Im Herzen wie Jesus

Liebe Gemeinde,

dieser Sonntag heute, der Palmsonntag, ist von seinem Charakter her ein Tag voller widerstrebender Gefühle. Auf der einen Seite hören wir an diesem Tag von dem jubelnden Empfang, der Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem von den Menschen bereitet wurde. So, wie heutzutage ein Olympiasieger gefeiert wird, wenn er vom Wettkampf zurückkehrt, so ließen die Menschen damals Jesus hochleben. Sie standen reihenweise am Straßenrand und schwenkten ihre Palmzweige als Zeichen der Begeisterung. Und sie gaben damit zugleich ihrer Hoffnung auf Veränderung und Befreiung Ausdruck. „Yes-we-can“-Stimmung also, wie bei Barak Obama vor einem Jahr, als er von einer Welle der Begeisterung ins Präsidentenamt getragen wurde.

Aber schneller noch als bei Barack Obama ist damals die Begeisterung für Jesus der Enttäuschung gewichen. Auf die Hosianna-Rufe folgten nur wenig später schon die Rufe: „Kreuziget ihn!“ Und genau das macht die Zwiespältigkeit dieses Palmsonntages aus. Denn mit diesem Sonntag beginnt die Karwoche, in der die Leidensgeschichte Jesu auf ihren Höhepunkt zusteuert. Statt die erhoffte Wende herbei zu führen, wird Jesus dem Tod ausgeliefert. Statt ganz oben auf der Erfolgsleiter zu stehen, landet er ganz unten, im Abgrund, am Kreuz. Helden sehen anders aus …

Der heutige Predigttext stellt uns diesen Weg Jesu von oben nach ganz unten dennoch als vorbildhaft vor Augen. Wir haben den Predigttext im Eingangsteil des Gottesdienstes bereits kennengelernt. Es ist der so genannte Christushymnus im Philipperbrief, Kap. 2, einer der frühesten Texte des neuen Testaments:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, dieser Text stellt eigentlich alles auf dem Kopf, was in unserer Gesellschaft üblicherweise gilt. Denn diejenigen, an denen wir uns normaler Weise orientieren, das sind doch die Aufsteiger, die die Karriereleiter hinauf klettern. Die Erfolgreichen, die Gewinner, die Siegertypen – denen versucht man normaler Weise doch nachzueifern, vor allem als junger Mensch. Deutschland sucht den Superstar, Gemany`s next Top-Modell, die Weltmeister und Olympiasieger – das sind die Vorbilder unserer Zeit, darunter machen wir es doch kaum noch.

Und hier begegnet uns nun der absolute Gegenentwurf: die Geschichte eines „Absteigers“, – eines, der die Karriereleiter nicht nach oben, sondern nach unten geklettert ist, und das auch noch freiwillig. Wie uncool! Und dabei hätte er es gar nicht nötig gehabt. Hätte sich wunderbar raushalten können aus allen Unannehmlichkeiten des Lebens. Hätte sich als der absolute Supermann fühlen können, der über allem steht, dem niemand etwas anhaben kann. Mit göttlicher Macht, mit göttlichen Eigenschaften ausgestattet – da ist man doch fein raus! Da kann man sich doch das ganze Treiben der Menschheit gemütlich aus der Ferne, von oben anschauen. Ja, er hätte sich etwas einbilden können, dieser Jesus, auf seine göttliche Gestalt. Er hätte überheblich oder auch mitleidig auf uns herab schauen können, wie wir uns abmühen, ein halbwegs gescheites Leben zu führen. Er hätte sich den irdischen Problemen und Schwierigkeiten, mit denen wir es tagtäglich zu tun haben, locker entziehen können.

