Trösten

Liebe Gemeinde,

einige Zehntklässler haben in den Winterferien einen Kurzfilm gedreht – ein Film über einen jungen Mann, der nicht mehr leben will. Er hat sich einen Zettel gemacht. Darauf steht geschrieben, was er unbedingt noch vor seinem Tod tun möchte: etwas Verrücktes, etwas Liebevolles und der Welt seine Überzeugungen mitteilen. Das alles gelingt ihm – und trotzdem will er nicht mehr leben. Ein Lebensmut ist dahin. Am Ende sieht man ihn an der Friedensbrücke. Einen Abschiedsbrief hinterlässt er nicht.

Auch von Paulus gibt es keinen Abschiedsbrief. Aber wir wissen, dass er einmal Ähnliches durchlebt hat. Er wollte und konnte nicht mehr. Dabei hatte er doch – von außen betrachtet – so viel erreicht! Verrücktes und Unglaubliches – er hatte dem Kontinent Europa den christlichen Glauben gebracht! Und nun steckte er tief in der Krise. Paulus selbst schreibt: „Von außen bedrängte uns Streit und von innen Angst, so dass wir am Leben ganz verzagten. Wir hatten beschlossen, nicht mehr zu leben!“ Mehr wissen wir nicht über die Gedanken des Paulus in jenen Tagen. Ein Abschiedsbrief existiert nicht. Aber es gibt einen wundervollen anderen Brief: den Brief aus der Zeit danach. Der zweite Korintherbrief ist sein persönlichster Brief überhaupt. Ein Brief vom Trost in der Krise. „Von außen Streit.“ – Da hatten sie ihn ziemlich scharf attackiert in Korinth: andere Evangelisten, tolle Leute, bei denen immer etwas los war und die die Massen nur so mitrissen. „Ein richtiger Apostel bist du eigentlich nicht! Wie du redest! Bleibst manchmal mitten im Satz stecken, verhaspelst dich, findest keine Worte. Manchmal trittst du so schwach auf. Da läuft bei uns schon mehr: wenn wir auftreten, geraten die Leute in Euphorie und fordern Zugaben. Unsere Wunder sind legendär!“ „Von innen Furcht“… Was werden die inneren Stimmen im Herzen des Paulus geflüstert haben? Vielleicht: „Werde ich gegenüber diesen Super-Aposteln standhalten? Oder bin ich hier bald abgeschrieben? Muss ich wirklich immer funktionieren und glänzen? Oder darf ich als Apostel beides sein: stark und schwach? Sollte ich nicht lieber aufgeben? Ich kann nicht mehr!“

Unser heutiger Textabschnitt blickt besonders auf den Trost, den Paulus in seiner Krise bei Gott gefunden hat. Ich möchte mit Ihnen drei seiner Erkenntnisse bedenken: Gott tröstet…, damit auch wir trösten können…; In der Nachfolge Jesu haben wir Anteil am Leiden und am Trost.

1.) Gott tröstet
Paulus hat Gottes Trost mitten in seiner Krise erfahren. 10 Mal kommt in unserem heutigen Text das Wort trösten/Trost vor. Paulus muss geradezu überwältigt von dieser Erfahrung sein. Ein Mann in den besten Jahres und doch bedürftig des Trostes. Tatsächlich ist Trost ist nicht nur etwas für weinende Babys oder kleine Kinder, die sich das Knie aufgeschlagen haben. Jeder Mensch braucht gelegentlich Trost. Kinder und Erwachsene kennen die Traurigkeit, wenn der beste Freund nicht vertrauenswürdig war, wenn der Lehrer oder Vorgesetzte sich ungerecht verhalten hat, wenn man sitzengelassen wurde von der Freundin, im eigenen Wert verkannt oder regelrecht zurückgestoßen aus der Gemeinschaft. Was uns dann jeweils tröstet, ist abhängig von unserem Alter, aber auch von unserem Temperament. Ein kleines Kind wird am ehesten in den Armen der Mutter oder des Vaters ruhig. Ein größeres Kind braucht die konkrete Erfahrung nach einem Misserfolg: die Mathearbeit ging zwar daneben, aber Sport kann ich gut!, und nach einem Zwist mit dem Freund oder der Freundin: aber der Martin steht zu mir oder: aber meine Clique fängt mich auf. Wenn wir um einen Menschen trauern, so tröstet es, andere an der Seite zu haben, die diese Trauer mittragen. Und schließlich: Uns Erwachsenen hilft es besonders, wenn wir eigenes Leid irgendwann für uns selbst deuten können. Wenn wir ihm einen Sinn geben können und es integrieren können in unsere Lebensgeschichte.

