Zwischen Tränen und Hoffnung

Als Kind bin ich noch aufgewachsen mit dem Spruch: hör auf zu weinen, Indianer kennen keinen Schmerz. Ein Junge weint nicht.
Und es ist erstaunlich, wie sich diese Einstellung bis heute in vielen Köpfen hält: Jungen und erst recht Männer weinen nicht. Sie haben ihre Gefühle, ihre Emotionen im Griff, gehen vernünftig an eine Sache heran.
Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn dann doch einmal ein Mann in Tränen aufgelöst zu sehen ist. Wie tief muss der Abgrund sein, in den er gerade blicken muss. Allerdings ist der Schmerz noch größer, wenn einer gerne weinen möchte und es fließen keine Tränen.
Dann bleibt bloß noch pure, untröstliche Verzweiflung.
Denn mit den Tränen bricht etwas heraus, bricht etwas auf. Ein Schmerz löst sich, verschafft sich Gehör, tritt an die Oberfläche.
Tränen reinigen, spülen weg, verschaffen der Seele Luft.
Wann haben sie das letzte Mal geweint?
Beim Abschied der Kinder, die so weit weg wohnen ?
Nach einem heftigen Streit, bei dem keiner am Ende Recht hatte?
Als die Freundschaft, die Liebe zerbrach, die ihnen doch so viel bedeutete?
Am Grab, das die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft raubte, in dem sie buchstäblich begraben liegt?
Sicher gibt es Menschen, von denen man sagen kann, sie haben nah am Wasser gebaut. Aber sie haben es vielleicht auch leichter als andere, denn sie erleben keinen Gefühlsstau. Daran kann man erkranken und zu Grunde gehen. Wer weint, gibt anderen ein Signal: du bedrängst mich, du verletzt mich. Ich bin hilflos und habe Angst. Kümmere dich um dich. Nimm Rücksicht und habe Einsicht.
Manchmal weinen wir aber auch vor Glück, im Zustand tiefster empfundener und erfahrener Liebe.
Ich ringe jedes mal, wenn ich mit einem Brautpaar in die Kirche einziehe, mit den Tränen, weil dieser Augenblick und das Glück in den Augen der Betroffenen mich zu tiefst anrühren, obwohl es mir im Allgemeinen eher schwer fäll,t zu weinen. Solange wirkt eben Erziehung immer noch nach.
Es gibt auch Musik, die mich zu Tränen rührt.
Warum also nicht weinen? Es gibt so viele Anlässe und Gründe. Warum der Seele Gewalt antun? Sind wir doch als weinende nicht allein. Befinden wir uns doch in guter Gesellschaft.
Er, Jesus, hat in den Tagen seines Lebens mit Tränen, unter Tränen gebettelt, gefleht und gebetet.
So drastisch und nüchtern beschreibt der Hebräerbrief es.
Nichts mit „losgelöst von allem irdischen“, „über allen Dingen schwebend und thronend“, „mächtig und ungerührt“ wie ein Herrscher, der hart sein muss, um des Erfolges willen.
Jesus ließ sich die Dinge zu Herzen gehen.
Jesus litt unter seinem Weg, an seinem Schicksal, auch an dem was Menschen bevorsteht oder was sie erlebt haben.
Als er auf dem Weg nach Jerusalem nahe an die Stadt herangekommen war und ihre Silhouette sah, da brach er in Tränen aus, weil er die Zukunft sah, die Zerstörung, die bevorstand, die Trauer über die unzähligen Opfer, die die Zerstörung mit sich bringen wird.
Das Leid und das Elend, das Krieg und Gewalt verbreiten, gingen ihm zu Herzen. Und mit dem Blick auf Jerusalem wird er einen Blick auf all die anderen bekannten und unbekannten Orte gehabt haben, wo Menschen umgekommen sind, umkommen und umkommen werden, egal ob bei den Erdbeben in Haiti und Chile oder bei Selbstmordattentaten in Afghanistan und im Irak oder unter den Trümmern von Coventry und Dresden und auch Templin. Wäre es anders, bleibe alle Menschlichkeit, bliebe seine Menschlichkeit auf der Strecke.
