Trost und Gerechtigkeit sind Geschwister

Liebe Gemeinde,

Das ist nicht gerecht

„Das ist nicht gerecht“, klagte er immer wieder, „das ist nicht gerecht“. Per Nilsson erzählt in seinem Jugendroman „So lonely“ (So einsam) die Geschichte eines Jungen, der nach längerem Auslandsaufenthalt in die Heimat zurückkehrt. Seine Jugendfreundin Ann-Kathrin, die er mit dem wunderschönen Namen „Herztrost“ rief, hat inzwischen einen anderen Freund genommen. Der namenlose Romanheld trifft die beiden. Lesen wir ein paar Zeilen dieses Buches:

Er hob den Kopf und sah sie durch einen Tränenschleier hindurch an. „Das ist nicht gerecht“, sagte er und versuchte seine Stimme frei von Tränen zu halten. „Das ist nicht gerecht“. „Was denn?“, fragte sie unruhig. „Was denn?“ „Ich habe mich so nach dir gesehnt. Die ganze Zeit hab ich Sehnsucht gehabt. Du hast mir so gefehlt. Es ist einfach nicht gerecht.“ Sie schwieg. „Ich bin noch nie so verliebt gewesen … wie in dich. Dann muss man doch was wiederkriegen. Sonst ist es nicht gerecht …“ Sie schwieg und blickte zu Boden. Nein, in diesem Roman gibt es kein Happyend.

Trost in ein seelsorgerisches Thema

„Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unserer Trübsal“. Hätte der Junge eine pietistische Tante, ließe er sich wahrscheinlich geduldig diesen Bibelspruch vorlesen. Weil er weiß, sie meint es irgendwie gut und ihr fehlen halt die eigenen Worte. Aber können wir so unmittelbar verletzte Liebe und Bibelwort zusammenbringen? „Gott wird´s schon richten?“ Das wäre billiger Trost.

Zuerst einmal braucht man ohnehin weder Bibelwort noch fromme Seele, um trösten zu können. Trösten ist ein seelsorgerisches Thema, aber man muss dazu kein gelernter Seelsorger sein. Wie Trösten geht, wissen wir, wenn wir nur ein bisschen menschlich sind. Wir nehmen die Traurigen in den Arm. Hören zu. Leisten Beistand. Sind einfach da. Tröstliche Gesten sagen oft mehr als Worte.

Mit den Worten ist es schwieriger: Was sagen wir, wenn wir trösten? Da könnten wir tausend Trostwort-Varianten stammelnd durchspielen. Begnügen wir uns mit dem Grundwort allen Trostes: „Er wird schon wieder“. Trost ruft in die Zukunft. Indem wir tröstliche Worte sagen, stellen wir einen Scheck aus auf Morgen. Wer wird ihn einlösen?

Wir hätten unser Bibelzitat für die heutige Predigt zu billig gekauft, wollten wir daraus nur eine kuschelige Ethik des Tröstens und stille Ermahnung zum einfühlsamen Leben machen. Dazu bräuchten wir weder die Leiden Christi zu bemühen noch den Gott allen Trostes. Menschlichkeit wäre genug.

Aber das Bild mit dem „Scheck auf Morgen“ scheint weiter zu führen. Bleiben wir dabei und schauen, ob sich uns ein Steg anbietet, der uns vom Trösten hin zu Gott führt. Sodass wir es verstehen können, was beides miteinander zu tun hat.

Der Hamburger Theologe Paul Schütz hat versucht, zu umschreiben, was Gott ihm bedeutet. „Gott ist das Offene der Zukunft“, sagte er. In diese Offenheit der Zukunft weist jeder Trost. „Es wird schon wieder“. Aber was wird denn? Können wir als Christen nicht wirklich mehr sagen als: Die Zeit heilt alle Wunden?

Trost und Gerechtigkeit sind Geschwister

Die Wunden bleiben. Jeder von uns kann die schlimmsten Erlebnisse seines Daseins in Sekunden zurückrufen ins Gedächtnis und den Schmerz noch einmal spüren. „Objects in the rear view mirror may appear close than they are“, (Gegenstände im Rückspiel können näher erscheinen, als sie tatsächlich sind) heißt es in einer Rockballade, die vom Tod eines Freundes im brennenden Flugzeug handelt. Später heißt es: „Noch jetzt kann ich den Schmerz spüren und die Frage brennt noch immer: Warum müssen Jungs so früh sterben?“

Im Lauf dieser Woche versammelten sich die Opfer und die Angehörigen der Toten des furchtbaren Terroranschlags in Madrid zum Gedenken an den 11. September 2004. Bestürzt mussten sie zur Kenntnis nehmen, wie wenig die Öffentlichkeit von diesem Leid noch wissen will. Im Bahnhofsgelände durften keine Plakate hängen, die diesen Tag erinnern.

