Dem Wunder leise die Hand hinhalten

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag Lätare (freuet euch!) erfordert unsere ganze Aufmerksamkeit, sowohl in geistiger, als auch in emotionaler Hinsicht. In geistiger: die Gedanken des Apostel Paulus werden in schlüssiger, aber auch konzentrierter Form dargeboten. In emotionaler Hinsicht deshalb, weil wir in der Predigt auch mit Themen wie Trost, Leiden in Berührung kommen.

Ob dieser Text auch ein tröstlicher Text ist – ich hoffe es. Denn davon spricht dieser Text reichlich, von Trost. Zehn Mal kommt Trost/trösten u. ä. hier vor.

Hören wir auf die Worte des Apostels Paulus an die Gemeinde zu Korinth.

[TEXT]

Wie’s Ihnen jetzt wohl geht, liebe Gemeinde? Haben Sie schon abgeschaltet, Fluchtreflexe? Oder haben sie innerlich geseufzt: eia, wär’n wir da, beim Trost nämlich – weil, ja weil Sie gerade des Trostes bedürftig sind?

Denn nicht wahr: Wann immer wir einen Text hören, sei es ein Bibeltext, auch ein Schlagertext schafft das manchmal, dann weckt er etwas in uns. Unsere eigenen Erfahrungen werden angetickert, Ähnliches aus unserem Leben fällt uns oft ein.

So auch hier. Denn unser Text spricht vom Leiden, von Trübsal, also von etwas, wo die allermeisten von uns mitreden können, weil sie schon solche Erfahrungen gemacht haben.

Der Predigttext soll uns heute in Bewegung bringen. Denn eine Bewegung, ein Stück Weg ist hier wahrnehmbar:
Vom Leiden (hier: Trübsal) zum Trost.

Der Apostel Paulus drückt das so aus: (Vers 7) „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

Wie aber kommen wir vom Leiden zum Trost? Diese Frage soll uns jetzt leiten.

Damit es etwas übersichtlicher wird, möchte ich in drei Schritten heute vorgehen.

1. Leben und Leiden
2. Leiden und der Sinn
3. Leiden und Trost

1. Leben und Leiden.

Dass beides zusammengehört, Leben und Leiden, liebe Gemeinde, ist eine Binsenweisheit. Ein Leben, in dem nicht gelitten wird, ist kaum vorstellbar. Und die Gründe sind mannigfaltig: Angst, Schmerzen, Krankheit, Sucht, Trennung, Einsamkeit, Verfolgung, Endlichkeit…die Liste ließe sich lange fortsetzen. So sehr ist Leiden mit Leben verwoben, dass der Buddhismus sagen kann: Leben i s t Leiden. Das ist für mich nun doch eine zu defizitorientierte Aussage, aber wird stimmen zu: Leiden gehört, zeitweise, zu unserem Leben. Und die Passionszeit, wörtlich: Leidenszeit, nimmt sich dieses Themas, natürlich, an.

So auch der Text: Der Apostel leidet „allerlei Trübsale“ (Luther Übs.)

Und Christus wird erwähnt, der Leidende schlechthin, („ecce homo, seht den (leidenden) Menschen“) –

Ja, alles hat seine Zeit, auch leiden hat seine Zeit.

Wer leidet, dem fehlt etwas für ihn Wichtiges. Leiden ist eine Erinnerung daran, dass uns etwas mangelt:

Der Kranke leidet an der Abwesenheit der Gesundheit, der Getrennte an die Abwesenheit/Mangel bisheriger Beziehung, der Verfolgte an Abwesenheit von Sicherheit/Freiheit,…. dem Sterbenden wird das Leben genommen…

Es ist wichtig, sich dies einzugestehen, wenn uns etwas fehlt. Und dass es uns etwas ausmacht. Anerkennen was ist. Das gibt dem Leiden Würde. Es ist da, wird benannt. Nicht unter den Teppich gekehrt. (Schwarze Trauerbinde früher)

Denn wie oft wird Leiden bagatellisiert: Ist doch nicht so schlimm. Wird schon. Hab ich auch schon überstanden… Das sind Hinweise auf eine Schmerzabwehr-Strategie. Und oft haben wir ihn ja wirklich, diesen „Fluchtimpuls“:

„Ich kann das Leid dieser Menschen (im Fernsehen, Haiti, Chile) nicht mehr sehen…“ „Es erinnert mich zu sehr an meinen eigenen Schmerz damals, um diesem Menschen jetzt beizustehen…“

Das sind wenigsten ehrliche Sätze. Nichts Schlimmeres, als wenn eine unsensible, auch kirchliche(!) Sprache den Schmerz bagatellisiert und ihm so: die Würde nimmt.

Mein erster Gedanke (Leben und Leiden) möchte wieder daran erinnern. So wie der Apostel die Christen in Korinth auf ihre Leiden anspricht, so wie er an Jesu Leiden erinnert,
so sollen auch wir das benennen, was uns schmerzt und bedrückt….“es spricht sich aus der alte Schmerz“ lässt Goethe ein Gedicht beginnen. Benennen wir unsere „Trübsale“, Menschen unseres Vertrauens gegenüber, bringen es vor Gott – was ausgesprochen ist, verliert ein Stück weit an Energie, es erleichtert.

