Jenseits des Systems

Liebe Gemeinde,

Die fünfte Linie fällt weg

Angeblich soll das Spiel aus einem Test für Astronauten stammen. Es geht darum, neun in einem Quadrat angeordnete Punkte mit vier Linien zu verbinden, ohne dabei abzusetzen. Vielleicht kennen sie dieses Rätsel? Es scheint unmöglich. Man braucht immer eine fünfte Linie.

Da stehen du und ich. Um uns herum sind die sieben anderen aufgestellt: Stolz, Geiz, Genusssucht, Rache, Maßlosigkeit, Neid, Ignoranz. Du und ich und die sieben Todsünden. So ist das Leben diesseits der österlichen Hoffnung. Verbinden wir nun die neun Punkte, so brauchen wir immer eine fünfte Linie. Vier Linien schließen den Kasten und die fünfte geht als Trennung hindurch. Auf den fünf Linien steht: So ist es halt. So sind wir Menschen. Da kann man nichts ändern. Du bist auch nicht besser. Fahr zur Hölle!

„Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden“. Die Lösung erschließt sich dem, der das System verlässt. Hoffnung gründet in Gott, nicht in uns.

Vier Linien – wenn wir denn wüssten, wie sie zu zeichnen wären – ergeben ein anderes Bild: Jenseits unseres Systems, in dem wir uns gefangen wissen, wacht Gott in seinem Gericht. Vier Linien öffnen es: 1. Du stehst in letzter Verantwortung. 2. Jesus ist Richter unserer Gedanken und Werke. 3. Nichts bleibt verborgen. 4. Christus trägt die Sünde der Welt. Wenn wir über das System hinaus denken, fällt die fünfte Linie weg: Fahr zur Hölle.

Erinnerungen schließen Zukunft auf

Erinnerungen werden lebendig, sagen wir, wenn wir uns in Gedanken ferne Zeiten zurückrufen. Im Guten wie im Bösen spüren wir, wie das, was war, uns heute noch bestimmt. Gute Erinnerungen geben uns Kraft für die Zukunft. Böse Zeiten hängen der Seele an wie ein Fels und hindern sie, im Leben weiter zu schreiten.

Heute feiern wir das Osterfest, das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten. Zaghaft nähern wir uns dem Mysterium unseres Glaubens. Was trägt es uns als Erinnerung aus? Hebt sie uns in die Zukunft? Wie kann man Auferstehung begreifen?

Erinnert wird, was aus der Vergangenheit für heute und morgen von Bedeutung ist. Den Rest können wir getrost vergessen. Religiöse Erinnerung geschieht um der Zukunft willen. Da wir aber vergesslich sind, bedarf es gelegentlich eines Denkzettels, worauf steht: Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten?

Sehnsucht nach einer anderen Welt

Die zurückliegenden Wochen hatten etwas Unerträgliches an sich. Dabei denke ich nicht an den Schnee, der uns so lange erfreut und schließlich geplagt hatte. Nein, es waren die Nachrichten, die auf das Gemüt schlugen. Man kann sie nicht mehr sehen, die alten Männer, die sich entschuldigen und hilflos nach Wegen suchen, ein bisschen ihrer Würde zu behalten. In Bayern verhungern kleine Kinder. Kachelmann im Knast. Täglich überfluten uns neue Nachrichten von der Bosheit der Welt. Und weil das nicht reicht, arbeiten Symposien daran, die Sünden alter Zeiten aufzuschreiben.

Düstere Erinnerungen quälen uns in immer schnelleren Zyklen. Die Serben entschuldigen sich bei den Bosniern. Die Amerikaner bei den Indianern. Ach, wir könnten diese Reihe lang fortsetzen. „Sich zu entschuldigen“ ist zu einem öffentlichen Ritus geworden, böse Erinnerungen endlich schlafen zu lassen.
Wenn es doch nur so einfach wäre! Niemand kann sich selbst entschuldigen. Das geht allenfalls auf der Sparkasse. Schuld aber ist kein Kredit, den ich zurückzahle. Keiner der Geschändeten wird dadurch wieder lebendig. Schuld kann allein nur Gott vergeben. Wir müssen über das System hinaus denken. Aber meistens wollen wir beides: Vergebung ohne Änderung. Freispruch ohne Auflagen. Schuldenerlass ohne Buße. Vergessen dessen, was wir bitte weiterhin verschweigen. Vergebung, wirkliche Vergebung schafft dort einen neuen Raum, wo unser Glaube sich in die Zukunft ziehen lässt. Am Kreuz, an Golgatha, an Gethsemane führt kein Weg vorbei. Diesen Wendeplatz meidet der öffentliche Entschuldigungs-Ritus.

Und doch weist er auf eine Sehnsucht hin: Wenn man doch die Welt lüften könnte! Dass frischer Wind über´s Land ginge und die Sonne einen neuen Tag begrüßte und ihr frisch geborenes Morgenlicht nur lachende Gesichter erhellte. Das wäre ein wunderbares Osterfest.

