Lebt in der Liebe Gottes

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief an die Gemeinde in Ephesus im 5. Kapitel. Dort heißt es:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, nun stellen Sie sich mal vor, jemand hätte diese Zeilen an uns geschrieben. So abwegig ist das nicht – wir sind ja auch eine Christengemeinde. Wir können – sollen – uns auch als Adressaten der neutestamentlichen Briefe sehen. Ja, und nun hören wir diese Worte. Verlesen von einem Kirchenvorsteher, gerichtet an uns. Wie geht’s ihnen, was denken sie? Mir fallen verschiedene mögliche Reaktionen ein… Einer könnte sagen: Hilfe, das kann ich nicht. Ich kann so nicht leben. Dann bin ich hier in der Gemeinde wohl falsch. Jemand anders könnte sich über den Briefschreiber ärgern: Wofür hält der sich eigentlich? Schreibt uns vor, wie wir zu leben haben? Wie lebt der eigentlich selber? Ein dritter überlegt: Im Grunde hat er ja recht, wir sollten diese Dinge wirklich alle nicht tun… aber wer kann das schon? Und der vierte, ein rechter Witzbold, denkt sich: Mann, darf man jetzt gar keinen Spaß mehr haben?

Mir ist beim ersten lesen diese „Laster-Liste“ aufgefallen. Dies ist verboten, das sollen wir nicht, und jenes auch nicht. Und ich hab mir gedacht: Naja, wenn man so lebt, dass man diese Liste einhält: das ist ein bisschen wie immerwährende Fastenzeit. Immer sich zurückhalten, nie mal einen blöden Witz auf Kosten anderer machen – das ist sicher alles sehr richtig. Wahrscheinlich auch sehr gesund. Aber manchmal auch ziemlich langweilig. Und dann haben manche mit ihrem Vorurteil, dass das Christentum irgendwie doch ziemlich freudlos sei, auch gar nicht so unrecht.

Aber dann habe ich mir die Überschrift zu diesem Abschnitt noch einmal angeschaut, und die lautet: „Das Leben im Licht“. Und das klingt nun doch ganz anders als diese Negativfolie von Verboten. Das ganze ist und bleibt eine Anweisung, wie wir als Christen leben sollen. Aber man kann sie eben von zwei Seiten sehen – man kann die Verbotsliste nehmen und sich so das Leben tatsächlich relativ freudlos machen. Oder man kann die positive Formulierung nehmen und hören: Ihr seid Gottes geliebte Kinder, darum lebt in seiner Liebe; Ihr seid Licht im Herrn, darum lebt als Kinder des Lichts. Und wenn ihr das tut, dann folgt daraus automatisch alles andere. So einfach ist das….

