Mit Christus durch die Niederungen des Alltags

Liebe Gemeinde,
mit Christus und seiner Botschaft verbinde ich etwas Großartiges. Das zeugen ja die vielen Geschichten, die es von ihm gibt: Ich denke da zunächst an die Wunder, die er gemacht hat:
Wie er eine Frau, die seit 18 Jahren unter einer nicht stillbaren Blutung leidet, endlich geheilt hat.
Wie er einen besessenen Mann – wir würden sagen, dass er schizophren war – von seinem Leiden erlöst hat.
Wie er den seit 3 Tagen toten Lazarus – er stank schon – wieder ins Leben zurückgeholt hat.
Aber auch das, was Jesus erzählt und verkündet hat, finde ich großartig:
„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“
Gott ist nicht ferne von euch, sondern liebevoll wie ein Vater und eine Mutter zu ihren Kindern.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Wer ein bisschen in den Evangelien blättert, der findet bei Matthäus, Markus, Lukas oder Johannes große und großartige Geschichten, die faszinieren: Mit Jesus verbinde ich Großes. Und das erwarte ich auch zu hören, wenn ich in die Kirche, in den Gottesdienst komme.

Heute habe ich es zunächst nicht gehört. Da geht es um Trauer und Trübsal, um Trost, um Geduld und Leiden – bin ich im falschen Film? Oder will uns Paulus, dieser umstrittene Apostel, unsere schöne Religion madig machen? Kann er nicht auch wie die Evangelisten über das Tolle, über das Schöne, über das Gute reden?
Wer Paulus kennt, weiß, dass er das nicht kann. Zumindest nicht so, wie ich mir das wünsche. Nein, vielmehr steigt er in meine Niederung herunter, stellt sich und Jesus nicht auf einen hohen Sockel. Er weiß, dass nicht alles großartig ist im menschlichen Leben! Er weiß, dass Menschen ihre Sorgen und Probleme und Nöte haben, die man nicht mit ein bisschen Friede-Freude-Eierkuchen wegwischen kann! Er weiß das alles, schließlich hat er das alles auch selbst erlebt:
Er war im Gefängnis und hatte Todesangst,
er wurde von anderen, scheinbar größeren Aposteln angegriffen und niedergeredet,
er war immer wieder krank und schwach,
er war oft psychisch angeschlagen und schlecht drauf.
Warum sollte er das nicht selber zugeben? Warum sich größer machen, als er ist?

Bei den Korinthern hätte er durchaus auch anders auftreten können. Er hätte sagen können: „Hier stehe ich, und ich kann auch anderes! Hört nicht auf das, was die selbsternannten Apostel sagen! Denn Gott wird euch verfluchen, er wird euch wegwischen von seinem Angesicht, wenn ihr nicht seinen und damit meinen Wegen folgen werdet!“
Ich glaube, das wäre bei den Korinthern sehr gut angekommen. Schließlich war keine Stadt so zerrissen und inhomogen wie Korinth und damit auch offen für solchen starken Sprüche:
Immenser Reichtum trifft auf extreme Armut.
Die Stadt wirkt wie ein religiöser Schmelztiegel.
Sittenstrenge und Sittenlosigkeit reiben aneinander.
Viele Volksgruppen machen die Stadt multikulturell und rufen auch Rassenhass hervor.
Dieses Atmosphäre in Korinth ruft nach einer starken Hand, nach einer unnachgiebigen Persönlichkeit: Paulus hätte durchaus die Chance gehabt, nicht nur einige wenige Korinther zu überzeugen, sondern die ganze Stadt in seine Hand zu bekommen.
Aber so war es nicht. Paulus war offen, war ehrlich, war authentisch. Er weiß, dass das menschliche Leben nicht nur aus lauter Höhenflügen besteht. Und so schreibt er auch von dem, was wir gerne verdrängen, weil es uns Unbehagen macht: Von Trübsal und Trauer, Geduld und Leiden. Und das kommt an: Heute und hier, damals und dort.

Damals war vielleicht die eine gerade frisch verwitwet. Können Sie sich vorstellen, wie die wohl reagiert hätte, wenn Paulus geschrieben hätte: „Wenn ihr an Gott glaubt, kommt alles in Ordnung, denn es hängt alles nur an eurem Glauben.“ Das hätte sie bestimmt von Gott weggetrieben. Die wollte in ihrem Schmerz bestimmt nicht hören: „Kopf hoch, es wird schon wieder!“ Oder die andere, die blind war und um ihren Lebensunterhalt betteln musste: Die wollte bestimmt auch nicht zu mehr Frömmigkeit ermahnt und erzogen werden.

Und heute ist es doch genauso: Wir alle kommen aus unserem Alltag in die Kirche. Bei dem ein oder anderen war vielleicht die Woche gut und schön. Wir sind zufrieden und haben Tolles erlebt. Aber es gibt bestimmt auch Menschen hier, die sich Trost erhoffen: Die hören wollen, dass das, was sie zur Zeit erleben, auch zum Leben dazu gehört. Wem wäre geholfen, wenn Paulus sagen würde: „Glaube nur an Gott, dann wird schon alles gut?“
Das würde unsere Situation nicht treffen, denn wir haben durchaus erfahren, dass eben nicht alles gut wird. Zumindest jetzt nicht.
Paulus greift unser Leben auf. Und da gehört eben das Dunkle, die Trübsal und Trauer und Leiden dazu. Er braucht es nicht zu leugnen, weil er unser jetziges Leben im Kontext der Ewigkeit sieht.
„Wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.“ – schreibt er. Und ich stelle fest: Er hat recht. Wer sich an Christus hält, der muss manches erdulden:
Den Spott derer, die alles besser wissen, und die sagen: „Wer an Gott glaubt, kann auch gleich an den Klapperstorch glauben!“
Er muss hinnehmen, dass Gott nicht alles Böse von uns fernhält, sondern dass manchmal die Gottlosen besser leben können.
Wer sich an Christus hält, der muss viel aushalten. Aber zugleich hat er auch einen, der ihn aushalten hilft: Jesus Christus selbst, der in allem Leiden und Trübsal und Trauer dabei ist. Jesus Christus, der uns nicht fallen lässt, auch wenn sich alle anderen schon von uns abgewandt haben. Denn wer sich an Jesus Christus hält, der hat die Hoffnung: Die Hoffnung, dass Gott sich nicht von uns abwendet, sondern zu uns steht. Das ist für mich wirklich das Großartige an der christlichen Botschaft, viel mehr als alle Wunder und klugen Worte.

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