Er kämpfte mit den Tränen, als er im Garten Gethsemane mit Gott um seinen Weg, sein Schicksal, sein Leben rang. Mit Zittern und Zagen, sagen die Evangelisten, Lukas sogar mit Schweiß wie Blutstropfen und einem Kampf auf Leben und Tod.
„Lass diesen Kelch an mir vorübergehen“ Da ist einer ganz unten angekommen, nackt und mit leeren Händen, nur noch schiere Verzweiflung. Da kämpft einer um sein Leben, will sich nicht einfach so seinem Schicksal ergeben. So als wollte er ein für alle Mal allen sagen und deutlich machen: Kampflos muss man sein Leben nicht hergeben, keiner! Es lohnt sich, in jeder Situation erst einmal um das Leben zu kämpfen. Keine Diagnose, keine Situation, keine Nachricht muss von vornherein das Todesurteil oder das Ende sein.
Keiner muss gleich einstimmen in die auch nur mühsam errungene Gelassenheit Dietrich Bonhoeffers, der aus der Todeszelle heraus singt und dichtet: Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand.
Auch Jesus ringt und kämpft und betet.
Der einzige Unterschied mag sein, dass Jesus sein Los, anders als Menschen es meist tun, nicht Gott vorwirft, sondern sein Leben in Gottes Hand legt: „Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille.“
Auch für Jesus, und auch darin ist er dann ganz und gar Mensch, Menschenkind wie wir, auch für Jesus war das ein Lernprozess, ich bin mir sicher, ein lebenslanger Prozess, bis er so beten und viel mehr noch am Ende auch so sterben konnte, als einer, der sich in Gottes Willen geborgen weiß und darauf vertraut, dass er in seinem Gottvertrauen nicht verloren gehen kann.
Gerade der Hebräerbrief hält uns Jesus als einen Lernenden vor Augen. Einer, der lernt auf Gott zu hören in guten und in schlechten Zeiten, im Glück und im Unglück, im Leben und im Sterben.
„An dem, was er litt, hat er Gehorsam gelernt.“ Im Leiden ist Gott für ihn nicht stumm geblieben. Gehorsam ist doch die Fähigkeit mit wachen, offenen Ohren auf Gott zu hören und ihm zu folgen. Gehorsam ist hier keine knechtische Unterwürfigkeit des Kleinen unter den Großen, sondern die Bereitschaft auch in den Augenblicken des Elends auf Gottes Ruf zu hören und ihm zu folgen: Im Vertrauen darauf, dass dieser Ruf nicht in die Irre, sondern immer nur zu Gott und damit ins Licht und ins Leben führt.
Keiner muss sich also schämen, wenn er noch am lernen ist, sein Leben in Gottes Hand geborgen zu wissen.
Keinem ist es verboten mit Zittern und Zagen zu klagen, zu flehen und zu beten – schon gar nicht, wenn es um das Leben geht.
Haben wir doch den Gottessohn, den Menschenbruder, den Hohenpriester auf unserer Seite.
Uns fällt es oft so schwer, Gott und Leid zusammen zudenken und zusammen zubringen. „Wenn es Gott gibt, dürfte es doch kein Leid geben“ meinen wir Wir neigen dazu, Gott als den großen Regisseur zu verstehen, der uns oft unverständlich schwerste Rollen zumutet. Wir fragen, warum und wozu und sind oft kurz davor, daran zu zerbrechen.
Dabei ist Gott auf seinem Weg zu uns längst schon in unserem Leid und Elend angekommen, weint und klagt an unserer Seite.
Während wir Gott ganz groß denken und glauben, hat er sich längst schon klein und hilflos gemacht.
Heute begegnen wir dem Menschenbruder Jesus am Todesabgrund. Aber er ist auch der Gottessohn, der diesen Abgrund durchschreiten und überbrücken wird. Keiner soll darin untergehen. Ganz im Gegenteil. Ewiges Heil glaubt der Hebräerbrief um seinetwillen. Und Gott wohnhaft und habhaft mitten unter Menschen glaubt das letzte Buch der Bibel. Dann wird Gott alle Tränen abwischen und Menschen werden keinen Grund mehr zum Weinen haben. Dafür steht Jesus ein und wer solchen Glauben im Leben für sich durchbuchstabiert hat, der wird dann auch mit Bonhoeffer beten können: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Amen

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