Valentinstag: Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

„Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts. Das ist, was soll ich machen, meine Natur. Ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts.“
Vorgestern wurde in Berlin die Starmeile eröffnet. Marlene Dietrich war die erste, die mit einem Stern verewigt wurde. Begonnen hat sie nicht als Sängerin, sondern mit der Geige. “Bach, Bach, Bach, immer wieder Bach. Acht Stunden am Tag üben. Meine Mutter und ich verloren darüber beinahe den Verstand. Ich gab als erste auf,” erinnert sie sich. Eine Sehnenentzündung war es, die ihre Ausbildung zur Konzertgeigerin beendete. Sie wechselte zur Bühne und spielte in Berlin Theater bei Max Reinhardt und in Filmrollen. Der ganz große Durchbruch kam 1930 mit dem Film ‚Der Blaue Engel‘. „Auf einer Tonne sitzend, die Beine übereinandergeschlagen, sang sie davon, daß sie von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt sei. Am Tag der Filmpremiere reist sie in die USA.“ [www.fembio.org]
Ihre Erscheinung faszinierte das Publikum. Sie trug nicht nur Glitzerkleid, sondern auch Frack und Zylinder. Von ihrer androgynen Ausstrahlung fühlten sich Frauen wie Männer angezogen. Sie wurde zum Idol der Frauen zwischen den Weltkriegen. Die Schriftstellerin Mercedes de Acosta, mit der Marlene Dietrich 1932 liiert war, erzählt: „An diesem Abend schlug ich ihr vor, Hosen zu tragen. Ich sagte ihr, daß sie in ‚Marokko‘ in der Hosenszene so gut aussehe, daß sie sie immer tragen sollte. … Am nächsten Tag brachte ich sie zu meinem Schneider in Hollywood… Eines Tages erschien sie mit einem Paar davon in den Paramount Studios. Am nächsten Tag waren in allen Zeitungen im ganzen Land Photos von ihr. Von diesem Augenblick an zogen Frauen auf der ganzen Welt Hosen an.“
Auch politisch war sie emanzipiert. Schon Mitte der 30-er Jahre nahm sie die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Drehangebote von Goebbels lehnte sie ab. Stattdessen unterstützte sie FluchthelferInnen und jüdische ImmigrantInnen, sang und tanzte für die amerikanischen Truppen. Das brachte ihr den Ruf einer Vaterlandsverräterin ein. 1975 zog sie sich nach einem Schenkelhalsbruch zurück und starb 1991 in Paris. Ihr Grab ist in Berlin. [Angaben nach www.fembio.org]

Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Damit startete 1930 ihre Karriere ins Internationale – nicht nur, weil ein Film erstmals gleichzeitig in Englisch und Deutsch gedreht wurde. Sie spricht die Sehnsucht in den Herzen der Menschen an. Lasziv, begehrlich und verrucht – sie spielt mit dem Bild, das Männer damals gern in die Frauen projizierten. Und sie setzt die Unabhängigkeit in Szene, zu der Frauen in den Goldenen 20-ern aufbrachen und von der die meisten doch nur träumen konnten. Liebe von Kopf bis Fuß.
Im Leben sieht’s oft anders aus. Nicht immer finden Paul und Paula zueinander. Paul ist mit einer anderen liiert. Oder die Ungewißheit quält. Er liebt mich, er liebt mich nicht, liebt mich, nicht – damit hat sich schon Gretchen in Goethes Faust herumgeschlagen und die Blütenblätter abgezupft: Er liebt mich. Die Verwicklungen bieten unerschöpflichen Stoff für Groschenromane und Weltliteratur, Musik und Filme gleichermaßen. Die anrührendsten Geschichten erzählen entweder davon, wie Traumpaare zueinander finden oder, in der tragischen Variante, wie sie voneinander getrennt werden. Bei Romeo und Julia fließen bis heute die Tränen. Interessant ist, daß weitaus weniger Geschichten das Zeug zu Kassenschlagern haben, in denen die Liebe langsam verdorrt und abstirbt. Halten sie den Menschen die Realität in vielen Partnerschaften vor Augen? Zeigen sie einen Alltag, den sie entweder selbst kennen oder von dem sie fürchten, daß er einmal der ihre werden könnte? Unsere Sehnsucht jedenfalls spiegeln die anderen wider, die herzzerreißenden. Sie halten in uns den Traum wach von unsterblicher Liebe, die alle Widerstände zu besiegen vermag, sogar den Tod.
Glücklich, wer lieben darf und geliebt wird! Denn genügend andere suchen Zuflucht im „Hotel der zerbrochenen Herzen“ (Elvis). Enttäuschte und Geschlagene. Zu Dauergästen werden die, die einem Traumbild hinterherrennen, an dem jede Partnerschaft scheitern muß. Andere hoffen auf den Märchenprinzen oder die Prinzessin, und während sie erwarten, daß ein anderer Mensch sie erlöst und beglückt, verpassen sie die Chancen, die ihnen das Leben anbietet.
Die Liebe kann scheitern, aber damit muß nicht das Leben gescheitert sein. Diese Einsicht kostet wohl immer Tränen, bei Jugendlichen mit Liebeskummer genauso wie bei denen, die an einem Grab stehen. Sie gehört zu den Lektionen des Lebens, die wir nur unter Schmerzen lernen.
Wie lernen wir zu lieben? Wie werden wir beziehungsfähig? In der Kirche wird viel von Liebe geredet. Liebe zu Gott und den Nächsten hat Jesus als das höchste Gebot an die erste Stelle gesetzt. Aber die Kirche war, jedenfalls in der Vergangenheit, nicht immer hilfreich. Sie hat oft nur reglementiert: welche Liebe ist erlaubt, welche nicht, wann darf geliebt werden und wann nicht; Sex war ein Tabu und Homosexualität sowieso. Sie hat Paare getraut, aber sie hat sie allein gelassen, wenn Krisen kamen, und hat vor häuslicher Gewalt die Augen verschlossen. Sie hat gegen Scheidung und Gleichberechtigung gewettert und dazu beigetragen, daß Alleinerziehende ausgegrenzt wurden und ihre Kinder auch.
Manchmal brauchen Paare viel Zeit, bis sie sich zurechtfinden im Dickicht widerstreitender Gefühle und Interessen. Große Worte können täuschen. Unsere Erinnerungen, Erwartungen, Befürchtungen, Prägungen – all das nehmen wir ja mit hinein in eine Beziehung. Und der Wunsch nach Liebe und die Angst vor Verlust können den Blick versperren dafür, was in den einzelnen vorgeht und was zwischen beiden gespielt wird. Doch das ist wichtig für ein reifes Miteinander.
Manche retten sich nach einer Trennung ziemlich schnell in eine neue Beziehung – und vergessen, daß sie Zeit brauchen für sich, um aufzuarbeiten und um sich zu wandeln. Sonst kann es schnell im selben Beziehungsmuster weitergehen. Es gehört viel Mut dazu, allein zu leben.
Nur wer allein leben kann, dem oder der gelingt Gemeinschaft. Eine Partnerschaft steht auf wackeligen Füßen, wenn sie nur auf die Schwäche gegründet ist und auf das Unvermögen, allein zu leben. Wenn beide voneinander abhängig sind, kann die Beziehung zum Gefängnis werden. Liebe lebt von der Entscheidung füreinander, immer wieder neu, und nicht davon, daß beide aneinander gefesselt sind oder daß es zu spät ist, sich voneinander zu trennen. Große Worte können täuschen, viele haben sie schon mit ihren eigenen Wünschen verwechselt. Was kann es alles bedeuten, wenn jemand fürsorglich ist und sich vielleicht sogar aufreibt in der Partnerschaft? Helfersyndrom, Wunsch nach Anerkennung, Angst vor Verlassenwerden? Der Wunsch, das Gegenüber an sich zu binden? Dank? Liebe?
Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt – das wäre schön und kann doch ein langer Prozeß sein. Gefühle lassen sich nicht einsperren. Was wir für andere empfinden, überfällt uns manchmal. Doch es zeigt uns auch, was in uns vorgeht und was für Leben (noch) in uns steckt. Wir müssen nicht alles ausleben, aber wir können es in Energie wandeln, für uns und andere.
Liebe ist vielfältig. Sie lädt ein, ihre verschiedenen Facetten zu entdecken. Ein 3-jähriges Kind kann genauso die ganze Fülle von Liebe, von Lust und Leid, erfahren wie kichernde Teenager-Mädchen, ein geistig schwerbehinderter 25-jähriger oder eine hochbetagte Witwe, ein Pärchen auf Wolke Sieben oder Menschen, die miteinander alt geworden sind. Sie alle leben und erleben Liebe, wenn auch jedes Mal ganz anders. Liebe verleiht Flügel und hilft uns, daß wir über uns hinauswachsen. Wer nicht nur funktionieren will, braucht Liebe, bei der Arbeit im Obdachlosenheim genauso wie in der Schule. Davon erzählt Paulus im 1. Korintherbrief (13,1-13):

Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel. 2 Und wenn ich die Gabe habe, die Zeichen der Zeit zu deuten, und alles Verborgene weiß und alle Erkenntnis habe und alles Vertrauen, so dass ich Berge versetzen kann, und bin ohne Liebe, dann bin ich nichts. 3 Und wenn ich alles, was ich kann und habe, für andere aufwende und mein Leben aufs Spiel setze selbst unter der Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden, und bin ohne Liebe, hat alles keinen Sinn. 4 Die Liebe hat einen langen Atem und sie ist zuverlässig, sie ist nicht eifersüchtig, sie spielt sich nicht auf, um andere zu beherrschen. 5 Sie handelt nicht respektlos anderen gegenüber und sie ist nicht egoistisch, sie wird nicht jähzornig und nachtragend. 6 Wo Unrecht geschieht, freut sie sich nicht,vielmehr freut sie sich mit anderen an der Wahrheit. 7 Sie ist fähig zu schweigen und zu vertrauen, sie hofft mit Ausdauer und Widerstandskraft. 8 Die Liebe gibt niemals auf. Prophetische Gaben werden aufhören, geistgewirktes Reden wird zu Ende gehen, Erkenntnis wird ein Ende finden. 9 Wir erkennen nur Bruchstücke, und unsere Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, ist begrenzt. 10 Wenn aber die Vollkommenheit kommt, dann hört die Zerrissenheit auf. 11 Als ich ein Kind war, redete und dachte ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind. Als ich erwachsen wurde, ließ ich zurück, was kindlich war. 12 Wir sehen vorläufig nur ein rätselhaftes Spiegelbild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Heute erkenne ich bruchstückhaft, dann aber werde ich erkennen, wie ich von Gott erkannt worden bin. 13 Jetzt aber leben wir mit Vertrauen, Hoffnung und Liebe, diesen drei Geschenken. Und die größte Kraft von diesen dreien ist die Liebe. (Bibel in gerechter Sprache)

Liebenkönnen und Geliebt werden ist ein Geschenk. Wem dieses Geschenk zuteil wird, wächst Kraft zu. Viele sehnen sich vergeblich danach und haben nie Wärme oder Anerkennung erlebt. Es ist nicht selbstverständlich, wenn wir es erfahren haben, durch Mutter oder Vater, Geschwister, Menschen, die uns begleitet, angenommen, gefördert haben in der Familie, in Kindergarten und Schule, als Nachbarin oder Kollege. Gott selbst ist die Liebe.
Geliebt werden und Liebenkönnen ist ein Geschenk. Es läßt sich nicht befehlen und funktioniert nicht als Pflicht. Daraus, daß jemand vorschreibt: du sollst lieben, wächst noch keine Liebe. Sie kann nur wachsen, nicht befohlen werden.
Liebe ist ein Geschenk, eine Gabe, so kostbar, daß sie von Gott kommt und wir Gott dabei erleben. Aber wir können sie üben. Wir können uns darin üben wie bei den anderen Geschenken und Gaben des Geistes, zwischen denen dieses Kapitel steht und von denen Paulus schreibt. Und bei jeder Gabe ist es so: wir können sie gebrauchen und geschickter darin werden, je länger wir sie anwenden. Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Ja, so sei es, und Jesus hat es vorgelebt.

Mehr Predigten von Margot Runge: www.queerpredigen.com
Andere Predigt zum Valentinstag (über Hoheslied): hier
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