Wir sind wie er

Liebe Gemeinde,

Sie kennen die Schöpfungsgeschichte, in der erzählt wird, wie Gott die Welt erschuf. Im ersten Kapitel der Bibel steht: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und Gott sprach: es werde Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis.“

In diesen wenigen Zeilen begegnen uns schon zwei Begriffe, die einander zugeordnet werden. Himmel und Erde, Licht und Finsternis. Das Besondere an diesen Paaren ist, dass nicht gewertet wird. Wir finden keine Ausführungen dazu, dass die Erde garstig und der Himmel lieblich, die Erde der Platz endloser Quälerei und der Himmel das Paradies ist.

Genauso ist es mit Licht und Dunkelheit. Gott sagt, dass das Licht gut ist, aber nirgends finden wir eine Äußerung von ihm, dass die Dunkelheit schlecht ist. Und genauso ist es doch auch! Ich muss nicht werten. Ich kann beide sachlich beschreiben: Dunkelheit ist ein niedriger Messwert an Helligkeit. Und ich kann genauso Gutes über die Helligkeit sagen wie über die Dunkelheit.

Licht ist hell. Wie oft begrüssen wir es dankbar – nach einer Nacht, in der uns Kummer, Trauer, Schmerzen nicht schlafen ließen.

Dunkelheit deckt uns. Nach einem langen Tag voller Arbeit und Anspannung, wie schön ist es, wenn der Abend sich neigt und wir wissen, dass wir jetzt unsere Aufgaben aus der Hand legen und ausruhen dürfen.

Im Brief des Paulus an die Epheser sieht das ganz anders aus. Da begegnen uns wieder Licht und Finsternis, aber diesmal werden sie gegeneinander gestellt. „Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“

Finsternis als Zustand des Nichtwissens, in unserem Falle Nichts-wissen von Gott. Das war früher, sagte Paulus, jetzt ist das anders und deshalb müsst ihr, die Bürger und Bürgerinnen von Ephesus, euer Leben ändern. Dazu lese ich den Predigttext für den Sonntag Okuli, er steht im Brief des Paulus an die Epheser im 5. Kapitel:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, Paulus schrieb diesen Brief an ganz bestimmte Menschen in einer ganz bestimmten Situation. Wären wir damals in Ephesus gewesen und hätten wir uns amüsieren wollen, so wären wir wahrscheinlich in den Artemis-Tempel gegangen mit seinen Bädern, Bordellen und Restaurationen. Denn aus den Reinigungsriten, der Kultprostitution und dem Verzehr von Opferfleisch war eine der größten Vergnügungsanlagen der damaligen Welt geworden. Paulus warnte also die Epheser nicht allgemein vor Untugenden, deren Grund in charakterlichen Schwächen liegen, sondern vor genau den Eigenschaften, deren Ausleben mit dem Tempel verbunden war. Deshalb sprach er von Götzendienern, von Unzucht und Unreinheit.

Wir müssen uns davor hüten, die Aufzählung der Ermahnungen zu verselbständigen und mit unseren bürgerlichen Moralvorstellungen zu vermengen. Dann würde Paulus benutzt gegen die, die nicht den herrschenden Moralnormen entsprechen.

Und das merken wir ja auch beim Lesen, beim Hören des Textes. Er wirkt fremd in unseren Ohren. Wir fragen: „Was hat diese Negativliste mit mir zu tun?“ Und wir fragen uns daraus folgend: „Wie soll ich mich verhalten als Kind des Lichtes?“

Es stimmt schon, dass positive Berichte über ein Leben, das sich an unserem Ephesertext und damit an Christus orientiert, eher selten sind. Es ist so leicht zu sagen, was nicht zum Christsein gehört. Oder was Menschen meinen, was nicht dazu gehört. Eine berühmte literarische Figur macht das deutlich, der Jorge aus Umberto Eccos „Im Namen der Rose“. Der greise Mönch hütet einen besonderen Schatz: das eine Buchexemplar des Aristoteles, in dem die Komödie behandelt wird. Jorge hasst die Aussagen des Aristoteles. Er bekämpft das Lachen als unchristlich. Er sagt: „Lachen tötet die Furcht. Und ohne Furcht kann es keinen Glauben geben.“ Und er scheut in diesem Kampf vor keinem Mittel zurück.

Liebe Gemeinde, was Umberto Ecco mit dem alten Jorge zeigen will, ist, wohin es führen kann, wenn wir unser Leben mit lauter DU MUSST und DU DARFST NICHT belegen. Da hängen sich die Mahnungen und die Verbote wie Gewichte an uns und verunmöglichen Leben.

Wenn ich „Kinder des Lichts“ höre, dann assoziiere ich Leichtigkeit und Unbeschwertheit. ICH DARF ist für mich der Inhalt des Lichtes. Ich bin fähig. Ich bin begabt. Holen wir uns noch einmal eine Hilfe aus der Schöpfungsgeschichte. Da steht: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zu seinem Bilde schuf er ihn.“ Nehmen wir das ernst – nehmen wir ernst, dass wir Gott gleichen – das wir ihm ähnlich sind. So, wie es mich bis heute freut, wenn mir gesagt wird, ich gliche meinem Vater. Und damit ist ja nicht nur gemeint, dass er blond und helläugig war, sondern dass er bestimmte Eigenschaften hatte, die liebenswert waren und die in mir auch zu finden sind.

„So folgt nun Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe.“ Wir spüren Kindern, die geliebt werden, diese Liebe ab. Sie sind selbstbewusst, sie sind fröhlich, sie sind mutig. Und das hört auch nicht auf, wenn sie gerade traurig sind und weinen. Wenn sie sich vor lauter Kummer verkriechen.

Wenn wir als Gottes geliebte Kinder leben, dann sind auch wir selbstbewusst. Dann können wir uns gegen bestimmte Dinge entscheiden, weil wir wissen, dass sie nicht gut sind. Dann können wir uns unseren Nachbarn und Nachbarinnen zu wenden, so fremd sie für uns aussehen mögen, so verschieden zu uns ihre Lebensweise und so anders ihre Religion sein mag.

Wenn wir als Gottes geliebte Kinder leben, dann sind auch wir mutig. Dann mischen wir uns ein, wenn uns Ungerechtigkeit begegnet, wenn wir sehen, dass ein Mensch einem anderen schadet –einem Kind, einem Alten, ja, sich selbst; dann mischen wir uns ein, wenn, wenn wir auf Raubbau und Ausbeutung stoßen. Ob das im kleinen ist, in der Strasse, im Verein, in der Gemeinde oder im Grossen: in der Stadt, in unserem oder einem anderen Land.

Wenn wir als Gottes geliebte Kinder leben, dann sind auch wir fröhlich. Zuallererst darüber, dass wir von Gott geliebt sind. Dass wir von ihm gewollt sind und zwar genau so, wie wir sind! Wir sind fröhlich, dass wir Menschen haben, die wir lieben und von denen wir geliebt werden.

Und all das verliert nichts an seiner Lebendigkeit, wenn manchmal die Finsternis in uns vorzuherrschen scheint, wenn die Dunkelheit das Licht verdrängt hat.

Wir sind Gottes Kinder. Wir sind wie er. Geben wir den freundlichen, phantasievollen, lebensfördernden Seiten in uns Raum. Dann werden wir leuchten und wärmen – wie ein Licht.

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