Versöhnung braucht Verantwortung

Paulus findet großartige Worte an einem Ort, an dem es uns die Sprache verschlägt. Er redet von Versöhnung, wo uns eigentlich Ausgrenzung, Ablehnung, auf dem Höhepunkt der Gefühlsausbrüche sogar Hass entgegenschlagen. Wo die Menschenworte, die die Kreuzigung fordern, noch nachhallen, sieht er das letztes Wort Gottes von der Versöhnung schon aufgerichtet
Dabei wissen wir alle, wie weit der Weg zur Versöhnung ist, wenn Gewalt und Hass geherrscht haben.
Wir erleben Tag für Tag, wie alle Bemühungen um Aussöhnung untergraben werden können, wenn einige sich mit ihrem Hass dem Frieden entgegenstellen. Und viele zweifeln, ob Versöhnung letztlich überhaupt gelingen wird.
Versöhnung in Afghanistan nach Jahrzehnten des Krieges und der Besatzungen, nach Morden und Gewaltexzessen ?
Versöhnung im Irak zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden?
Versöhnung und ein friedliches Miteinander von Palästinensern und Israelis in Palästina und in Jerusalem – der Stadt, die eigentlich den Frieden in ihrem Namen trägt?
Die Botschaft hör ich wohl, allein fehlt mir der Glaube?
Wenn es an uns Menschen läge, dann wäre Skepsis in der Tat angebracht. Zu lang ist die Spur der Gewalt in der Menschheitsgeschichte, für die das Kreuz nur eine Momentaufnahme sein mag, denn es hat sie allem Anschein nach nicht nachhaltig durchkreuzt: dieses Kreuz diese Spur.
Und doch gibt es auch Erfolgsgeschichten der Aussöhnung. Hätten unsere Vorfahren vor zwei oder drei Generationen sich erträumt, dass Deutsche und Franzosen friedlich und freundschaftlich nebeneinander existieren ?
Oder das Deutsche und Polen zu guter Nachbarschaft in der Lage sind und gemeinsam das Haus Europa bewohnen und gestalten?
Hätten wir uns vor dreißig Jahren ausmalen können, dass die Grenzen zwischen Ost und West fallen, dass wir heute als Kirchenkreis in unsere rumänische Partnergemeinde fahren,ohne einmal an einer Grenze anhalten zu müssen?
Es gibt sie: die Wunder der Aussöhnung!
Es gibt die Wunder der Versöhnung, wo Freunde sich wiederfinden, die sich auf ihren Lebenswegen nicht nur aus den Augen, sondern auch aus den Herzen verloren haben.
Es gibt die Wunder der Versöhnung, wo Familien wieder heil werden und Vertrauen und Liebe wieder wachsen kann.
Es gibt sie, wenn wir suchen und wenn wir genau hinschauen in dieser immer noch unerlösten und oft so unversöhnlichen Welt.
„Woher ich diesen Optimismus nehme“ mag mich mancher fragen und dann antworte ich gerne und mit tiefer Herzensüberzeugung mit dem Apostel Paulus: weil das Wort von der Versöhnung mitten unter uns aufgerichtet ist.
Weil es nicht nur innwendig gemeint ist und den Seelen- und Herzensfrieden verspricht, sondern weil es der ganzen Welt, der ganzen Schöpfung, allen Kreaturen gilt.
Und weil es nicht an uns Menschen hängt, an unserem Bemühen und an unserem Scheitern.
Weil es Gottes Versöhnungsangebot ist, seine ausgestreckte Hand hinein in die Abgründe menschlichen Tun und Denkens.
Das Kreuz mag auf den ersten Blick Sinnbild und Ausdruck aller todbringenden Gewalt sein. Da spiegelt sich der Brudermord am Anfang der Menschheitsgeschichte ebenso wieder wie der vermeintliche todbringendeVerrat des besten Freundes.
Da finden sich die Selbstmordattentate unserer Tage ebenso wie alles sinnlose Leiden und Sterben in unseren Häusern und auf unseren Straßen. Die Kreuze auf den Gräbern und an den Rändern unserer Straßen erzählen wie zerbrechlich menschliches Leben ist, wie sinnlos, wie hilflos und wie schuldbeladen vieles im Leben bleibt.