Wie aber tröstet Gott? Was sagt die Bibel, dieses kluge Buch, darüber? Von all den eben genannten Tröstungen finden wir darin Spuren:
– „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ heißt es über Gott bei Jesaja im Bild der liebevoll zugewandten Mutter. „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ verheißt der Seher Johannes im letzten Buch der Bibel. Tröstende Nähe im tiefen Schmerz erfahren wir meistens über andere Menschen, die einfach da sind, das Leid mit aushalten und mit uns teilen.
– Wie tröstet Gott noch? Wenn wir versagen, die Leistung nicht bringen, die wir selbst oder andere von uns fordern … – Gott tröstet mit der kraftvollen Zusage: du bist einmalig und wertvoll, unabhängig von dem, was du leistest. Die vielen Gleichnisse, die Jesus über Gott erzählte, malen davon anschauliche Bilder: der Weinbergsbesitzer zahlt allen den gleichen Lohn, unabhängig von ihrer Leistung, der Vater freut sich über den heimgekehrten Sohn, der fast alles falsch gemacht hat, die Frau über den wiedergefundenen Groschen, der kaum von Wert scheint. Jesus zeigte es besonders den aus dem sozialen Netz Gefallenen, den in die Gosse Geratenen, den so genannten Sündern, den Schwerkranken: Ihr seid in Gottes Augen wertvoll. Gott will dass ihr lebt, wirklich lebt und inneren Frieden findet.
– Wie tröstet Gott noch? Gott sieht Menschen in ihrer Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen. Die Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium sind eigentlich Trostreden, seelsorgerliche Reden zur Bewältigung des Abschieds und der Trauer. Noch am Kreuz – so erzählt es das Johannesevangelium – tröstet Jesus seine Mutter Maria und seinen geliebten Jünger Johannes in ihrem tiefen Schmerz, indem er sie aufeinander verweist und ihnen so jeweils einen Halt gibt.
– Wie tröstet Gott? Gott tut Menschen in besonderen Momenten ihres Lebens die Augen auf, so dass sie mit einem Mal klarer sehen. So geschah es den Jüngern nach Ostern auf dem Weg nach Emmaus, als ihnen plötzlich klar wurde: „Musste nicht Jesus das alles leiden, so wie es in den Schriften stand?“ Ein tiefer Sinn ging ihnen auf. – Und nun sind wir wieder bei Paulus. Genau das erlebte Paulus Tage oder Wochen nach seiner tiefen Sinnkrise. Im Nachhinein beschreibt er die gewonnene Einsicht so: „Das geschah aber deshalb, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst stellen, sondern auf Gott!“ Nicht in der Krise, erst hinterher konnte er sein Leiden so deuten. Wahrscheinlich bringt dies überhaupt den tiefsten Trost für ein menschliches Leben: in der schlimmsten Stunde auf Gott zu vertrauen und dann zu erleben, dass Gottes Kraft (nicht die eigene Kraft) durch diese dunkle Zeit hindurchgeführt hat. So tröstet Gott: wischt die Tränen ab, rückt den eigenen Wert gerade, zeigt, wie das Leben neu weitergehen kann, holt in die Gemeinschaft zurück, hält die Trauer mit aus, lässt uns einen Sinn finden.

2.) Damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind
Paulus beschreibt hier eine Hauptaufgabe im Verkündigungsdienst. Neben dem Lehren, Ermahnen und Motivieren steht die seelsorgerliche Seite: das Trösten. Was wir selbst erfahren haben, sollen wir weitergeben. Anderen zur Seite stehen im Leid, ihnen die Menschenwürde zurückgeben, von Gott her nach einem Sinn suchen. 3 Menschen wurden/ werden heute für ihren Dienst in der Verkündigung an neuer Stelle eingesegnet. Gebe Gott, dass wir an unseren jeweiligen Stellen etwas vom Evangelium weiter schenken: als Gemeindepädagoge, als Jugendhausleiter, in einer neuen Pfarrstelle. Mit unseren Stärken und Schwächen. Es geht nicht um uns als Super-Verkündiger oder Stimmungsmacher, sondern als Hinweisende auf Gott. Wir geben weiter, was wir empfangen haben. Die Aufgabe steht allerdings nicht nur für hauptamtlich Angestellte. Paulus schreibt hier an eine ganze Gemeinde und die Region ringsherum. Jede/r von uns ist beauftragt. Was geben Sie weiter? Welche Fähigkeiten und Begabungen haben Sie empfangen? Welchen Trost? Das Wort Trost kommt etymologisch von „Trauen, vertrauen, sich etwas trauen“ – Wenn wir trösten, verhelfen wir Menschen dazu, dem Leben wieder zu trauen. Sich selbst und anderen.

3.) In der Nachfolge Jesu haben wir Anteil am Leiden und am Trost
Wenn wir den Spuren Jesu folgen, bleiben die Konflikte nicht aus. Das Leben wird dadurch nicht gemütlicher und erst recht nicht immer heiter. Es kommen Situationen, in denen wir um des Evangeliums willen nicht schweigen können, sondern uns einmischen müssen. Das kann mitunter belastend sein. Paulus wurde wegen seiner Verkündigung ausgelacht und angefeindet. Er machte zweierlei Erfahrung: Einerseits erlebte er sich in seiner Krise besonders nahe an den Leiden Jesu – wie Jesus von anderen unverstanden und verspottet. Andererseits schöpfte er umso mehr Trost aus der Geschichte dieses Jesus Christus: Christus selbst war kein Superman, der alle Gegner in den Schatten stellte. Er wurde schwach bis in die letzte Tiefe, als er am Kreuz starb. Doch dann neu zum Leben erweckt, stark gemacht durch Gott. „Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand“ – das erfuhr Paulus. Getröstet stand er aus seiner Krise wieder auf. Sogar mit Gotteslob auf den Lippen. Das Leben lag neu vor ihm. Das Leben liegt auch vor uns. „Lätare“ heißt dieser Sonntag, „Freut euch!“, trotz allem, was euch den Mut nehmen will. Gottes Macht ist stärker.

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