Damit wir dort nicht hinkommen, wo wir nicht hin möchten / Wie kommt der Glaube vom Kopf in die Händ

Liebe Gemeinde! „So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat“ (Eph 5, 1-2a) schreibt Paulus in seinem Brief an die Epheser.
Dann folgt eine Art Tugendliste, die umso moralinsauer klingt, als die Worte, die sie wählt, recht altertümlich klingen:
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört. Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das sind Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. Darum seid nicht ihre Mitgenossen. (Eph 5, 3-6)
Ich denke, diese Liste lässt sich recht knapp zusammenfassen, nämlich: „Lasst euch nicht gehen! Ihr wollt doch Anteil am Reich Gottes haben.“
Als Schlusssatz und Begründung, warum wir uns nicht gehen lassen sollen, schreibt Paulus: Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. (Eph 5,8)

Wenn Sie meine Zusammenfassung des 2. Abschnitts annehmen, lautet unser Predigttext also kurz und knapp:

So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat. Lasst euch nicht gehen! Ihr wollt doch Anteil am Reich Gottes haben. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.

Liebe Gemeinde!
Nun klingt unser Predigtext recht einfach: Wir sollen uns nicht gehen lassen und uns im Leben von der Liebe leiten lassen, so wie auch Christus uns geliebt hat. Denn wir wollen doch Anteil am Reich Gottes haben. Und schließlich sind wir nicht irgendwer, sondern Kinder des Lichts.

Ein Leben in Liebe. Liebe. Das kann mehr oder weniger alles bedeuten – zu oft missbraucht, überstrapaziert und abgedroschen ist das Wort im allgemeinen Gebrauch. Von der Beschreibung Gottes, über viel Gefühl bis zur Prostitution wird das Wort Liebe verwendet.
Wir müssen also ganz genau schauen, was ist überhaupt gemeint, wenn Paulus schreibt, wir sollten uns im Leben von der Liebe leiten lassen – so wie Christus uns geliebt hat?
Schön, dass Jesus Christus hier selbst ganz klare Worte gefunden hat, als er genau diese Frage gestellt bekam: Was heißt es, sich im Umgang mit anderen Menschen von der Liebe leiten zu lassen?

Er erzählt eine kurze Geschichte, in der alles steckt (Lk 10,25-37): Ein Mann wird zusammengeschlagen und beraubt. Halbtot bleibt er liegen. Ein Priester kommt vorbei. Als er den Verletzten sieht, schaut er weg und geht vorbei. Auch ein Mesner kommt vorbei. Auch er geht weiter. Und dann kommt einer vorbei, von dem sich die meisten gerne fern halten. Ein Ketzer, könnte man sagen. Einer von der anderen Seite. Und der sieht den Zusammengeschlagenen. Er hat Mitleid, geht hin, verbindet ihn, bringt ihn ins Krankenhaus und bezahlt die Arztrechnung.
Und Jesus sagt: So geht´s. So lebt man in der Liebe. So wie dieser Ketzer, der von der anderen Seite.

Liebe, das stellt Jesus klar, ist nüchterne Lebenshilfe von Mensch zu Mensch jederzeit und jedem gegenüber, der uns begegnet.

Garantiert weiß das auch der Priester und der Mesner in Jesu Geschichte. Aber Wissen und Tun sind oft sehr unterschiedliche Dinge. Das ist gemeint, wenn Paulus sagt: Lasst euch nicht gehen! Was man im Kopf weiß, muss nicht nur ins Herz, sondern vor allem in die Hand! Sonst bleibt es Gedanke, Wort, Gefühl, hat aber mit Liebe nur wenig zu tun. Denn christliche Liebe ist vor allem eins: tätige Nächstenliebe – ohne Konfessions-, Religions- oder sonstige Schranken. Wie aber kommt unser Glaube vom Kopf in die Hand? Wie geht´s, dass wir unser Leben tatsächlich aus dieser tätigen Liebe heraus führen?

Bei der letzten Bundestagswahl haben auf dem Hintergrund der Finanzkrise überraschend Viele die FDP gewählt: die „Partei der Besserverdienenden“, wie sie sich einmal nannte. Warum wählt man eine Partei, die Steuern und Staat und damit die Möglichkeit, soziale Netze zu spannen, so klein wie möglich halten möchte. Mit der FDP wird an den derzeitigen Verhältnissen gemessen Geld umverteilt werden – und zwar von denen, die wenig haben zu denen, die viel haben: Durch die Kopfpauschale im Gesundheitssystem über die Steuererklärung auf dem Bierdeckel bis zur Steuersenkung trotz Rekordverschuldung. Seehofer segelte vor der Wahl übrigens ja auch noch auf diesem Schiff.
Dass es nicht richtig sein kann, Reiche noch reicher und Arme noch ärmer zu machen, davor wird wohl jeder überzeugt sein. Aber warum wählt man so? Wohl kaum, weil man einfach ein schlechter Mensch ist, dem das Wohl anderer völlig egal ist. Warum aber gaben so Viele ihre Stimme Parteien, die direkt oder indirekt damit warben und im Fall der FDP noch immer werben, Solidarität abzubauen?
Ein anderes Beispiel: Ich bin eigentlich überzeugter Vegetarier. Aus einem einfachen Grund: Das Bewusstsein eines Schweines entspricht etwa dem eines 6-12 Monate alten Kindes. Das Schwein erlebt also das, was man ihm tut oder antut, in etwa so wie mein Sohn Friedrich. Und da verbietet sich für mich das Schweineessen.
Allerdings esse ich in der Praxis wohl genauso viel Fleisch wie die meisten anderen. Obwohl ich überzeugt bin, dass es falsch ist. Warum lasse ich mich gehen? Warum kommt die Liebe nicht vom Kopf in die Hand oder hier den Mund?

