Konfirmationspredigt. Krieger des Lichts (Silbermond) – Mt.14,22-33

Konfirmationsgottesdienst am 27./28.3.2010 in St. Jakobi, Wittlohe (Kirchenkreis Verden, Niedersachsen)
Predigttext: Silbermond, „Krieger des Lichts“
und Mt. 14,22-33 (Der sinkende Petrus)

Liebe Festgemeinde,
Kirchlinteln – Schulstraße, ein frischer, aber schöner Morgen, es riecht nach Frühling und Osterferien. Schülergruppen gehen Richtung Schule. Obwohl es noch so früh ist, hört man fröhliches Gelächter. Gleich klingelt es zur ersten Stunde. Sebastian ist schon beim Parkplatz angekommen und mit jedem Schritt wird er langsamer. Ihm ist übel, seine Hände fangen an zu schwitzen und er merkt, wie sein Puls schneller wird. Da vorne vorm Haupteingang stehen Dana, Nadine und Maja, feixend nehmen sie Sebastian ins Visier. Der weiß schon, was jetzt kommt: „Ey guck mal, die blöde Schwuchtel wieder“ Dana schubst Sebastian, dem rutscht die Tasche aus der Hand. Nadine gibt ihr einen Tritt. „Lasst mich doch in Ruhe“ – bittet Sebastian. Aber die drei finden das nur zum Lachen: „Du alte Memme, so ein Weichei, wie der schon aussieht, der looser.“
Von weitem gucken Josi und Moritz zu. „Mensch, wir müssen was tun“ meint Jose. „Quatsch, was geht mich das an?“ sagt Moritz und verschwindet in der Schule. Josi aber geht los fährt die anderen an. „Was soll denn das, lasst Sebastian in Ruhe, Ihr Feiglinge“ „Wieso mischt Du Dich denn ein, verschwinde!“ „Nein, ich verschwinde nicht. Was Ihr hier macht ist echt feige und blöd.“ Da trollen sich die drei und Sebastian und Josi gehen zusammen in den Unterricht. Nach der ersten Stunde findet Sebastian den Mut seinen Klassenlehrer einzuweihen und erzählt ihm, dass er schon seit Wochen von den drei Mädchen drangsaliert wird.
Gib Mobbing keine Chance!
Mit diesem Appell zum mutigen Einmischen endete ein Anspiel aus Eurem Vorstellungsgottesdienst zum Thema „Angst überwinden, Mut zum Leben.“ Da gab es viele interessante Beiträge zum Thema und Ihr habt diese Szene eben bestimmt wiedererkannt, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Oder sollte ich sagen: Liebe Kriegerinnen und Krieger?

Kriegerinnen und Krieger?!?!
Eine befremdliche Wortwahl, ganz besonders in der Kirche. Schließlich haben wir in den letzten anderthalb Jahren versucht, unseren Beitrag dazu zu leisten, Euch den Respekt vor der Würde des Anderen und die Bereitschaft zu friedlichem Miteinander und Versöhnung nahe zu bringen. Krieger und Kriegerin – das kommt aus einer anderen Zeit, jedenfalls in unsrem Teil der Welt. Es sei denn, Ihr seid in World of Warcraft oder einem anderen Online-Rollenspiel als Krieger unterwegs. In der Realität aber gilt: Wo Krieg das erste Mittel der Wahl ist, da regieren Gewalt und Ungerechtigkeit, da gilt das Recht des Stärkeren.
Und trotzdem: Lasst uns aufsteh’n, macht Euch auf den Weg. An alle Krieger des Lichts, wo seid Ihr – Ihr seid gebraucht hier, macht Euch auf den Weg. An alle Krieger des Lichts.
Mir gefällt das Kämpferische am Lied von Silbermond, Euerem Themenlied für den Vorstellungsgottesdienst am letzten Sonntag. Es war nicht einfach, es einzuüben. Manchmal musste ich Euch richtig antreiben und nötigen und Ihr habt rumgemault. Ich muss ehrlich sagen: Zwischendrin hatte ich auch Zweifel, ob wir uns mit dem Lied nicht überhoben haben. Aber dann ist der Funke übergesprungen, manche haben sich sogar getraut durchs Mikro zu singen und können den Text jetzt auswendig. Da haben wir miteinander im Kleinen erlebt, wie das ist:
Und wenn dein Wille schläft, dann weck ihn wieder, denn in jedem von uns steckt dieser Krieger.
Am Besten kam das Lied immer dann rüber, wenn Ihr Eure eigene Kraft gespürt und gezeigt habt. Wenn Ihr Euch getraut habt, Euch gerade aufzurichten und Eure Stimme laut werden zu lassen. Nicht so einfach in Eurem Alter. Da wollt Ihr eigentlich nicht auffallen, bloß nicht im Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit stehen. Vieles ist Euch einfach nur PEINLICH.
Ich versichere Euch: Er wird noch wachsen, der Mut ich selbst zu sein:
Hab keine Angst vor deinen Schwächen, fürchte nie, deine Fehler aufzudecken, sei bedacht, beruhigt und befreit, sei auch verrückt von Zeit zu Zeit!

