Vom König und Bettelmädchen

PREDIGT ZU PHIL 2,5-11
Kanzelgruß
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Paulus an die Philipper im 2. Kapitel. Es ist ein uraltes Lied von Christus.
Predigttext Phil 2,5-11
5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
10 daß in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen sollen, daß Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Kanzelgebet
Herr, öffne uns die Ohren und das Herz, dass wir dein Wort hören
in den menschlichen Worten, die dich bezeugen. Amen.
Strophe 1: Die Entäußerung Christi
A) Das Märchen vom König und Bettelmädchen

Liebe Gemeinde,
Es war einmal ein König, der über ein großes Reich herrschte. Und wie er so durch sein Land ritt, da sah er im Schmutz der Straße ein junges Bettelmädchen.
Er blickte sie an und er fand sie sehr schön.
Und von dem Moment an ging dem König das Bettelmädchen nicht aus dem Sinn.
Er hatte sich über beide Ohren in sie verliebt.
Was war nun zu tun?
Er konnte sie an seinen Könighof kommen lassen, ihr die schönsten Kleider geben und sie zur Geliebten oder gar Ehefrau machen.
Denn diese Macht hatte er.
Sie würde gewiss nicht widersprechen, sondern überglücklich sein, dass sie nun so sehr emporgehoben wurde.
Aber der Gedanke, dass sie sich nur freuen würde, von ihm in eine bessere Stellung gebracht worden zu sein, wurmte den König.
Er wollte, dass das Bettelmädchen ihn aufrichtig liebt, dass sie ihn so liebt, wie er ist.
Nicht den König mit all seinem Reichtum sollte sie in ihm sehen, sondern ganz einfach einen Menschen, der auf der gleichen Stufe steht wie sie.
Also reifte in ihm ein Plan.
Er nahm seine Königskrone ab und legte sein Ornat beiseite.
Und er zog sich Lumpen an und verkleidete sich als Bettelmann. So verließ er heimlich das Schloss und begab sich wie ein Bettler zu seiner Liebe.
Und sie lernte ihn kennen als Ihresgleichen.

Wann wird aber der Moment gekommen sein, in dem er sich ihr ganz offenbaren kann?
Wann wird er sie auf sein Schloss holen können und sie als Königin an seine Seite stellen?

B) Reflexion des Märchens: Identität und Verwandlung
Liebe Gemeinde,
der König, der seine Kleider tauscht gegen die Kleider eines Bettlers, um ein Bettelmädchen lieben zu können:
Er bleibt doch stets der König in der Gewandung eines Bettlers.
Der Lumpen dient ihm doch nur zur Verkleidung, um zu einer gelegenen Stunde, wenn das Mädchen den König endlich um seiner selbst (und nicht um seiner Krone, seiner Hoheit usw. willen) liebt, die Maske fallen zu lassen.
Um dann die Bettlerin in sein Schloss hinaufzuführen.

Allein: Wann wäre diese Stunde gekommen?
Müssten König und Bettelmädchen nicht ein ganzes Leben miteinander als Bettler verbracht haben, damit der Schock und die ungeheure Ehrfurcht über die wahre Identität des Königs nicht über die arme Frau hereinbricht?
Der König kann sich eigentlich gar nicht, oder doch erst sehr spät, als der König zu erkennen geben.
Denn wie eine Hypothek würde sein Königtum sonst auf dem Mädchen lasten.
Immer würde sie ihm dankbar sein, dass er sie gerettet hat vor dem Schmutz der Straße.
Nur mit Mühe könnte sie ihm im Streit widersprechen – da sie sich stets daran erinnert, dass er sie wieder in den Schlamm zurückstoßen könnte.
Muss er dann nicht, wenn er sie wahrhaftig liebt, sein ganzes Königtum dahingeben, um ihresgleichen zu sein?
Könnte er damit ihr Herz gewinnen, damit sie ihn wirklich liebt, ohne mit einem Auge noch auf die Herrlichkeit der Majestät zu schielen?

Aber wenn der König das tun würde:
Sich ganz und gar hingäbe und alles hinter sich ließe und sein Königreich einem andern schenkte.
Wäre er dann noch er selber?
Oder würde er nicht seine eigene Persönlichkeit derartig zurückstellen, dass es schon gar nicht mehr klar ist, wer dieser Mann eigentlich wirklich ist: Ist er dann König oder Bettler?