Aber er hat es nicht getan. „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein“ – so sagt es unser Text. D.h. er hat es nicht festgehalten wie eine Beute, an die man sich klammert, wenn man sie einmal ergattert hat. Sondern im Gegenteil: er hat sich selbst entäußert, d.h. er hat seine Gottgleichheit abgelegt: wie ein König, der seine prachtvollen Gewänder ablegt und gegen armselige Lumpen eintauscht, und sich unter die einfachen Leute mischt. Er nahm die Gestalt eines Knechtes an, eines Arbeiters, eines Arbeitslosen, eines Harz-IV-Empfängers, würden wir heute vielleicht sagen – jedenfalls eines, der es nicht leicht hat im Leben. „Er wurde ein Mensch“, wie du und ich. Und der Predigttext betont: er hat sich nicht etwa nur verkleidet als Mensch, und ist in Wirklichkeit weiter göttlich geblieben. Nein – er ist wirklich durch und durch Mensch geworden. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, in nichts mehr zu unterscheiden von jedem anderen Menschen: verletzbar, verwundbar und sterblich, wie wir alle.

Wie gesagt: nach unseren heutigen Maßstäben eigentlich ganz schön dumm. Denn wer gibt schon freiwillig das auf, was er hat. Wenn ich mit Privilegien geboren bin, weil ich eben das Glück hatte, reiche Eltern zu haben, oder ein gebildetes Elternhaus – dann werde ich das doch nicht einfach preisgeben. Dann werde ich doch alles tun, um das, was ich den anderen voraus habe, festzuhalten, oder etwa nicht? Von Jesus aber heißt es, dass er das Gegenteil tat. Und sogar noch mehr: er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Soweit ist er also mit seinem Weg der Hingabe und der Selbstaufgabe gegangen. Sein Weg von ganz oben nach ganz unten endete dort: an dem Ort, an dem damals Verbrecher hingerichtet wurden.

Das alte Christuslied ist hier allerdings noch nicht zu Ende. Sondern es geht noch weiter. Und zwar so, dass es da plötzlich in dieser Abstiegsgeschichte von Jesus Christus einen unerwarteten Wendepunkt gibt. Eingeleitet wird diese Wende mit dem Satz: „Darum hat ihn auch Gott erhöht.“ Was ist da passiert? Wie mit einem Aufzug, so ein Bild kommt mir jetzt, ist der, der da diesen Weg nach ganz unten gegangen ist, bis zum Tod am Kreuz – auf einmal, wieder nach ganz oben gehievt worden. Gott selbst, sagt das alte Lied, hat ihn von dort unten wieder herauf geholt. Warum? Weil er gehorsam geblieben ist. Weil er auf seine innere Stimme gehört hat. Weil er den Weg gegangen ist, den Gott ihm bestimmt hat: den Weg zu den Menschen, den Weg der Hingabe, den Weg der mitleidenden Liebe, die nicht den eigenen Vorteil, sondern das Heil der anderen sucht. Darum also hat Gott ihn erhöht, so paradox es auch klingen mag: weil er darauf verzichtet hat, Gott gleich zu sein; weil er darauf verzichtet hat, sich selber zu inszenieren; weil er darauf verzichtet hat, sich selber einen Namen zu machen. Darum hat Gott ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist: über Coca Cola, über Mc Donalds, über Nike, über Microsoft, über Google. Über die Namen auch der Karrieremänner und –frauen, der vermeintlichen Sieger, der Mächtigen dieser Welt.