Aber wir geht das nun praktisch? Da ist zunächst die Rede davon, dass wir „Gottes Beispiel folgen“ sollen. Da Jesus Christus uns Menschen gezeigt und vorgelebt hat, was Gottes Wille ist, heißt das mit anderen Worten: Wir sollen Jesus Christus nachahmen. Ja, und wie soll das nun gehen? Wir können ja nun nicht wie Jesus andere Menschen heilen, Menschen Sünden vergeben, wir können auch nicht so vorbildlich und fromm leben wie er… Nein, können wir nicht. Müssen wir aber auch nicht. Denn der entscheidende Punkt ist nicht: Was hat Jesus getan? Sondern: Woher kam es, dass er so leben konnte? Dass er so leben konnte, kam daher, dass er sich in allen Dingen auf Gott verlassen hat. Zu jeder Zeit war er sicher: mein Vater versorgt mich mit dem, was ich brauche. Von ihm bekomme ich alle Kraft, alles was ich nötig habe – ich brauche es nur voller Dankbarkeit zu nehmen. Und so auch für uns. Wir müssen nicht versuchen, aus eigener Kraft gute Werke zu tun. Eigentlich ist das sogar genau falsch. Denn es geht ja etwas anderes voraus: Gottes Geschenk der Liebe geht voraus. Davon sollen wir uns erst mal reichlich bedienen – und dann von diesem Vorrat zehren und davon weitergeben. Wie das aussehen kann – kann, nicht muss! – erzählt eine jüdische Legende von zwei Brüdern: Der eine war verheiratet und hatte viele Kinder, dafür aber nicht sonderlich viele Reichtümer. Der andere war reich, aber unverheiratet. Die beiden hatten von ihrem Vater einen Acker geerbt, den sie gemeinsam bearbeiteten. Als die Ernte kam, teilten sie die Garben gleichmäßig. Der eine Bruder stellte seine Garben auf die linke Seite des Ackers, der andere auf die rechte. In der Nacht konnten beide nicht schlafen. Der eine dachte: Es ist nicht recht, dass ich gleich viel von der Ernte bekomme wie mein Bruder. Er hat Kinder und muss mehr hungrige Mäuler satt machen als ich. Und er stand auf, ging auf den Acker und stellte heimlich Garben von seiner Seite auf die Seite des Bruders. Der andere Bruder konnte auch nicht schlafen. Er dachte: Es ist nicht recht, dass ich gleich viel von der Ernte bekomme wie mein Bruder. Er ist ohne Familie, er muss mehr für sein Alter zurücklegen. Ich habe dann meine Kinder, die mich durchbringen werden. Und er stand auf, ging auf den Acker und stellte heimlich Garben von seiner Seite auf die Seite des Bruders. Am nächsten Morgen gingen beide hinaus, um nach den Garben zu sehen, und sie wunderten sich sehr; denn es war alles wie am Tag zuvor. Keiner sagte etwas, aber die Sorge um den anderen ließ sie nicht los und sie machten sich auch in der folgenden Nacht auf, um dem anderen etwas vom eigenen Ertrag abzugeben. Dieses Mal aber trafen sie sich, hörten zu, was der andere vorgehabt hatte, und freuten sich aneinander.

Da haben also zwei etwas bekommen. Ein jeder ist dankbar dafür – und will aus seiner Dankbarkeit heraus abgeben und weitergeben von dem Guten, das er bekommen hat. So dürfen, sollen auch wir das tun: von dem, was wir bekommen, weiter schenken – aus der Dankbarkeit, aus der Fülle heraus leben und weitergeben.

Eine zweite Frage ist: Wem hat Christus Gottes Liebe gezeigt? Menschen zu lieben, die uns auch wieder lieben – das ist ja leicht. Menschen mit Respekt zu begegnen, die uns ebenbürtig sind, das ist auch nicht so schwer. Aber wohin ist Jesus gegangen? Eben nicht in den Tempel und zu den Rabbinern und Schriftgelehrten. Nein, er hat ganz bewusst die gesucht, die an den Rändern gestanden haben. Er hat einen verlorenen Sohn wieder heimkehren lassen. Er hat sich bei Zöllnern ins Haus eingeladen und mit ihnen das Essen geteilt. Er hat sich von einer Frau mit zweifelhaftem Ruf die Füße salben lassen. Er hat sich von Judas küssen lassen, obwohl er wusste, dass dieser ihn verraten hatte. Und und und. Wie kann das bei uns aussehen? Ein Beispiel fällt mir ein. Wir waren mit den Konfirmanden diese Woche in München, um verschiedene diakonische Einrichtungen zu besuchen. Ich war mit einer Gruppe im Männerwohnheim an der Pilgersheimer Straße – ein großes Haus für wohnungslose Männer, getragen vom katholischen Männerfürsorgeverein. Einer der Konfirmanden hat gefragt: Wie zeigt sich denn eigentlich, dass sie ein kirchliches Haus sind? Machen Sie Andachten oder so was für die Bewohner? Diese Frage hat unsere Ansprechpartnerin etwas ins schwitzen gebracht – ihre Antwort war: Nein, Andachten oder dergleichen gebe es nicht, weil das Haus offen sei für alle Männer gleich welchen Glaubens, und man niemanden irgendwie vereinnahmen wolle. Und ansonsten, nun ja, man müsse halt einer Kirche angehören, um dort arbeiten zu dürfen und katholisch sein um dort aufsteigen zu können. Ich kann ihre Unsicherheit verstehen; ich vermute, dass sie das nicht allzu oft gefragt wird. Aber ich finde, es gibt dafür noch eine andere Antwort, und die gibt sie selbst mit ihrer Arbeit. Denn diese Arbeit in diesem Haus – das ist nichts anderes als das, was Jesus getan hat. Den verlorenen nachgehen. Denen helfen, die sich selbst nicht mehr helfen können. Mit Geduld, manchmal auch mit Strenge dafür sorgen, dass die Männer wieder ins Leben zurückfinden – auch wenn sie zumindest anfangs abschreckend aussehen und riechen; auch wenn sie immer wieder die Hilfsangebote zu sabotieren scheinen. Trotzdem gehen ihnen die Mitarbeiter in diesem Haus immer wieder nach, holen sich ihre Männer und versuchen, sie wieder auf die richtige Bahn zu lenken. Nachahmung Christi – das heißt, geht den verlorenen nach, gebt keinen auf. Und wenn ihr das selbst nicht könnt – dann helft zumindest denen, die diese Arbeit tun.