Vor dem Kühlschrank zu stehen und mich zu ermahnen, mich jetzt nicht gehen zu lassen, funktioniert gelegentlich. Aber meist falle ich um. Allein der Ruf nach Disziplin genügt also nicht, um sich richtig zu verhalten. Er taugt fast nichts. Das zeigen überdeutlich auch der Wiederholungsfall von Kinderpornografie, der die letzten Tage durch die Medien ging. Wo ein Mensch, Familienvater und bereits wegen Kinderpornografie vorbestraft, im Gerichtssaal weinend in sich zusammensinkt. Sicher hatte er sich desöfteren gesagt: „Lass es sein!“ Sicher wusste er, dass es abscheulich ist, was er tat. Und trotzdem tat er es.
Sich immer wieder zu ermahnen, sich nicht gehen zu lassen, reicht nicht. Das zeigen auch die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche.

Sich immer wieder zu ermahnen, bringt nur kurzfristig Erfolg. Zu schimpfen, zu jammern oder mit schlechtem Gewissen seelisch immer gebückter herumzulaufen, hilft auch nichts, wenn wir merken, dass wir uns gehen lassen und eigentlich gegen unsere Überzeugungen handeln.
Wir müssen vielmehr die Ursachen finden, warum wir uns gegen unsere Überzeugungen verhalten? Und wenn wir die Gründe gefunden haben, dann müssen wir an ihnen arbeiten. Sonst werden wir immer wieder dort landen, wo wir nicht hinwollen und wo wir trotz besseren Wissens gegen unsere Überzeugungen handeln werden.

Wenn wir aber die Ursachen kennen, warum wir uns gehen lassen. Dann müssten sich doch die Voraussetzungen schaffen lassen, die uns ermöglichen, nach unseren Überzeugungen gut zu handeln.
Was die wahren Ursachen sind, warum wir uns so oder so verhalten, das muss, denke ich, jeder für sich herausfinden. Aber um zu verdeutlichen, was ich meine, nehme ich einfach einmal Ursachen an. Sie korrigieren Sie dann bitte einfach für sich!

Parteien zu wählen, die Geld von Ärmeren hin zu Reicheren umverteilen, mag den Grund haben, dass die eigene Leistung nicht so geschätzt wird, wie man das gerne hätte. Und dann möchte man wenigstens das Geld als Ersatzanerkennung.
Wenn das der Grund ist, müsste man nach Wegen suchen, wie man leben und arbeiten könnte, so dass man weniger auf Anerkennung von außen angewiesen ist. Wenn das gelingt, wäre das Geld nicht mehr so wichtig. Man wäre freier – auch im politischen Denken.

Dass ich sozusagen auf dem Rücken der Schweine lebe, die meinem Friedrich doch recht ähnlich sind, hat eine einfache Ursache. Wohlschmeckend und abwechslungsreich vegetarisch zu kochen, ist deutlich aufwändiger und für mich momentan mit Kindern nicht zu leisten. Auf dem Rücken anderen Lebens zu leben, anderes Leben der eigenen Schwäche zu opfern, mag deshalb auch in anderen Fällen einfach den Grund haben, nicht genug Zeit zu haben, um selbst zu Kräften zu kommen und so zu leben, wie man es für richtig hielte.
Um das zu ändern, müsste ich nach Wegen suchen, wie freie Zeit entsteht.

Wenn man dem Psychoanalytiker Sigmund Freud, der die Sexualität zu den stärksten Beweggründen menschlichen Handelns zählte, auch nur ein Körnchen glauben schenkt, dann könnten die Ursachen für gehäufte Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche daher rühren, dass die Sexualität dort mit großen Tabus belegt ist und generell im Verdacht steht, schlecht zu sein. Wo ein Grundbedürfnis menschlichen Lebens verdrängt wird und dort nicht sein darf, wo es gesunder weise hingehört, dann wird es sich ungesunde Wege schaffen und dort mächtig werden, wo es nicht hingehört. Um das zu ändern, müsste man dann überlegen, wo Sexualität ihren guten Platz hat – auch im Leben eines Priesters.

Natürlich könnte man diese ganzen Überlegungen und Bemühungen auch einfach bleiben lassen und mit Widersprüchen von Wollen und Tun leben. Anders ausgedrückt: Warum sollten wir uns eigentlich nicht hängen lassen?
Ganz einfach: Weil wir sonst die Achtung vor uns selbst verlieren. Weil uns sonst das Leuchten aus unseren Augen verschwindet. Weil es nichts mehr gibt, was uns ausmacht. Nichts mehr, vor was wir selbst den Hut ziehen würden. Oder wie Paulus es ausdrückt:

Lasst euch nicht hängen! Ihr wollt doch Anteil am Reich Gottes haben. Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr doch Licht in dem Herrn.

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