Etwas so verrückt wie Petrus aus unserer Bibelgeschichte?
Der mitten im großen Sturm auf das Wasser tritt – wider alle Vernunft und gutes Wissen?
Ich denke mal, Eure Eltern wären gar nicht so begeistert, wenn ich Euch heute ermutigte, unvernünftige oder sogar gefährliche Dinge anzustellen. Auf Euch aufzupassen, das haben Sie Euch von Kind an beigebracht: Nicht mit Streichhölzern spielen, nicht mit Fremden mitgehen, beim Fahrradfahren den Helm aufsetzen, nie bei Rot über die Ampel laufen. In nicht allzu ferner Zeit sagen sie dann vielleicht vor dem Discoabend: Steig bloß nicht zu einem Betrunkenen ins Auto, wenn was ist, hol ich dich lieber ab. Und Ihr sollt Euch auch nicht alleine mit fünf Skinheads anlegen, wenn die jemanden drangsalieren, sondern irgendwie Hilfe holen – das haben wir in unserem Seminar zum Thema GEWALT besprochen. „Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um“ – das steht schon in der Bibel, die Älteren kennen das Sprichwort bestimmt noch. Es gibt Risiken, die Ihr nicht eingehen solltet, um Euch oder andere nicht zu gefährden.

Aber ohne Risiko zu leben, ist das die Alternative?
Der Krieger kennt seine Grenzen – und geht trotzdem zu weit. Kein Glück in der Ferne, nach dem er nicht greift.
singen Silbermond.
Ihr seid in einem Alter, in dem Ihr Eure Grenzen gerade sehr austestet und ausreizt – nicht immer gut für die Nerven Eurer Eltern und Lehrer. Aber ein Prozess, der wichtig ist: Denn Ihr sollt ja wachsen, er-wachsen aus Eurem Kinder-Ich. Da müsst Ihr Euch strecken, etwas wagen, neue Wege gehen, manchmal auch ungewöhnliche.
„Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Der Philosoph Ernst Bloch hat das alte Sprichwort ins Gegenteil umgewandelt. "Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um!" Mit dieser Umkehrung fordert der Philosoph dazu auf, für die richtige Sache auch ein Wagnis einzugehen, die eigenen Grenzen nicht als gegeben hinzunehmen, sie im Gegenteil auszuweiten oder zu überschreiten.
Solche Risikobereitschaft entspricht nicht gerade dem Zeitgeist und den heutigen Handlungsstandards. Realpolitik und die Beschränkung auf das "Machbare" dominieren derzeit das Handeln der Mächtigen in Wirtschaft und Politik. Für große Veränderungen in drängenden Fragen vom Klimawandel bis zur Bildungspolitik mangelt es an visionärer Strahlkraft. In diese Zeit des gestalterischen Stillstandes hinein singen Silbermond ihren Aufruf an die Krieger des Lichts:
Ihr seid gebraucht hier, mach Euch auf den Weg.
Seine Macht ist sein Glaube, um nichts kämpft er mehr, und das immer und immer wieder, deswegen ist er ein Krieger.

