Von himmlischen Bedürfnissen und wahrem Bedarf

Liebe Gemeinde,

in der Klosterschule werden schon in der ersten Klasse Grundfragen des Glaubens verhandelt. Fragt ein Steppke die Lehrerin: Musste Jesus auch mal? Ja, sagt die Lehrerin, ja natürlich – aber nicht so oft.

Jeder erfahrene Pädagoge weiß, wie die Klorennerei den Unterricht in der Grundschule erheblich ins Stocken bringen kann. Steckt ein echtes Bedürfnis dahinter oder liegt es daran, dass der Unterricht so schlecht ist, und die schlauen Kinder sich einfach eine Auszeit in anderer Umgebung gönnen möchten, was ja auch ein echtes Bedürfnis sein kann.

Wie ich gelesen habe, gab es bei den letzten Tagungen der Landessynode mehrfach ernste Ermahnungen an die Abgeordneten, doch das Schwätzen, Kaffee- und Kuchenholen, sowie das Rausgehen während der Vorträge und Beratungen zu unterlassen. Auch in kirchlichen Kreisen kommt es immer wieder zu Konflikten mit den Bedürfnissen. Ist der bessere Mensch nicht ein Mensch, der seine Bedürfnisse zurückstellt um sich der Bedürftigkeit der anderen zuzuwenden? Besteht die Besserung des Menschen nicht auch in der Zurückweisung so mancher seiner Bedürfnisse? In fünf Minuten kommt der Gong, sagt die Lehrerin zum Steppke, das hältst du jetzt noch aus.

Wenn der Steppke groß ist, wird er sich freuen, dass er besonders eine evangelische Kirche hat, die alles tut und viel Geld ausgibt, um zu erfahren, welche religiösen Bedürfnisse er hat und alles tun will um sie zu erfüllen. Und er wird an diesem Beispiel eine allgemeine Wahrheit über unsere Welt lernen: Als Konsument kann der heutige Mensch gar nicht genug Bedürfnisse haben. Für jemand, der etwas herzustellen und anzubieten hat, sind so gut wie alle Bedürfnisse hinderlich, von Kinderkriegen, ausreichendem Lohn, Sehnsucht nach Heimat bis zum Schwätzen, Kaffee- und Kuchenholen und Rausgehen. Und vielleicht wird er finden, dass die besten Jahre seines Lebens doch die in der ersten Klasse waren.

Auch in unserem heutigen Predigttext stoßen wir auf jede Menge Bedürfnisse. Der Christus zeigt sich uns als wahrer Mensch, der in der Mittagshitze am Jakobsbrunnen wie alle Welt am Verdursten ist. Die Jünger sind ins nächste Dorf gezogen um etwas zu Essen zu organisieren und vielleicht noch einen kleinen Abstecher in die Herberge zu machen. Wer weiß. Wir nehmen auch angetan zur Kenntnis, dass die Bitte Jesu an die samaritische Frau, ihm zu trinken zu geben, nicht mit dem heute üblichen und feministisch korrekten Hinweis quittiert wird: Dort steht der Eimer

Und wir müssen auch nicht an die große Glocke hängen, dass Jesus und die Frau mehr trennt, als das Geschlecht. Ausländer ist man im großen Rest der Welt und die weltliche und religiöse Politik ist in Sachen Völkerverständigung noch nie besonders erfolgreich gewesen. Da sind es schon ehr die ganz menschlichen Bedürfnisse, die uns lehren sollten, dass man – Mann hin, Frau her; Jude hin, Samariterin her – gemeinsame Bedürfnisse hat und sich bei der Befriedigung derselben trotz aller Hindernisse durchaus behilflich sein kann. So fängt Frieden an.

