Irgendwie geht es schon weiter?

Irgendwie geht es schon weiter!
Auf diese Glaubensformel könnten wir uns wahrscheinlich schnell einigen. Aber dann beginnt schon die Uneinigkeit.
Gibt es eine unsterbliche Seele, die den Körper im Augenblick des Todes verlässt?
Oder gibt es doch eine Wiedergeburt, so dass ich in anderer Gestalt als andere Person noch einmal lebe?
Ewiges Leben ja – aber Auferstehung nein ?
Der Markt und die Angebote sind vielfältig. Und zeitgenössische Menschen basteln sich die zu ihnen passende Vorstellung zusammen. „Patchworkreligion“ nennt man dies, wenn jeder sich aussuchen kann, was zu ihm passt und was ihm gefällt.
Bunt waren die religiösen Überzeugungen auch schon in Korinth, so bunt wie die Einwohnerschaft. Viele brachten ihre religiösen Überzeugungen mit. Mit dem Tod und dem Schicksal der Verstorbenen ging man sehr unterschiedlich um.
Aber die Frage nach dem „danach“ ist wohl so alt wie die Menschheit. Es ist eine drängende Frage, denn sie ist nicht nur für die zeit „danach“ von Bedeutung, sondern schon für das Leben hier und heute. Mit der Antwort steht und fällt vieles.
Im Alltag allerdings hat sich eine ganz andere Haltung durchgesetzt. Da gibt es eine Art praktischer Ignoranz: Menschen stellen die Frage nach dem danach einfach nicht. Sie leugnen, verdrängen, ignorieren den Tod solange es geht. Sie glauben, träumen und predigen die ewige Jugend. Und das Leben scheint ihnen recht zu geben. Die Menschen werden immer älter, die Lebensqualität im Alter steigt im Vergleich zu unseren Vorfahren. Nie waren die jungen Senioren so aktiv und unternehmenslustig wie heute. Ein Religionswissenschaftler hat den Unterschied zur Vergangenheit so zusammengefasst: früher hatten die Menschen 30 Jahre und dann die Ewigkeit. Heute haben sie 80 Jahre und dann nichts.
Wenn das stimmt, dann kann man dem Apostel nur recht geben: hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendsten unter allen Menschen.
Irgendwie geht es schon weiter…
Ist das aber eine christliche Antwort auf die Frage nach dem Leben im Angesicht des Todes?
Paulus argumentiert knallhart: Gibt es keine Auferstehung der Toten, dann ist auch Christus nicht auferstanden. Dann geben wir uns einer riesengroßen Illusion hin. Dann gäbe es keine Erlösung, keine Gnade, keinen Frieden. Dann bliebe nur das Kreuz. Dann stünde für alle Ewigkeit das Scheitern einer großen Idee. Recht würden die behalten, die nur auf ihre eigene Stärke vertrauen und sich ohne Rücksicht auf Verluste durchsetzen. Dann hätte sich die Gewalt durchgesetzt, dann würde endgültig der Tod das Leben verspotten. Dann müssten wir lebenshungrig und gierig alles verschlingen und alles mitnehmen, was das Leben in seiner kurzen Zeit uns bieten kann.
Eine Frage stellt Paulus geradezu eindringlich und nachdrücklich:
Wie sagen einige unter euch: es gibt keine Auferstehung der Toten?
Um eine Antwort kommen wir nicht herum. Das sind wir uns, unseren Mitmenschen und unserem Glauben schuldig.
In den letzten Jahrzehnten gab es viele Versuche diesen anstößigen Glauben dem aufgeklärten und modernen Menschen verständlich zu machen.
Denn wie soll das aussehen: Auferstehung der Toten? Besonders wenn ich die Vorstellungswelt unsrer Väter und Mütter benutze, die ihren Glauben noch mit der Formel „ich glaube an die Auferstehung des Fleisches“ bekannten.
Jung und gesund mag es ein leichtes sein, so an seinem Leib zu hängen. Aber mit den Jahren, wenn er schmerzt und nicht mehr will, wie er soll, wenn er verfällt und das bei lebendigem Leib – dann hänge ich womöglich nicht mehr so sehr an ihm. Dann fällt es mir vielleicht leichter ihn abzulegen wie ein abgetragenes, zerschlissenes Kleid.
Was also glauben Christen, was feiern sie Ostern über das Wiedererwachen der Natur nach einem langen Winter und den vielen kleinen Neuanfängen im Leben, die sich wie eine Auferstehung hier und heute anfühlen können?
