Knechtsgestalt

Liebe Gemeinde,

kennen Sie das Märchen vom „König Drosselbart“? Das geht so: „Es war einmal eine schöne, aber hochmütige Prinzessin, die alle Männer auslachte, die um ihre Hand anhielten. Einen König verspottete sie besonders: der hatte ein gebogenes Kinn und sie lachte ihn aus: „Ei, der hat ein Kinn, wie die Drossel einen Schnabel“. Daraufhin bekam er den Spottnamen „König Drosselbart“.

Nach diesem Vorfall hatte ihr Vater so genug von ihrem Verhalten, dass er ihr befahl, den erstbesten Bettler zu heiraten, der an das Tor des Schlosses klopfen würde. Zum großen Schrecken der verwöhnten Königstochter kam ein armer Spielmann, dem sie nun tatsächlich in seine armselige Hütte folgen musste. Nun musste sie, den finanziellen Mitteln des Haushaltes angepasst, mithelfen. Aber sie konnte nichts – weder Feueranzünden noch Körbe flechten. Sie verkaufte schließlich Töpfe auf dem Markt. Sie schämte sich schrecklich und hatte grosse Angst, die Menschen aus dem Schloss könnten sie erkennen und verspotten, so, wie sie früher die Menschen verhöhnt hatte. Aber es kam noch schlimmer. Ein betrunkener Reiter trieb sein Pferd durch ihren Stand und zerstörte die Waren. Das war schrecklich für sie, denn damit war aller Verdienst hin und sie konnte für sich und ihren Mann kein Essen kaufen.

Der arme Spielmann vermittelte sie dann als Küchenhilfe ins Königliche Schloss. Dort arbeitete sie als – wir würden heute sagen – Ungelernte. Also Abwaschen, Müll raustragen, Böden wischen. Bei einem Fest, das der König feierte, schaute sie zu und wurde ganz wehmütig, wenn sie daran dachte, dass diese Welt ihr auch einmal offen gestanden hatte. Und dann erkannte sie auch noch in dem feiernden König den Mann, den sie abgewiesen hatte, den sie König Drosselbart genannt hatte. Sie lief weg, aber der König holte sie ein und sagte zu ihr: „Fürchte dich nicht, ich und der Spielmann, der mit dir in dem elenden Häuschen gewohnt hat, sind eins: dir zuliebe habe ich mich so verstellt, und der Reiter, der dir die Töpfe entzweigeritten hat, bin ich auch gewesen. Das alles ist geschehen, um deinen stolzen Sinn zu beugen und dich für deinen Hochmut zu strafen, womit du mich verspottet hast.“ Da weinte sie bitterlich und sagte: „Ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert, deine Frau zu sein.“ Er aber sprach: „Tröste dich, die bösen Tage sind vorüber, jetzt wollen wir unsere Hochzeit feiern.“

Soweit das Märchen, ich habe es in meiner Nacherzählung zwar etwas gekürzt, aber die Aussage blieb deutlich: ein König liebt eine Königstochter. Sie liebt ihn nicht, sie verspottet ihn sogar. Um ihre Liebe zu gewinnen, um ihr zu zeigen, dass er der Richtige ist, nimmt der König eine ganz ärmliche Gestalt an und zwingt die Geliebte in Not und Scham. Dadurch, dass die Frau erkennt, wie gut sie es bei dem König gehabt hätte, ändert sie ihre Einstellung zum Leben und zu den Menschen. Das wird uns zwar so ausdrücklich nicht erzählt, aber ihre Reaktion, als sie den König erkennt, legt den Gedanken nahe: „Ich habe großes Unrecht gehabt und bin nicht wert, deine Frau zu sein.“

Liebe Gemeinde, mir fiel das Märchen ein, als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag Palmarum gelesen habe. In dem geht es auch um einen Mann, der aus Liebe auf alle Würde verzichtete und – so die biblische Sprache – Knechtsgestalt annahm. Aber auch, wenn das Märchen Parallelen zum biblischen Text aufweist, ist es doch in einigen wichtigen Punkten verschieden.

