, Alter und Einsamkeit. Und wie sie sich gottverlassen fühlen.

Da ist sie wieder: die unüberwindliche Kluft zwischen Tod und Leben. Das kann kein Mensch überwinden. Das wäre wie über den eigenen Schatten springen. Da ist sie wieder die Gottesferne. Fern von Gott und fern vom Leben. Es gab einen Ort an dem Gott nicht war: Im Tod.

Das ändert sich im Geschehen am Kreuz. Er geht in den Tod. Er geht in das Reich des Todes. Er geht in die größte Finsternis und die kälteste Einsamkeit. Dorthin, wo es nur Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Schmerz gibt. Er setzt sich dem größten Hass aus. So kann Gott dorthin kommen, wo die Menschen leiden und sterben. Wo sie in der ewigen Dunkelheit gefangen sind. So kann er die Kluft zwischen Tod und Leben aufheben.

Indem Gottes Sohn den Tod erleidet, durchbricht er die Gottesferne. Und er schafft neues Leben nach dem Tod, weil es keinen Ort mehr gibt, an dem Gott nicht ist. Das sehe ich am Kreuz. Das höre ich in der Botschaft von Karfreitag.

Und er ist darum für alle gestorben, damit, die da leben, hinfort nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist. Wir sind hineingenommen in dieses Heilsgeschehen. Christus hat für uns dem Tod überwunden. Es ist möglich in Gottes Nähe zu sein. Es ist möglich mit Gott im Reinen zu sein, Frieden für die Seele zu finden. Wir sind dahineingetauft. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden.

Und das sollte auch Folgen für unser Leben haben. Wer das ernst nimmt, lebt mit Gott und für Gott. Wer das annimmt, lebt nach Gottes Wort, so gut er kann. Und darf sich dabei sicher sein: Gott vergibt mir meine Unzulänglichkeit. Gott ist der gütige Vater, der mir meine Schuld nicht vorhält, sondern mich mit offenen Armen aufnimmt. Es gibt keinen Ort mehr an den Gott nicht ist. Der Tod hat keine Macht mehr, von Gott zu trennen.

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