C) Wahrer Mensch und wahrer Gott
Ganz ähnlichen Fragen geht der heutige Predigttext des Paulus an die Philipper nach.
Was genau hat Gott da gemacht, als er sich der Menschheit als Jesus Christus offenbarte?
Als Gott Menschengestalt annahm, sich selbst entäußerte?
Was bedeutet das, dass er Knechtsgestalt annahm und der Erscheinung nach als Mensch erkannt wurde?
Hat Gott da bloß die Gestalt eines Menschen angenommen oder ist er wirklich ganz und gar Mensch geworden?

In dem Märchen verkleidet sich der König einfach als Bettler und treibt ein Possenspiel – und selbst wenn er sein ganzes Leben lang so tut, als sei er ein Bettler, bleibt es eine Verkleidung.
Er bleibt der König, der sich eben als Bettler ausgibt.

Bei Gott ist es anders: Wie der König das Mädchen, umso mehr liebt Gott die Menschen.
Doch nimmt er nicht einfach nur die äußere Gestalt eines Menschen an.
Er verkleidet sich nicht als Mensch, sondern er wird es.
Ganz und gar.
Er macht von der Geburt bis zum Tod alles mit, was ein Menschenleben ausmacht.
Es ist nicht so, dass Gott einen Menschen spielt, sondern: Er ist es wirklich und er hat sein Gottsein im Himmel zurückgelassen.

Das sehen wir, wenn wir auf Jesus schauen.
Der mit den Menschen gemeinsam gelebt hat.
Der zu den Elenden gegangen ist und mit Leuten gegessen hat, mit denen man eigentlich keinen Umgang pflegt:
mit Betrügern und Zöllnern.
Sogar mit Prostituierten hat er sich abgegeben.
Und wie könnten wir ihn als ganzen Menschen ansehen, wenn er nicht auch gelitten hätte und in letzter Konsequenz gestorben wäre?
An Karfreitag können wir die Hoheit, die in diesem Jesus steckt, noch nicht sehen.
Erst am Ostermorgen begreifen es die Frauen, als sie zum Grab kommen und feststellen: Er ist auferstanden von den Toten.

Obwohl Jesus ganz Mensch gewesen ist, lebte er in einem unglaublichen Gottvertrauen.
Darin spiegelt sich seine göttliche Herkunft.
Er nennt Gott seinen Vater und hat der Welt etwas mitzuteilen.
Denken Sie etwa an die Bergpredigt. Oder an die Gleichnisse.

Strophe 2: Die Erhöhung Christi
D) Unsere Sünde und die Erlösung durch Christus
Auch der Wochenpsalm bietet uns ein Bild an, um zu verstehen, wer dieser Jesus Christus gewesen ist.
Das Bild vom Schlamm, in dem wir Menschen gefangen sind, in dem wir zu versinken drohen:
Gemeint sind die kleinen und großen Lebenskrisen, unsere Probleme in der Ehe und der Familie, unsere Schwierigkeiten im Beruf und in den Rollen, die wir mitspielen zu müssen glauben.
Unsere Ängste und Sorgen, etwa in der Schule vor Lehrern und Klassenkameraden oder Eltern zu bestehen.

Wenn wir in das Bild von Bettler und König zurückkehren, dann sind wir Menschen die Bettler, die im Schlamm sitzen.
Bettler allerdings, die andauernd selber König sein wollen.
Wie oft versuchen wir so zu tun, als wären wir die Allergrößten.
Wir unternehmen viel, damit wir wie Könige angesehen und behandelt werden.
Wir verschaffen uns Respekt. Schon im Kindergartenalter bekommen wir beigebracht, dass man sich durchsetzen muss.

Als Paulus das Lied in seinem Brief an die Philipper verwendete, da hatte er solche Leute vor sich:
Geistige Bettler allesamt, von denen jeder am liebsten König sein will.
Die mit Kräften versuchen, aus dem Schlamassel, in denen sie stecken, selber herauszukommen.
Leute wie wir, die am liebsten ganz oben wären, gefangen in ihren vielfältigen Eitelkeiten.