Nur, wie bekomme ich den Mut dazu, etwas zu wagen, ungewohnte Wege zu gehen? Ich denke an die Jünger im Boot, das vom Sturm durchgeschüttelt wird. So wie uns das Leben auch manchmal durchrüttelt: Das Schulzeugnis lässt sehr zu wünschen übrig, die Eltern streiten nur noch und wollen sich trennen, der Freund hat eine andere oder ein geliebter Mensch stirbt. Woran kann ich mich dann festhalten, wenn mein Leben von unten nach oben gekehrt wird? Zu wem schreie ich? Und noch wichtiger: Wer hört mich, wer hilft mir?
Gut wenn man in solchen Situationen Familie oder Freunde hat, die einem die Hand reichen, einen aus dem Schlamassel ziehen oder zumindest dafür sorgen, dass man nicht untergeht. Gut, wenn man ein Mensch ist, auf den andere sich in der Not auch verlassen können. „Keine Angst, fürchte dich nicht. Hier, nimm meine Hand, ich halte dich fest“.

Petrus vertraut auf Jesus. Mitten im Sturm kommt der übers Wasser gelaufen. Das kann doch gar nicht sein, so was gibt es nicht. Während alle anderen sich noch ungläubig die Augen reiben, ist Petrus mal wieder vorneweg. "Herr, wenn du es wirklich bist, lass mich auf dem Wasser zu dir kommen."
Ich mag Petrus. Er reißt seine Klappe immer ziemlich weit auf und will etwas wagen – selbst wenn er hin und wieder kläglich daran scheitert. Auch hier: Im Vertrauen auf Jesus setzt er den Fuß auf das Wasser, gehalten von seinem Wort und seiner Zusage: „Komm her.“ Unmögliches geschieht. Aber dann verliert Petrus seinen Halt aus den Augen, sieht plötzlich nicht mehr Jesus, sondern die hohen Wellen, den Sturm. Er bekommt Angst und so bekommt die Angst ihn in die Fänge. Petrus versinkt, nur die rettende Hand seines Meisters bewahrt ihn vor dem Ertrinken. Und Petrus lernt: Wenn ich gebannt auf die Stürme des Lebens gucke, dann gehe ich unter. Wenn ich all meine Wahrnehmung auf die Gefahren richte, dann werde ich handlungsunfähig. Dann hat mich die Angst im Griff und ich bin abgeschnitten von meiner Kraft und vom Glauben. Wenn ich mich an Jesus Christus halte, mich von ihm rufen und ermutigen lasse, dann werde ich gerettet. Dann komme ich glücklich ans andere Ufer und kann Unmögliches schaffen.

Liebe Konfirmandin, liebe Konfirmand. Auch wenn mich an Jesus Christus halte, rutscht mir das Herz manchmal vor Angst in die Hose. Und mein Herz wummert, es grummelt in meinem Bauch, meine Hände zittern vielleicht, oder meine Stimme. Auch wenn ich glaube, wird es immer wieder Situationen geben, in denen ich mich hilflos und alleine fühle. Aber wenn ich glaube – und das macht den einzigen Unterschied – habe ich jemanden, zu dem ich um Hilfe schreien kann, der mir Halt geben will auch in den Stürmen des Lebens.
Wer das weiß, kann Dinge vollbringen, die er oder sie sich nie zugetraut hätte. Kann Grenzen überschreiten, Neues wagen. Auf dem Wasser gehen, Berge versetzen, gegen Ungerechtigkeit ankämpfen.
Wie eine Kriegerin, ein Krieger des Lichts.
Denn in jedem von uns steckt dieser Krieger. Dessen Mut ist wie ein Schwert, doch die größte Waffe ist sein Herz.
Also: Macht euch auf den Weg – unter dem Segen Gottes,
denn Ihr seid gebraucht hier – auf den Spuren Jesu.
In der Kraft seines Geistes. Amen.

Pastorin Anke Döding
Stemmener Str. 20a
27308 Kirchlinteln-Wittlohe
04238/493
Anke.Doeding@evlka.de

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