Sie feiern eine große Hoffnung und sie erzählen mit Geschichten und Bildern von dieser Hoffnung. Sie beschreiben eine Hoffnung, die größer ist als der Tod, ohne dass sie das letzte Geheimnis wirklich lüften können.
Sie feiern die Erfahrung, dass das Kreuz Jesu nicht das Ende eines Lebens, einer Idee und einer Botschaft war. Jesu Eintreten für die Kranken, Sterbenden, Ausgegrenzten und Schuldigen ließ sich nicht aus dem Weg räumen, in dem man ihn aus dem Weg geräumt hat. Gott hat sich vielmehr an seine Seite gestellt.
Wir feiern die Erfahrung, dass es keinen Ort und keinen Punkt im Leben gibt, wo wir von Gott getrennt sind. In der Freude, im Glück und in der Liebe ist er genauso gegenwärtig wie in den Tiefpunkten unsres Lebens, egal ob sie uns zustoßen oder wir sie selber zu verantworten haben.
Wir feiern das Leben, das kein Zufall ist, sondern ein Geschenk.
Gott hat sich nach dem Menschen gesehnt, davon erzählt schon die Schöpfungsgeschichte. Nach einem jeden einzelnen von uns hat er Sehnsucht gehabt. Deshalb leben wir. Wie könnte das mit einem Schlag aufhören? Wie könnte der Tod diese erfüllte Sehnsucht zerstören? Gott will Leben. Darum ist Ostern das Fest des göttlichen Lebenswillens! Jeder Einzelne ist kostbar, einmalig und unverwechselbar. Gott könnte keinen einzigen seiner wunderbaren Gedanken aufgeben. Deshalb glauben wir an das ewige Leben und bekennen die Auferstehung der Toten. Und für mich ist das mehr, als nur einfach in den Kreislauf der Natur zurückzukehren, in dem ja nichts verloren geht, sondern am Ende alles wie ein Tropfen Wasser über den Strom des Lebens im großen, unendlichen Ozean aufgeht.
Wir feiern die Überzeugung, dass es kein sinnloses Leben gibt und jeder am Ende zu seinem Recht kommt, auch der, der sinnlos gestorben ist durch Gewalt, Krankheit oder aus Verzweiflung. Wir feiern die Hoffnung, dass am Ende die Opfer zu ihrem Recht kommen und nicht die Täter heute schon bis in alle Ewigkeit recht behalten.
All das feiern wir, weil wir die Auferstehung Jesu nicht nur predigen, sondern glauben. Wir setzen unser Vertrauen darauf und leben davon, dass dies kein Glücksspiel ist. Wir leben so, dass dieses Leben uns nicht alles bieten muss, weil Gott uns am Ende alles schenkt.
Ostern ist für uns ein Fest des Trostes, weil der Tod mächtig ist, weil auch wir an unsere Lebens-Grenzen stoßen, weil Abschied und Tod wehtun.
Aber Ostern ist keine Vertröstung auf die Ewigkeit, um an den Ungerechtigkeiten der Gegenwart nichts ändern zu müssen. Ostern ist Protest für das Leben, das nicht erst in der Ewigkeit beginnt. Christen dürfen heute schon aufstehen für das Leben und müssen heute schon einstehen für, denen das Lebensrecht verweigert wird.
Christus ist auferstanden von den Toten. Ohne dies Bekenntnis gibt es keinen christlichen Glauben. Ohne diese Wahrheit wären wir arm dran und blieben einsam und verloren in unsrem Leben.
Auferstehung kann ich nicht erklären. Ich weiß nicht, wie das geht. Auferstehung ist nicht Wiederbelebung eines Toten.
Auferstehung ist wie das Wandern von einer Welt zur anderen. So wie der Auferstandene nicht mehr ganz in der Welt der Jünger zu Hause ist, aber seinen Weg in Gottes Gegenwart hinein noch nicht zu Ende gegangen ist.
Er ist nicht mehr ganz von hier, kann unerkannt bleiben und ist doch der, den man ans Kreuz geschlagen hat.
So stelle ich mir Auferstehung vor: als einen Weg in Gottes Wirklichkeit und zwar untrennbar mit den Spuren, Erfahrungen und Erinnerungen meines Lebens, mit den Fragen, die ich ein Leben lang mit mir herum getragen habe. Mit der Sehnsucht nach Menschen, die ich auf meinem Weg verloren habe und am Ende doch befreit von aller Last und aller Traurigkeit, geheilt von allem Schmerz, vor allem zu Hause angekommen. Ich glaube mit dem Apostel Paulus aus tiefem Herzen: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Amen

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