2. Leiden und der Sinn

Warum muss ich so leiden? Warum gibt es in einer Welt und Schöpfung, die angeblich gut sein soll, so viel Leid?

Immer wieder wird diese Frage, zu recht, gestellt, und immer wieder müssen wir mit Benn antworten: diese Frage ist „überwältigend unbeantwortbar“. Ja, überwältigend!

Keine Antwort auf bedrängende Fragen zu erhalten, kann mich verzweifeln lassen, an Gott, an der Welt, an mir. Warum, so fragen wir.

Warum, d. h., ich will einen Sinn erkennen. Wir Menschen sind Wesen, die nach Sinn verlangen. Viel setzen wir ein, damit wir so etwas wie Sinn erkennen können, im Unglück, im Leid, in Krisen. Und müssen uns eingestehen, dass es auf viele dieser Sinnfragen keine Antwort gibt.

Die Sinnfrage. Es gibt eine Psychotherapierichtung, die gerade diese Frage in den Mittelpunkt der Behandlung stellt. Viktor Frankl war der Begründer dieser neuen Richtung, ein österreichischer Arzt und Analytiker, der den Sinn in den Mittelpunk seiner Arbeit stellte (logos = der Sinn),
die Logotherapie.

Natürlich wusste auch Frankl, dass es auf viele Warum-Fragen keine Antwort gibt, aber er ging so vor, dass er die Frage ernst nahm, und „herunterschraubte“.

Ich will dies an einem Beispiel deutlich machen. An einem Beispiel aus dem Leben des Viktor Frankl. Als jüdischer Arzt musste auch er in eines jener Höllenlager, in ein KZ. Dort fragte er sich, ob es so etwas wie Sinn auch noch in dieser äußersten Bedrohungslage geben könnte.

Er sagte sich: ich will versuchen, jeden Tag so zu leben, dass ich mich menschenwürdig verhalte. Und ich will überleben, um später davon berichten zu können und dazu beitragen, dass sich so etwas nicht wiederholt. Diese Haltung zu leben, das gibt mir, in dieser sinnlosen Situation Sinn.

Wenn wir so vorgehen, liebe Gemeinde, wenn wir versuchen, große Sinn-Fragen „herunterzuschrauben“, zurückzuführen auf die Überzeugung, dass es immer einen Sinn zu entdecken gibt, könnte das unserem Leiden, Trübsal, entgegenwirken. Gewiss ist es nicht leicht, dem Leiden o. ä. so etwas wie einen „Sinn“ abzuringen, aber der Versuch ist allemal besser als Resignation. Und: vielleicht ist damit auch Trost verbunden.

3. Leiden und Trost

So verstehe ich den Apostel Paulus, der schreibt: „Haben wir aber Trübsal, so geschieht dies euch zu Trost…“ (V6)

Der Apostel drückt hier etwas aus, das wir soeben als „Sinn“ verstanden haben. Seine Trübsal ist also nicht sinnlos, sondern „dient“ dazu, dass seine Geschwister im Glauben getröstet werden.

Damit ich nicht missverstanden werde: Leiden soll nicht legitimiert werden, Leiden ist immer furchtbar. So auch hier. Der Apostel vermag aber, diesen Leiden einen Sinn abzuringen.

Und geht noch einen Schritt weiter. Paulus spricht jetzt prophetisch zu den Korinthern. Sagt ihnen: „wie ihr an den Leiden teilhabt, werdet ihr auch am Trost teilhaben“ (V 7). Das erinnert an die Bergpredigt Jesu „Selig die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden“. Für viele ein tröstlicher Satz, für viele ein höchst provokativer Satz.

Wie immer wir das hören, für Paulus war klar: Gottes Trost ist dem Leidenden gewiss. Für ihn ist das eine solche Gewissheit, dass er Gott preist, ihm einen diesbezüglichen Ehrentitel gibt: er ist der „Gott allen Trostes“. „Gelobt sei Gott….der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in all unsrer Trübsal…“

Das ist eigentlich: ein Wunder. Das ist paradox. Ungläubiges Staunen erfasst uns.

Denn dass hinter allem Leiden, Unglück und tödlicher Begrenztheit ein gnädiger, barmherziger und tröstender Gott wirksam sein soll, das kann man nur gegen den Augenschein glauben, wenn überhaupt.

Diese „Torheit“ für den Verstand muss man aushalten, diese Hoffnung wider den Augenschein muss man haben, denn dann, – wenn der Mensch das aushält, kann sich ereignen das Wunder des Glaubens, das Wunder, das den Gott des Lebens mitten im Leiden, das den Gott allen Trostes mitten im Tod, erkennen lässt.

Diesem Wunder die Hand hinhalten, erfordert Geduld… („…wenn ihr mit Geduld… ertragt…“), Unaufgeregtheit…..

„Dem Wunder,
leise,
wie einem Vogel,
die Hand hinhalten…“
schreibt Hilde Domin,

„Dem Wunder,
leise,
die Hand hinhalten“,

damit wir erfahren, dass Gottes Kraft in den Schwachen
mächtig ist,

damit wir die Botschaft des Sonntags Lätare erfahren:
„In dir ist Freude, in allem Leide.“

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