Jesus – der Mann, um den es jetzt gehen soll – war nicht in der Welt, um Menschen zu demütigen, ihnen „böse Tage“ zu bereiten oder ihren Hochmut zu brechen. Er kam als einer, der Gott und die Menschen liebt – herzlich, innig, leidenschaftlich. Und er verhielt sich genauso wie wir, wenn wir lieben. Da gehen wir ja auch nicht zu dem/zu der anderen und erziehen oder machen erst einmal klar, dass die bisherige Einstellung zum Leben abwegig ist. Im Gegensatz zu Drosselbart hat sich Jesus Frauen (und natürlich auch Männern) freundlich zugewandt. Er hat sie nicht aus ihrem Umfeld herausgerissen und brutal mit einem anderen Leben konfrontiert, egal, wie sie sich vorher ihm gegenüber verhalten haben. Er ist zu ihnen gegangen und hat in wunderbaren Farben davon erzählt, wie ein Leben aussehen kann, wenn Menschen auf Gott vertrauen. Er hat immer wieder Mut gemacht, das eigene Leben zu bedenken, ohne Angst davor haben zu müssen, verurteilt oder ausgelacht zu werden und er hat die Menschen mit liebevollen Gesten und aufmerksamen Worten auf diesem Weg begleitet. Jesus ist zu den Menschen gegangen und hat ihnen davon erzählt, wie kostbar und einmalig sie sind.

An dieser Stelle wiederum kann uns das Märchen hilfreich sein. Beide, König und Königstochter, sind königlichen Geschlechts. Sie sind einander von Geburt und Rang ebenbürtig. So auch wir! Wir sind Gottes Kinder. So wie Jesus Gottes Sohn ist, so sind wir seine Söhne und Töchter. Im Märchen heißen sie Königssöhne, Königstöchter, wir heißen Gottessöhne, Gottestöchter. Und Jesus wollte mit dem, wie er lebte – was er sagte, predigte und tat – unsere Sehnsucht wecken nach dem Königreich, in das wir von unserer Geburt her eigentlich hingehören. Das besondere an ihm war, nun wieder im Gegensatz zu Drosselbart, dass er absolut überzeugt war von dem Leben, das er führte. Er war in allem authentisch. Er hat sich nicht verkleidet, ist nicht in eine andere Rolle geschlüpft, hat nie etwas erwartet, was er nicht selbst bereit gewesen wäre, einzulösen.

Womit auch die Frage beantwortet ist, die wir uns immer wieder stellen: wie sieht es eigentlich aus, dieses „lebt wie Jesus“; in der Bibel heißt das „Nachfolge“. Ja, was heißt es, in seine Fußstapfen zu treten? Da fühlen wir uns doch ganz schnell überfordert und resignieren und geben auf, bevor wir angefangen haben.

Dabei ist es ganz einfach und vielleicht gerade deshalb so schwer. Ich will es noch einmal vergleichen mit unserer Liebe zu einem anderen Menschen. Da durchzieht diese Liebe unser ganzes Leben. Ob wir bei der Arbeit im Haus oder im Beruf sind, ob in der Freizeit oder im Ehrenamt, ob wir mit Freunden und Freundinnen plaudern oder in der Öffentlichkeit sprechen, immer ist diese Liebe in uns. Und wir werden nichts tun, was den anderen, was die andere verletzt. Wir werden nicht mit gespaltener Zunge sprechen – zu Hause freundlich und woanders abfällig oder umgekehrt. Und immer werden wir danach trachten, unser Leben mit dem seinen, mit dem ihren in Einklang zu bringen.

Nichts anderes hat uns Jesus vorgelebt. Ob er mit seinen Jüngerinnen und Jüngern zusammen war, ob er vor vielen Menschen gesprochen hat oder ob er sich auf der politischen Bühne bewegte, er blieb immer sich selbst, seinen Überzeugungen und seinem Glauben treu.

Biblisch klingt das so, ich lese aus dem Brief an die Philipper im 2. Kapitel: „Eure Einstellung soll der von Jesus Christus gleichen: Er war wie Gott und hielt es nicht gewaltsam fest, Gott gleich zu sein. Er legte alles ab und wurde einem versklavten Menschen gleich und seine ganze Erscheinung zeigte: Er war ein Mensch wie du und ich.“

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