Gebogener Rücken – aufrechter Gang

Liebe Gemeinde,

<b>Störrufe im Passionsspiel</b>

Noch wirken die „Hosianna“-Rufe künstlich und verhalten.. „Nicht so schüchtern, wie in der Kirche. Und bitte nicht so wild, wie bei der Kärwa“, fordert der Regisseur. „Hosianna! Halleluja!“, rufen die Mitspieler im Chor etwas bewegter. „Hosianna . Halleluja“. Dann aber ertönen die falschen Sätze:„Hau ab, die kreuzigen dich!“ Zuerst nimmt es keiner wahr. „Hosianna, Halleluja.“ „Mehr Begeisterung beim Palmwedeln,“ quäkt das Regisseurs-Megafon. Wieder ein Störruf: „Kehr um, die töten dich!“ Hosianna, Hosi … “Wer spinnt denn da so?“ „Hosianna, Halleluja“. „Zieht den Esel in die andere Richtung“. „Leute, so geht das nicht. Wir spielen hier ein heiliges Stück. Ich verbitte mir jede alberne Störung. Wer ruft denn da immer etwas Falsches zwischen drein?“ Schorsch wird nach vorne geschupst. Er stolpert über die verstreuten Palmwedel. Der Christus-Darsteller aber bewahrt ihn vor dem Sturz. „Einer muss ihn doch warnen vor dem blöden Volk. Heute schreien wir Hosianna und ich weiß doch, dass wir nach der Mittagspause alle „Kreuziget ihn“ üben,“ setzt Schorsch zur Verteidigung an. Der Regisseur verdreht entnervt die Augen. „Kann einer dem Knaben helfen, sonst fliegt er raus.“ „Ich mach das schon“, beschwichtigt Jesus. Der Regisseur nickt und schreit in die Runde:„Pause. Um zwei geht es weiter. Geißelung.“ Daran störte sich niemand.

<b>Mitfiebern trotz bekanntem Ende</b>

Filme, die mir unter die Haut gehen, kann ich immer wieder durchleben. „Lauf doch“, rufe ich dem Helden zu, obwohl ich weiß, wie sinnlos solche Rufe sind. Der Kathodenstrahl der Fernsehröhre lässt sich durch meine Emotionen weder ablenken noch verändern. Und doch fiebern wir mit, weil uns irgend etwas in diese Story hineingezogen hat.

<b>Gespräch hinter der Bühne</b>

„Wollte sich Jesus gar nicht warnen lassen?“ platzte es aus Schorsch heraus, kaum dass sie in der Garderobe saßen. „Oder hatte er aufgegeben? Bist du einfach zu leichtsinnig gewesen?“ Der „Jesus“ saß ihm gegenüber und merkte, dass Schorsch noch gar nicht aus der Szene ausgestiegen war. „Jesus wusste, was auf ihn zukommt“. „Woher?“ „Ich weiß nicht genau“. „Warum weißt du das nicht?“ „Doch, ich weiß da was, aber das ist zu schwer für dich!“

„Ich bin nicht dumm“. „Er hat da sicherlich was im Jesaja-Buch gelesen. Da steht etwas über eine geheimnisvolle Figur. Die heißt auf hebräisch „Äbäd Jahwe“ – auf deutsch heißt das „Gottesknecht“ oder „Gottschalk“, wie man im Mittelalter dazu sagte.“ „Und was steht da – da in der Bibel?“ „Der Gottesknecht wird die Welt retten und die ganze Welt verändern, so wie Gott sie haben will. Er wird aus ihr einen Ort der Gerechtigkeit und des Friedens machen.“ „Was hat das mit Jesus zu tun?“ „Jesus wird gefürchtet haben, dass er dieser Gottesknecht sein muss.“

„Wieso musstest du Angst haben?“ „Weil ich…weil Jesus als Gottesknecht sterben wird“. „Warum musste der Gottessohn eigentlich sterben?“ Das sind Fragen, bei denen Religionslehrer sich das Klingelzeichen herbeisehnen.

