Beugen wir uns

Liebe Gemeinde,

Kirche – was hast du zu bieten …? Welche Figur machen wir, als die neue „Weingartenpächter“? Zur Zeit ist man wohl eher in eine tiefe Bußübung geführt. Katholische und evangelische Verantwortliche und Mitbrüder und Mitschwestern sorgen für Aufregung. Die stolze Kirche, lange Staat im Staate, die von Ministern Entschuldigungen per Ultimatum meint einfordern zu können, sie wird tief gebeugt. Ob sie es schon merkt? Oder ob alles dann doch wieder überspielt, ausgesessen, unter den Teppich gekehrt und verdrängt wird: „Es geht uns doch nicht wirklich was an. Wir schweben doch in viel höheren Regionen. Wir haben doch den Zugang. Wir sind die „Freunde Gottes“. Wir haben die Beziehungen zum Himmel. Es ist niemand, der uns letztlich das Wasser reichen könnte, keine Politiker, keine Welt, niemand.“ Oh, wie gefährlich, wie trügerisch: Heilsgewissheit instrumentalisiert, Gott verfügbar, Sklave menschlicher Dogmen – ihrer Lehren, ihrer Wunschvorstellungen. Bisher haben wir immer sehr mit ABSTAND und nicht ohne Geringschätzigkeit auf betrügende Wirtschaftsbosse, auf mehr oder minder korrupte oder eher wohl armselige Politiker herabgeschaut. Doch nun – auf einmal: Ans Licht gezerrt, den hechelnden Medien zum Fraße vorgeworfen, verrissen in aller Öffentlichkeit, nackt und bloß, lächerlich gemacht in den Karikaturen der Presse, verspottet an den Biertischen, verlacht von den Hassern. Von den Zurückgesetzten zerfleddert, die sich gern damit ihre ganze üble Situation verbessern, indem sie höher Stehende niedrig machen. Kirche – was hast du zu bieten? Wir haben nichts zu bieten? – Wenn, dann sind wir nur Beschenkte – und das noch unverdient. Was das Evangelium zutiefst bedeutet müssen wir schmerzvoll in solchen Erfahrungen buchstabieren.

Und doch. Und doch. Und gerade. Das Evangelium hat seine Kraft und hat seinen Wert. Es ist gut, davon zu reden. Es ist unverfügbar und doch groß und wertvoll. Paulus versucht es in seinem Brief an die Gemeinde in der damaligen Welthauptstadt Rom auf besondere Weise. Einen kurzen Abschnitt hörten wir heute in der Epistellesung. Wir sollen uns darüber besinnen. Zuerst einmal: Paulus ist noch nicht dort gewesen. Er hat die Gemeinde nicht gegründet. Aber er hat offenbar hohes Interesse, auch dorthin zu gelangen. Sein Brief ist sozusagen wie ein Bewerbungsschreiben. Man könnte sogar sagen, es ist wie eine würdige Doktorarbeit, mit der er sich präsentieren will. Das macht den Brief auch so grundlegend und gewaltig und manchmal auch so schwergewichtig. Hier packt er seine ganze Theologie rein, alles, was er kann und kennt und weiß.

Die ersten Kapitel beschreiben die Grundgedanken der Rechtfertigungslehre: Gerecht vor Gott nicht durch das Tun und das Erfüllen des biblischen Gesetzes, sondern durch den Glauben. Und wie dies möglich wird, nämlich durch das Opfer, das die Erlösung wirkt, durch Christus Jesus geschehen.

In dem Abschnitt, den wir heute bedenken, wird ganz genau an dem Punkt verweilt, auf den die Glaubenden durch diese Rechtfertigung gebracht sind. Paulus beschreibt es mit dem nüchternen und gewaltigen Wort: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.“ Es geht um diesen wundervollen und einmaligen Status. Das darf nicht zerredet oder klein gemacht werden. Das ist die ganze Gnade. Das ist die Mitte. Das ist das Wunder. Das ist die Nähe des Himmels. Das ist die Tür und der Weg in ihm, wie es Johannes sagen würde. Das ist Frieden Seligkeit, Zukunft und Heil. Darum will es Paulus auch hoch aufs Podest stellen. Das will er gerühmt wissen. Das ist Jubel und Mitte.

Und nun geht es aber auch weiter. Nachdem das Fundament beschrieben ist, kommt er zu dem, was noch und immer noch zu bereden ist: die Wirklichkeit der Welt. Wir stehen darin. Sie ist noch unerlöst. Sie ist real. Sie drängt an. Sie steckt auch in uns. Sie ist nicht wegzuträumen. Er verbindet das Jubeln über das Beglückende mit dem Rühmen auch über die Widerstände, die aufstehen. Er bindet beides aneinander. Er setzt es in Beziehung. Es ist die Erdung. Es ist noch. Es bringt sogar weiter. Es wirkt Reife, Bewährung. Bedrängnis wirkt Geduld. Diese Erfahrung übernimmt er schon von anderen, von Glaubenden, von den Alten, auch vor Christus schon. Wer geduldig trägt, bewährt sich. Es wächst ihm keine seelische Hornhaut. Aber er kann tragen und ist Belastungen offener. Solche Bewährung stärkt dann aber die Hoffnung. Das ist erstaunlich. Aber solche Hoffnung ist nicht wie der Schaum auf einem Getränk. Sie ist nicht luftig und flüchtig. Hoffnung, tragende, durch-tragende Hoffnung ist viel tiefer gegründet, stabiler, robuster. Sie ist es, weil sie aus der Praxis des bewährten Glauben wächst und reift. Es ist wie bei den Streben eines Zeltes. Mag eine Menge Stoff drum herum sein, die Stangen und Streben tragen das Zelt. Sie geben Halt und Stabilität. Sie sind noch viel wichtiger als die bunte Zeltbahnen, als lustig flatternde Wimpel. Nicht, dass dies schlecht sei, aber es ist äußerlich. Das Tragende steckt innen. Wichtig aber bleibt, dass aber selbst unser Glaube und unsere Hoffnung nicht das eigentlich Tragende ist, auch nicht unser Bewährtsein, sondern die Liebe Gottes, die ausgegossen ist „in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ Ich bin beschenkt. Ich bin getauft. Ich bin in Christus angenommen, Kind Gottes, frei und dennoch noch eingebunden in diese Welt. Das Rühmen über das Evangelium verkommt leider nicht zu selten zum Rühmen über die Großartigkeit der Kirche als Institution. Diese Sünde treiben die römisch-katholischen im ökumenischen Gespräch bis zum Exzess. Dieses Rühmen steckt auch in den notwendigen Äußerungen zur politischen Lage durch die leitenden Bischöfe unserer evangelischen Fraktion. Wir müssen sortieren. Gott führt uns in die Buße. Kirche – was hast du zu bieten …? Wir haben manchmal Erschreckendes zu bieten, alle Konfessionen, und wir sitzen sowieso für die Öffentlichkeit im gleichen Boot. Beugen wir uns und lassen wir uns wieder an das erinnern, dass wir nicht machen können, was uns gegeben ist, in Christus – und dass wir daraus tapfer leben – nach Kräften.

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