Ein drittes noch zur Nachahmung Christi – Jesus Christus hat den Menschen Gottes Liebe gebracht – einem jeden Menschen, also auch einem jeden von uns. Und als Jesus nach dem Höchsten Gebot gefragt wurde, da hat er geantwortet: Zunächst sollst du Gott lieben mit deiner ganzen Kraft. Aber dann sollst du auch deinen Nächsten lieben wie dich selbst. „Wie dich selbst“ – das ist das Stichwort hier – lieben wir uns denn selbst? Mir fallen jede Menge Dinge ein, die ich an mir selbst nicht liebe; ich denke, vielen von Ihnen geht es ähnlich. Aber doch dürfen wir uns selbst lieben! Egal was passiert! „Gottes Liebe und Hilfe – egal, wer oder was das auch sein möge – sind keine Erziehungsdrops. Die Liebe Gottes manifestiert sich vor allem in der Liebe zu uns selbst! In der Fähigkeit, sich selbst in seiner Eigenart lieben zu dürfen, und nicht nur in dem, was wir uns ständig an- und umhängen, um zu beweisen, dass wir wertvoll, klug, hübsch, erfolgreich sind. Nein! Wir sind ganz einfach wunderbar. Also lieben wir uns auch mal selbst. Gott kann nichts besseres passieren.“ Diese Worte, die das für mich wunderbar illustrieren, hat nicht etwa ein bekannter Theologe geschrieben. Sie stammen aus der Feder des Regisseurs Christoph Schlingensief. Schlingensief erzählt gern, dass er als Kind Messdiener war, dass er dann aber mit dem Glauben weniger zu tun hatte – bis er krebskrank wurde. Er hat die Krankheit – fürs erste – überstanden; er hat sie sehr öffentlich gemacht – und er hat auch öffentlich gemacht, dass er gerade in seiner Krankheit, gerade in einem kranken, eigentlich so gar nicht liebenswerten Körper seinen Glauben an Gott wieder gefunden hat – und auch den Glauben daran, dass Gott uns liebt und wir uns daher auch selbst lieben dürfen. Auch als kranke, schwache, seltsame Menschen.
Und das darf nun jeder auch auf sich selbst übertragen…

Ein letztes noch: der Briefautor schreibt: „Ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Lebt als Kinder des Lichts.“

Die Finsternis in unserer Welt ist noch da. Die Männer im Wohnheim, kranke Menschen, einsame Menschen, Menschen in Kriegsgebieten – sie leben oft genug in der Finsternis. Und auch in uns steckt meistens beides. Licht ohne Schatten gibt es – leider – nicht. Aber das ehißt ja nicht, dass wir die Finsternis gewinnen lassen müssen. Wir müssen wohl zugeben, dass es so ist. Aber wir dürfen trotz aller Finsternis Gottes Geschenk der Liebe und des Lichts annehmen; jeden Tag wieder neu nehmen. Wir dürfen mit seiner Hilfe auf die Seite des Lichts geben und darauf vertrauen: Er sucht uns. So, wie er jeden Menschen auf unserer Welt sucht. Und vielleicht – hoffentlich – können wir ja auch helfen, dass noch der ein oder andere Mensch im Licht Gottes steht und nicht auf der finsteren Seite bleibt.

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