<b>Spaziergang in der Allee der Gottesknechte</b>

„Warum musste der Gottessohn sterben“? Lassen wir die beiden ihr Gespräch ungestört fortsetzen. Nutzen wir die „Mittagspause“ zu einem Spaziergang vorbei an den Gedenksteinen der Gottesknechte. Ein weiter Weg. Heute vor 38. Jahren wurde Martin Luther King in Atlanta beigesetzt. Fünf Tage zuvor war er ermordet worden. Er hatte friedlich für die Gleichberechtigung der Farbigen in Amerika gekämpft. Warum musste er gewaltsam sterben? Ich stelle mir die Allee der Gottesknechte so vor, dass dort mit jedem Sterben eines der Märtyrer der Weg zum Leben sichtbarer wird. Freilich, das Ende dieses Weges liegt weit hinter dem Horizont. Ein im März 2006 veröffentlichtes Buch über „Märtyrer des 20. Jahrhunderts“ enthält 499 ausgewählte Biographien von Männern und Frauen, die in der Nachfolge Jesu Christi ermordet wurden. Dietrich Bonhoeffer kennen wir, eventuell noch Paul Schneider (einen hessischen Pfarrer), oder den in San Salvador ermordeten Bischof Oscar Romero. Nähmen wir all diejenigen dazu, die für Frieden und Gerechtigkeit ihr Leben lassen mussten durch Gewalt, Folter, Gefängnis und Mord, so bräuchten wir gutes Schuhwerk und mehr Zeit als nur eine Mittagspause lang. Warum mussten sie alle sterben an der Gewalt? Und Jesu Tod? Muss der nicht besonders herausragen? Bibelforscher streiten darüber, ob der „Gottesknecht“ individuell oder kollektiv zu deuten sei. Individuell, d.h. hieße hier hätte der Prophet Jessaja (DtJes) verschlüsselt über sich selbst – oder – in christlicher Perspektive, über Jesus gesprochen, bzw. geweissagt. Einige jüdische Bibelforscher beziehen den Begriff „Gottesknecht“ nicht nur auf einen einzelnen Menschen, sondern auf das Volk Israel und dessen leidvollen Weg durch die Geschichte. Auch christliche Deutungen sehen im Gottesknecht das biblische Urbild für all die Menschen, die sich ganz auf Gott einlassen, die reden können, wie „Jünger reden, die wissen, wie man mit den Hoffnungslosen spricht, die ihren Rücken darbieten für die Schläge der Juntas, des CIA und KGB, der Gestapo und all der anderen Knechte der Hölle.

<b>Nur mutige Menschen können trösten</b>

„Wenn Mama mich in den Arm nimmt, weiß ich, dass es besser wird. Papa hat selber so viel Angst. Ich spüre das,“ sagte Schorsch gegen Ende des Gesprächs hinter der Bühne mit dem Jesus-Darsteller. Das mit dem Gottesknecht hatte er nicht ganz begriffen. Nur soviel, dass es sich dabei um einen mutigen Menschen handelt, der sich ohne Vorbehalt für die einsetzt, die er liebt. Da fiel ihm seine Mama ein. „Mama gibt mir Mut. Die kämpft für mich. Die geht sogar in das Lehrerzimmer. Manchmal heult sie, wenn sie nach Hause kommt. „Schau, wie gebeugt deine Mutter deinetwegen ist“, kreischt Oma immer, aber ich denke, Mama geht gerade wenn sie heult, sehr aufrecht. Weil die so stark ist, kann sie trösten.“

<b>Zitate aus den Liedern der Gottesknechte</b>

Stark, innerlich stark sind die, die hören konnten. Was sie gehört haben, teilen die Gottesknechte mit uns: Der Vater, der in mir wohnt, tut seine Werke. Ich lebe, und ihr sollt auch leben, spricht Christus, und lehrt uns zu beten: Vater unser im Himmel. „Laß dir an meiner Kraft genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, hat Paulus vernommen und er betet: Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag“, heißt es bei Dietrich Bonhoeffer. „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“, lernt Jesus zu beten allein im Garten. Und dann ist er stark und bietet seinen Rücken dar und seine Wangen. Dann erträgt er Schmach und Schande. „Die Gerechtigkeit ist nicht nur eine Sache der Einzelnen. Sie gehört ins Herz der Jesus-Gemeinschaft. Gott ist immer größer als unser Herz, und sicher größer als unsere Kirchenleitungen und unsere Theologien. Das Einssein in und mit Christus ist uns versprochen,“ heißt es in einer der letzten Predigten von Dorothee Sölle. „Sein Wort will strahlen, wie dunkel auch der Tag“ sangen wir mit Jochen Klepper. Wer hören kann, wer Gott hören kann, der muss auch fühlen, muß auch leiden. Gebogenener Rücken – aufrechter Gang. Das zeichnet sie aus.

<b>Aufrechter Gang</b>

„Noch einmal das Hosianna!“ Brüllt der Regisseur über die Bühne. „Lebhafter. Schließlich kommt der Heiland an euch vorbei.“ „Hosianna. Halleluja“. Schorsch sagt lieber nichts. Er schaut auf Christus. „Herr“, denkt er sich, „du wirst dich nicht unterkriegen lassen. Das weiß ich. Du wirst leben. Du hast Gott gesehen. Das macht dich stark.“ Schorsch atmet tief durch.

„Halleluja“, bricht es aus ihm hervor. „Na, jetzt kannste ja den Text.“, raunt ihm ein Mitspieler zu. „Wenn du groß bist, darfst du vielleicht auch einmal den Christus spielen.“ Schorsch aber wäre mit der Rolle des Simon von Kyrene schon zufrieden. Der hat dem Herrn geholfen, das Kreuz ein Stück zu schleppen. „Das tät ich gern, weil das könnte ich auch“, denkt Schorsch bei sich selbst. Ob das reicht zum Äbäd Jahwe, zum Knecht Gottes? Und Schorsch richtet sich ganz auf, als Jesus mit erhobenem Haupt an ihm vorüber reitet. Hosianna, du Sohn Davids, Knecht Gottes. Äbäd Jahwe. „Kreuziget ihn“ wird er niemals rufen können, da ist Schorsch sich sicher, und sei es noch so fett ins Textbuch gedruckt.

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