Das Kreuz steht für all das Dunkle und Schwere, für all das Leidvolle und Schmerzhafte, dass Menschen erleben und ertragen müssen oder manchmal sich gegenseitig antun.
Es erzählt von allen Abbrüchen, wo eigentlich Aufbrüche erhofft wurden.
Es erzählt vom Tod mitten in aller Lebenssehnsucht, die so gerne wegschauen und verdrängen möchte,was keinem erspart bleiben wird.
Aber, liebe Gemeinde, das ist nur die eine Perspektive.
Da sind wir noch ganz bei uns und schauen nur mit unseren Augen auf diesen Hügel vor uns mit den Kreuzen und den Sterbenden.
Es gibt auch die andere Perspektive.
Paulus hat sie eingenommen. Und er nimmt mit seinen Augen und mit seinem Herzen auf einmal etwas ganz anderes wahr. Er sieht Christus am Kreuz und er sieht Gott in Christus .
Ja, es ist Gott, der sich aufgemacht hat hinein in das menschliche Elend, in das Leiden und Sterben des Menschen.
Es ist Gott, der sich der Gewalt ausliefert und sich so ausdrücklich auf die Seite der Opfer schlägt. Hier gibt es kein Verheimlichen und Vertuschen. Gott ist vor allem der Anwalt aller Opfer von Gewalt und Übergriffen. Er entlarvt so erst alle Schuld der Täter. Im Angesicht des Kreuzes ist Leugnen nicht mehr möglich. Im Sterben des Unschuldigen wird alle menschliche Schuld und alles menschliche Versagen offenbar und auf den Punkt gebracht: der von keiner Sünde wusste, wurde für uns zur Sünde gemacht.
Paulus sieht das Kreuz und er sieht Gott.
Paulus sieht das Kreuz und er sieht den Menschen.
Und er sieht eine ausgestreckte, zur Versöhnung bereite Hand
Gott hat getan, was er tun konnte. Er hat die schlimmsten, tiefsten und dunkelsten Abgründe durchschritten.
Jetzt können wir Frieden machen mit Gott und mit uns.
Wir haben in der Vergangenheit wenigstens das Eine gelernt: das Versöhnung keinen Automatismus kennt.
Versöhnung erträgt kein „Schwamm drüber“ und „Vergessen“.
Versöhnung braucht die Verantwortung, sich der Schuld und dem Versagen auch zu stellen. Versöhnung braucht Aufarbeitung der Vergangenheit und zwar offen und ehrlich.
Auch Gottes ausgestreckte Hand bedeutet nicht Flucht vor Verantwortung.
Versöhnung zwischen Opfer und Täter, zwischen Gott und Mensch kann doch nur gelingen, wo um Versöhnung gerungen wird, wo Opfern Gerechtigkeit widerfährt und Täter nicht nur mit den Lippen, sondern mit dem Herzen bereuen.
Von Verantwortung kann man sich nicht los kaufen, aus der Verantwortung kann man sich auch nicht stehlen, aber eigenes Versagen und eigene Schuld können einen gereuen. Die Reformatoren wussten dies. Denn das war es, was Luther dem zeitgenössischen Ablasshandel entgegenhielt: Ich kann mich nicht freikaufen, aber es kann mir in der Seele und im Herzen Leid tun.
Ich glaube, dass diese Botschaft drängend und aktuell ist.
Das gilt in den Missbrauchsfällen, die die Öffentlichkeit zu Recht so erregen und wo nicht schonungslos und offen aufgeklärt und Reue gezeigt wird, ebenso wie in unserer eigenen Biographie, in der wir auch einiges lieber nicht so genau anschauen wollen.
Aber: es ist immer an der Zeit mit sich ins Reine zu kommen.
Es ist immer Gelegenheit mit Gott reinen Tisch zu machen.
Und genau das ist der Ausgangspunkt, der Quellgrund aller Versöhnung.
Gott streckt seine Hand aus. Er lädt ein, in klaren Verhältnissen aus der Versöhnung zu leben und Versöhnung zu erfahren.
Deshalb hören wir heute eindringlich und nachdrücklich, werbend und einladend,offen und hoffnungsvoll:
Last euch versöhnen mit Gott. Und lasst aus eurer Mitte Versöhnung wachsen für alle Menschen ohne Unterschied und ohne Grenzen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle eure Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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