Ort der Entscheidung

Palmsonntag früher Tag der Konfirmation, der Tag, an dem ‚man aus der Schule kam’ – eigenartig, dass für ein kirchliches Fest sich dieser Name über Jahrzehnt festgesetzt hat, so dass er von Älteren heute noch mitunter benutzt wird: ‚aus der Schule kommen‘ als Synonym für konfirmiert werden. So ist zumindest in der Volkstradition der Palmsonntag auch ein Tag des Erwachsenwerdens. Die Konfirmandin bekam ein Kleid, der Junge durfte lange Hosen tragen, oder bekam später einen Krawatte. In meiner Generation oft die erste Uhr, als Symbol dafür, dass man nun selbstbestimmt mit der Zeit umgehen konnte. Zufall vielleicht, aber es gibt ja auch Zufälle, die passen. Und für mich passt Palmsonntag und Erwachsenwerden zusammen. Das Evangelium haben wir gehört – die Bedenken bleiben:

Palmsonntag – Tag des Einzugs Jesu in Jerusalem, dieses seltsamen Triumphzuges. Dagegen die Vorstellung: Was wäre gewesen, wenn ich dabei gewesen wäre. Hätte ich Hosianna gerufen – und wäre konsequent geblieben, Hätte ich in Gethsemane gewacht und Jesus nicht verleugnet. Wäre ich gefolgt bis zum Kreuz. Ich denke, das hat viele ChristInnen schon früh beschäftigt – zu Recht. Das hatte ja auch etwas mit diesem erwachsen sein zu tun: die Frage: Hätte ich zu meinem Glauben gestanden? Aber genauso wussten alle, dass das Rad der Geschichte nicht zurückzudrehen ist. Jetzt hier und heute gilt es, das zu leben, was richtig und wichtig ist, davon erzählt eines der ältesten Lieder der Christenheit, das wir jetzt hören:

[TEXT]

‚Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da reichet von der Erde bis zum Himmel.‘ schreibt Martin Luther. Der Philipperhymnus handelt genau davon. Er erzählt von der Liebe Gottes, die uns auch dort umgibt, wo wir uns völlig ungeliebt fühlen. Die frühe christliche Gemeinde (ein bis zwei Jahrzehnte nach Ostern) kann nicht anders, als laut zu singen von diesem Sohn Gottes, der alle Stärke ablegt, alles Machtgefühl, alles Gefühl von Überlegenheit. Statt Privilegien kunstvoll zu erwerben und aufzubauen, macht er sich lieber klein und unbedeutend.

Die Frage der Selbsterniedrigung des Sohnes Gottes ist eine zentrale Frage christlichen Glaubens. Das Nachdenken über diese Frage kann mich nur zum Jubeln bringen.

Die richtige Übersetzung zu Vers 5 lautet: ‘Auf das seid untereinander bedacht, wie man in Christus Jesus bedacht sein muss.’ Es geht also nicht um eine innerliche Besinnung, auch nicht um eine ‚Imitatio’ sondern um ein zielgerichtetes Tun. Der Ort, an dem die Gemeinde lebt, ist Christus selber. Und dabei geht es nicht um etwas mystisches, etwas vergeistigtes. Entweder der Glaubt lebt in allen Sinnen, im Denken, Fühlen und Handeln oder er ist mausetot. Wer Christus nachfolgt, kann vielleicht schön beten und meditieren, aber wenn er nicht auch immer neu lernt voller Liebe zu handeln, hat er seine Bestimmung verfehlt.

Er hielt es nicht für einen Raub -> ein vulgärer Ausdruck für den Sohn Gottes, der seine Position nicht ausnützt, sondern sich hingibt zu einer Erlösung für viele.

Ehrlich gesagt: Viele Christinnen haben heute noch Schwierigkeiten mit dieser Hingabe Jesu und fragen: Braucht Gott das, dass ein Mensch stirbt, dass er beruhigt ist? Ich glaube nicht, dass das eine Frage ist, die die erste Christenheit beschäftigt hat. Für sie war Ostern wichtig und die Tatsache, dass für sie da Unglaubliches geschehen ist – schon an diesem Palmsonntag, bei diesem komischen Einzug in Jerusalem. Ihr war gerade hieran wichtig, dass der Sohn in seine Stadt Jerusalem einzog wie eine lächerliche Figur, dass er bereit war sich lächerlich zu machen, um den Menschen deutlich zu machen: Gott ist ganz anders als ihr ihn erwartet.

Nicht er erwartet von euch – ihr dürft von ihm etwas erwarten. Dieser Gott macht sich ganz klein, um den Menschen zu begegnen. Er lässt es zu, dass er verachtet und geschlagen wird, um den Menschen zu begegnen – sogar denen, die ihn verachten.

Das eigentliche Thema dieses Liedes ist die Hingabe des Sohnes Gottes im Dienst des Menschen. Dazu gibt es eine rabbinische Geschichte, die verdeutlich, was gemeint ist: Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht begegneten. Warum gibt es das heute nicht mehr? – weil sich niemand so tief bücken will. Vielleicht lerne ich diesen Sohn Gottes zu begreifen, wenn ich lerne dorthin zu schauen wo die Kleinen und Verachteten sind.

Paulus zitiert ein Lied, also eine Text, der im direkten Reflex auf das Christus-Geschehen entstanden ist. Das Glaubensbekenntnis ist deutlich: In Christus ist Gott selber, leidet Gott selber, schenkt er das Leben und die Zukunft.

Hier gilt es so gesinnt zu sein, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Hier ist auch der Ort, an dem ich mich bewähre oder versage. Hier ist der Ort, an dem ich mich entscheiden muss: will ich mich mit Jesus tief bücken oder ohne ihn mit meiner eigenen Größe zufrieden bleiben.

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