Jetzt ist wohl auch den meisten von uns klar, was dieses alte Christuslied in diesen wenigen Sätzen beschreibt. Es ist die ganze Geschichte Jesu, mit all den Stationen, die wir in der ersten Hälfte des Kirchenjahres feiern: seine Menschwerdung im Stall von Bethlehem, von der wir an Weihnachten hören – sein Leidensweg, an den wir uns in der Passionszeit erinnern – seine Auferstehung, die wir an Ostern besingen – und seine Erhöhung zu Gott, die wir an Himmelfahrt erinnern. Von ihrem Ende her betrachtet ist diese Geschichte also dann doch nicht mehr nur die Geschichte eines freiwilligen Absteigers. Sondern es ist zugleich die Geschichte von einem, der auf eine uns völlig unbegreifliche Weise gerade dadurch zu Gott aufsteigt, dass er konsequent den Weg nach unten geht: seine Macht und seine Privilegien abgelegt und sich ganz in den Dienst der Menschen stellt – sich nicht zu schade ist, den Niedrigen und Schwachen nahe zu kommen, ja sogar: einer von ihnen zu werden. Das alte Christuslied sagt uns, dass dieser Jesus, der seine Königskleider gegen Lumpen eingetauscht und sich selbst zu einem Diener erniedrigt hat, nicht im Tod geblieben ist, auch wenn er wie ein Verbrecher sterben musste am Kreuz. Mit seinem Durchhalten bis zum bitteren Ende hat er vielmehr gezeigt, dass die Liebe stärker ist, als der Tod. Darum hat Gott ihn erhöht. Und darum bekennen wir uns zu ihm, darum stellen wir seinen Namen über alle anderen Namen. Darum geben wir Gott die Ehre, der diese wundersame Wende herbeigeführt hat – der das scheinbare Scheitern des mensch-gewordenen Sohnes in einen Sieg, in einen neuen Anfang verwandelt hat. Am Ende dieser Geschichte haben also doch wieder Freude und Jubel die Oberhand. Auch wenn sie jetzt, zu Beginn der Karwoche, noch nicht dran sind. Denn zuerst müssen wir in dieser Woche den Weg Jesu nach ganz unten mitgehen. Wenn wir den mit vollzogen haben – dann werden wir auch Anteil haben werden an dem zweiten Teil dieses Weges: an der Erhöhung Jesu zu Gott, und an dem Durchbruch des neuen Lebens aus dem Tod, das wir an Ostern feiern dürfen.

Und so können wir jetzt vielleicht auch besser die Ermahnung verstehen, die der Apostel Paulus diesem alten Christuslied voranstellt: Seid untereinander so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Worum es Paulus hier geht, ist eine bestimmte Grundhaltung – eine Gesinnung, die sich aus dem Vorbild und der Geschichte von Jesus Christus ableiten lässt für den Umgang untereinander und mit anderen. So wie Jesus seine Privilegien abgelegt hat und sich den Menschen ganz unten zugewandt hat, so sollen auch wir in unserem Miteinander davon absehen, uns an Privilegien zu klammern oder bei dem, was wir tun, unsere Person in den Vordergrund zu stellen. Zu der Gesinnung, die der Gemeinschaft in Christus entspricht, gehört der Anspruch, dass es bei uns anders zugehen muss, als in vielen Bereichen der Gesellschaft, wo der Ellenbogen das wichtigste Kör-perteil ist, um weiter zu kommen und sich nach oben durchzuboxen; anders als in der Politik, wo immer wieder mancher zuerst seine eigenen Schäfchen ins Trockene bringt, sobald er einen guten Posten bekommen hat, oder bevorzugt seine Freunde und Verwandte versorgt; anders auch als sonst wo in der Welt, wo einer den anderen niederdrückt und die Mächtigen ihre Völker niederhalten.

„So soll es nicht sein unter euch“, sagt Jesus an anderer Stelle, „sondern wer groß sein will unter euch, soll euer Diener sein, und wer unter euch der erste sein will, der soll allen ein Knecht sein.“ Genau darum geht es auch Paulus hier: unser Leben nach dem Vorbild Jesu auszurichten, bedeutet, es in den Dienst der Gemeinschaft stellen: nicht größer, wichtiger sein zu wollen, als andere, sondern einfach da zu sein für die, die uns brauchen – Rücksicht aufeinander zu nehmen – einander mit Wertschätzung zu begegnen. So, denke ich, sieht die Gesinnung aus, die der Gemeinschaft in Jesus Christus entspricht. Oder so, wie es ein altes Spiritual besingt: „I want to be like Jesus in my heart“ – „Ich möchte in meinem Herzen wie Jesus sein“! Ja, nichts anderes ist es, wozu uns unser Predigttext heute anstoßen will. „I want to be like Jesus in my heart“ In den nächsten Tagen und Wochen können wir diese Haltung oder Gesinnung vertiefen, wenn wir gemeinsam in der Gemeinde den Weg Jesu nachvollziehen – nach ganz unten zum Kreuz und wieder hinauf zu Gott.

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