Auferstehung als Kennzeichen eines Lebensstils

Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferstanden ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich.

Wie kann man Auferstehung begreifen? Nähern wir uns dem, was sich uns erschließt. Auferstehung, so behaupte ich, ist das Kennwort eines Lebensstils. „Ich sterbe täglich“, schreibt Paulus ein paar Verse weiter. Und dann erinnert er sich an Christus. So strahlt Gottes Licht in seine tägliche Mühsal. Sie schwindet nicht. Doch weil ihr aus der Zukunft Gottes Licht entgegen kommt, kann Paulus sie ertragen. Weil Auferstehung seinen christlichen Lebensstil formt. Was wir hier zu fassen bekommen, ist freilich nur ein Zipfel vom göttlichen Saum. Wie ein Lichtstrahl in einen dunklen Schuppen fällt, so hier das Licht der Auferstehung Jesu ins Leben. Auferstehungsglaube begründet einen Lebensstil der Zuversicht, der Liebe und der Hoffnung.

Ohne diesen Glauben bliebe nur dieser andere Lebensstil, den Paulus später erwähnt: „Wenn die Toten nicht auferstehen“, sagt er, „dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ Unsere zeitgenössische Lebensstil-Forschung hat dafür den Namen „hedonistisch-expressiv“. Nimm mit, was du kannst. 1000 Plätze empfiehlt ein Bestseller zum Besuch „before you die“.
Daran kranken wir: Dass wir alles uns einverleiben, alles sehen, alles haben, alles schmecken riechen und kosten müssen. Daran kranken wir und wollen doch leben.

Zum Lebensstil der Auferstehung gehört es, sich in Christus aufnehmen zu lassen. Systemwechsel. Über die Grenzen hinaus denken, glauben und hoffen: Sein Leib werden. Seine Worte hören. Mit ihm an seine Plätze gehen, wo Heilung wird. Wo Frieden verkündigt wird. Wo den Menschen Zukunft reift aus den Bildern seines Reiches.

Kein elender Mensch sein

„Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen“. Der Satz stimmt sehr nachdenklich. Er stellt uns in Frage, wenn wir in Jesus nur das Idealbild des „Guten Menschen“ sehen.

Ich will kein elender Mensch sein. Da stehen Du und ich und um uns herum die sieben anderen: 1. Hungrige speisen. 2. Durstige tränken. 3. Fremde beherbergen. 4. Nackte kleiden. 5. Kranke pflegen. 6. Gefangene besuchen. 7. Tote bestatten. Du und ich und die sieben Werke der Barmherzigkeit. Woher nehmen wir die vier Linien? Man ahnt, was auf der fünften stehen müsste: Du schaffst es nicht!

Vier Linien rufen uns in Erinnerung, was wir heute feiern, damit wir Morgen leben können. Die erste Linie heißt Matthäus: Trachtet nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit. Die zweite Linie heißt Markus: Tut Buße und glaubt an das Evangelium. Auf der dritten Linie, der Linie des Lukas steht: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden. Und Johannes fügt als vierter dazu: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.

Vier Linien heben uns die Erinnerung auf. „Er ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden“. Das Mysterium bleibt unbegreiflich. Wir können es nicht berühren. Nicht dahinter schauen. Doch so, wie uns die Sonne scheint, so leuchtet das Licht der Auferstehung, der Ostermorgen von außen auf unsere Welt. Blieben wir nur darinnen, so lebten wir in Finsternis.

Vier Linien sind uns ins Gedächtnis gezeichnet, in Jesus zu leben, seinen Lebensstil zu unserem zu machen. Die fünfte Linie fällt weg: Wenn wir über das System hinaus denken schwindet die Hölle. Schwindet auch unsere Schwachheit, weil wir im Glauben auf Gott schauen.

Ostern: Dem Leben dienen, nicht dem Tod. Der Vergebung mehr zutrauen als dem Schuldspruch. Die schlimmste Wahrheit nicht fürchten. Das Kreuz sehen und Auferstehung glauben. Die Liebe bewahren in kalter Welt. Den Opfern zuhören und darin Gott nicht vergessen. Weinen und auf Gottes Kraft trauen, Tränen abzuwischen. Die Sehnsucht nach dem Lebensstil der Auferstehung im Herzen behalten. Lachen. Einen schönen Spaziergang machen und horchen, wie Vögel, Blumen und Bäume und das frische Wasser von Gottes Zukunft raunen.

„Es ist Friede“ rufen die Kinder und niemand wirft Zweifel darein. Wir wischen den letzten Fluch verlegen von den Lippen. Heben unser Gesicht und schauen dem anderen in die Augen. Legen alle Schwermut ab einem alten Mantel gleich. Im Herzen formt sich ein Hymnus voll Lebenslust. Hände verlieren Scheu vor Begegnung. Eine frohe österliche Zeit wünsche ich Ihnen von Herzen.

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