Mit dem Lied erinnert Paulus die Gemeinde in Philippi daran, dass der, der an höchster Stelle thront, der das All in Händen hält, es genau umgekehrt gemacht hat:
Er ist Bettler geworden, statt zu versuchen, nach allen Seiten hin zu zeigen, wie großartig er ist.
Knechtsgestalt hat er angenommen, wie es im Predigttext heißt.
Er hat seine Größe, sein Gottsein im Himmel gelassen. Aber nicht sein Vertrauen zu seinem Vater.
Und er ist zu uns hinab in den Schlamm getreten.
Er ist nicht der ferne und unnahbare Gott, sondern er steht neben uns in den Zeiten des Leides, auch vor den Schlechtigkeiten, die Menschen einander antun.
Er geht den Weg von oben nach unten.
Da trifft er auf uns.
Und wir auf ihn.
Weil er ganz Mensch wurde, kann er uns, können wir ihm begegnen.
Weil er sich zu uns herabbegeben hat, und zwar ganz und gar, können wir ihn selbst am Kreuz noch ansehen und anbeten.
Die Kirche, die Christus als ihr Haupt bekennt, kann die Gnade, dieses Wunder und dieses Geheimnis Gottes immer neu erleben und verkündigen.
In jeder Predigt des Evangeliums, in jeder Feier des Abendmahls vergegenwärtigen wir uns das.
Und weil Gott Mensch wurde, der sich wie wir freute und litt, können wir im Leid eines jeden Menschen das Leid erkennen, das Gott auf sich genommen und durchgestanden hat.
Durch das Kreuz Christi sind Gottes- und Nächstenliebe untrennbar miteinander verbunden:
Die Liebe zu Gott verwirklicht sich in der Liebe zum Nächsten.
Und in der liebevollen Hinwendung zum Nächsten erkennen wir unseren Gott.

Das kann einem die Kraft schenken, bei einem Menschen in Krankheit und Not zu bleiben.
Sich für den anderen hingeben und mit ihm auszuhalten.
Oder trotz vieler Einschränkungen in der Ehe in guten wie in schlechten Zeiten für das Versprechen einzutreten, das man sich am Hochzeitstag einmal gegeben hat.
Das Schwere zu ertragen: Die alten Eltern, die einen aufgrund ihrer Demenz nicht mehr erkennen, kann man aufnehmen, bis Gott sie heimruft.
Die Kinder, die auf einmal Jugendliche sind und nun eigene Wege gehen wollen: Ihnen die Freiheit zu lassen, die sie brauchen.
Oder dass man sich vornimmt, jeden Monat etwas an ein bestimmtes Projekt zu geben, was man hat.
Oder dass man an Bettlern in der Innenstadt nicht naserümpfend vorbeigeht, sondern mit einem kleinen Beitrag respektiert, dass nicht alles Leben so abläuft wie in unserem scheinbar so geraden Leben.

Wir dürfen von uns selber abgeben.
Von unseren Reichtümern oder von unserem vermeintlich guten Recht.

In diesen praktischen Erfahrungen wird sich bestätigen, was wir eigentlich schon immer wissen: dass uns im Nächsten Christus begegnet.

E) Kreuz und Auferstehung eröffnen den Dialog mit Gott
Christus ist den Weg vom König zum Bettler mit aller Konsequenz gegangen.
Sein menschlicher Weg endet am Kreuz auf Golgatha. Dieses Ende, dieser Tod ist aber der eigentliche Triumph Gottes.
Denn er nimmt in sein Kreuz die ganze Menschheit mit hinein.
Uns alle.
Die wir im Schlamm feststecken.
Er lässt sich für uns kreuzigen.
Und ist auferweckt worden.
Und auch da wird er uns mitnehmen.
Gott hat ein komplettes Menschenleben durchlebt.
Deshalb sind wir Menschen überhaupt erst in der Lage, Gott in seiner großen Liebe zu uns zu erkennen.
Und auch sich selbst und andere zu erkennen, die dringend Hilfe brauchen.
Weil Jesus diesen Weg gegangen ist und mit Gottvertrauen als Mensch durchhält:
deshalb kann ich zu dem am Kreuz auf Golgatha hingerichteten Jesus beten und weiß:

Er wird mich verstehen, denn er ist mit mir immer auf Augenhöhe, egal, wie tief ich gesunken bin.

Die Tage, in die wir jetzt hineingehen, vom heutigen Palmsonntag bis Karfreitag, sind schwer und traurig.
Aber wir wissen, bei wem wir Trost finden.
Denn: Weil Jesus den Weg vorangegangen ist, können wir darauf vertrauen, dass er aus allem einen Ausweg gefunden hat.
Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Und im Glauben daran können wir uns ihm ganz zuwenden – im Gottesdienst und im Dienst am Nächsten.

Der Mann, der am Kreuz auf Golgatha stirbt:
Ihm gehören unsere Herzen.
Seit knapp 2000 Jahren folgen Christen in aller Welt dem Gekreuzigten nach und bekennen:
„Der Herr ist Jesus Christus!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Lassen Sie uns singen: „Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha“, EG 93 (alle).

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