Hunderte von mittlerweile Erwachsenen tragen die schamvolle, traumatische Erfahrung des Missbrauchs in ihrer Seele. „Es wird schon wieder“. Man traut es sich nicht, so billig zu trösten. Können wir nicht mehr sagen?

„Das ist nicht gerecht“, klagte unser Romanheld am Anfang. „Das ist nicht gerecht.“ Seine Worte bilden uns den Steg, der uns in Gottes Zukunft führt.

Trost und Gerechtigkeit sind Geschwister-Worte. Dieses für sie, liebe Gemeindemitglieder, vielleicht unerwartete Paar will ich näher vorstellen.

Trostlos bleibt das Leben, wenn uns keine Gerechtigkeit widerfährt; wenn die Täter unseres Elends lachend an uns vorbeiziehen. Das Verlangen nach Gerechtigkeit hat mit dumpfen Gefühlen der Rache nichts zu tun. Trost schwindet, wenn wir nicht mehr daran glauben, dass Liebe Erfüllung findet. Die Erde wandelte sich in einen trostlosen Planeten, wollten wir nicht mehr daran glauben, dass Gerechtigkeit Zukunft hat.

Paulus beginnt seine kleine Rede über den Trost mit dem Lob Gottes und er endet sie mit diesen Worten: Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

In diesen hellen, dem Leben zugewandten Rahmen stellt er die Widerwärtigkeiten, das Elend, die Angst, die „Leiden Christi“. Und wir könnten dazu stellen: Unser ganzes Elend in Schachteln verpackt. Unsere Angst, diese Krankheit nicht zu überleben. Unseren Kummer über zerbrochenes Glück. Unsere Verzweiflung an dieser Welt voll Krieg, Hass, und Geldgier. Mag jeder noch von ihnen im Geiste das dazu stellen, was ihn bedrängt.

In der Kraft Jesu bleiben

Indem Paulus uns in den Trost ruft, stellt er keinen leeren Scheck aus. Er weiß, wovon er redet. Bloß andeutend erwähnt er die „Bedrängnis in Asien“ und flüstert von seiner Todesangst, die er durchlitten hatte. So hart es ihm aber anging, so bleibt er doch in Christus. „Ihr werdet auch am Trost teilhaben“, schreibt er den Korinthern. „Ihr seid ein Brief Christi“, lesen wir dann bei ihm. Das Bild können wir gut zu unserem „Scheck“ in Verbindung setzen: Wir Christen/innen sind mit hinein genommen als Mitwirkende im Trost. „Nicht, dass wir tüchtig sind von uns selber, sondern … von Gott“. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“ Und dann weißt Paulus auf den Ort der letzten Gerechtigkeit: Wir alle müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Man denkt immer, mit solchen Sätzen fällt Paulus hinter seine Lehre von der Gnade zurück. Sehen wir aber Gerechtigkeit und Trost als Geschwister, so wird uns klar, warum Paulus so schreibt. Als Botschafter der Versöhnung, so Paulus weiter, sendet Gott uns in Christus in die Welt. Ihr zum Trost, dass sie den Glauben an die Gerechtigkeit, an die Versöhnung nicht verliert. Gebe Gott, dass auch wir in diesem Glauben, in diesem Trost der Welt bleiben können, dass Gerechtigkeit wird.

Wie teuer dieser Trost, spüren wir in unseren Tagen, in der sich uns so furchtbare Abgründe auftun. Bleibt dennoch in Christus, ob aller eurer Zweifel. Gebt den Glauben an Gottes Zukunft nicht auf, auch wenn es euch auf dem Weg in seine Zukunft die Beine wegzieht. „Traurigkeit“, fügt Paulus noch hinzu, „Traurigkeit, die aus der erfrorenen Hoffnung des Glaubens rührt, wirkt Reue.“ Bleibt in der Kraft Jesu: Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. In diesem Trost zu bleiben, ist teuer, ist schwer. Ist schwer unseren Tagen, wo uns der Glaube mit den häßlichen Schlagzeilen im Abfalleimer zu verschwinden droht.

„Ich bin noch nie so verliebt gewesen … wie in dich. Dann muss man doch was wiederkriegen. Sonst ist es nicht gerecht.“ Sonst ist es nicht gerecht: Lasst uns in der Liebe Christi bleiben, als Hörer und Täter seines Trostes, als sein Brief, als diejenigen, die an den Scheck glauben, auf dem steht: Gerechtigkeit wird werden in Gott. Wenngleich Herztrost uns auch immer wieder verlässt, so bleiben wir doch im Gott des Trostes, in der Hoffnung, in der Gerechtigkeit. Es ist teuer, in diesem Trost zu bleiben.

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