Den will der Christus keinesfalls aufs Spiel setzen, wenn er weitere Anmerkungen macht. Es ist manchmal schon schwierig, wenn man mit dem Christus irgendwo sitzt, am Tisch oder in der Mittagshitze am Brunnen. Er kann einfach nicht den Mund halten und einfach essen und trinken. Er kann es nicht lassen, die anderen durch doppelte Böden krachen zu lassen und ihnen noch einmal eine neue Erfahrung mit ihrer Erfahrung zuzumuten. Gut, sagt er zum Wasser aus dem Jakobsbrunnen, aber es kommt noch besser!

Wenn der Christus solches in guter Tradition der Propheten tut, ist er immer in der Gefahr, als jemand angesehen zu werden, der sich für etwas Besseres hält. Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Mehr braucht der Mensch doch nicht. Basta und Schluss, sagen die Pharisäer zu den Neuigkeiten, die Jesus über das Himmelreich und seinen himmlischen Vater erzählt und befördern ihn in guter Tradition der Könige Israels wie so manchen Propheten aus dem Leben und aus der Welt. Und bringen sich so um das Beste.

Der Christus will die Frau am Jakobsbrunnen darauf aufmerksam machen, dass alle unsere Bedürfnisse über sich hinausweisen auf unseren eigentlichen Bedarf. Wer lebt, hat das Bedürfnis nach Wasser. So weit so gut. Ist das aber alles? Traust du dich nicht zu fragen, ob das denn alles gewesen sein kann? Suchst du, der du lebst, nicht nach dem wahren Leben, nach lebendigem Wasser, das jeden Durst stillt?

Zuviel des Guten, lächelt die Frau, und wo ist dein Eimer? Keineswegs zuviel des Guten, lächelt Jesus zurück. Und das lebendige Wasser kommt nicht aus einem tiefen Brunnen, sondern es sprudelt nur so in die Höhe, wie eine Quelle – und diese Quelle bin ich. Und eh du dich versiehst, sprudelt sie in dir und lässt dich überfließen in die Welt und ins ewige Leben hinein. Und du wirst gar nicht wissen, ob du es noch bist oder ich. Einfach prachtvoll und die reine Freude.

Und dann ist diese Geschichte beim Evangelisten Johannes auch schon wieder zu Ende. Am Ende ist sie deshalb freilich noch lange nicht. Sie verlangt weitergeschrieben zu werden: Von der Frau am Jakobsbrunnen, von den Jüngern, die mit vollen Taschen aus dem Dorf zurückkehren, von jedem von uns.

Was unsere Bedürfnisse sind, dass lernen wir im Lauf unseres Lebens nur zu gut. Was unser wahrer Bedarf ist, das müssen wir uns vom Christus und seiner Botschaft vom Himmelreich schon sagen lassen. Unsere Nöte und unsere Not wenden, dass kann nur der Christus selbst und nur der Christus allein.

Wenn er die wahre Quelle lebendigen Wassers ist, die in uns und über uns hinaus sprudelt im Himmel und auf Erden, dann greift eine evangelische Kirche zu kurz, die auf allerlei Weise versucht, in Zukunft wieder mehr Menschen in der Kirche zu beheimaten. Das Ziel unserer religiösen Bedürfnisse und das Ziel unseres Hungers nach wahrem Leben und nach Erfahrungen der Gottesnähe ist nicht die Kirche, nicht diese und jene Gruppe oder Persönlichkeit, nicht dieses oder jenes spirituelle Angebot, sondern der Christus selbst. Und deshalb braucht der Christus eine Jüngerschaft, die sich nicht selbst im Vertrauen auf ihre Kompetenzen als die richtige Adresse für Gottes Nähe ausgibt, sondern von sich wegweist und hinweist auf den, in dem Gott uns näher kommt, als wir uns selbst: Auf Christus allein.

Deshalb heißt die Aufgabe der Kirche nicht, Menschen in der Kirche zu beheimaten, sondern Menschen in Christus und in seinem Evangelium zu beheimaten. Deshalb ist es nicht Aufgabe der Kirche menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Menschen im Licht des Evangeliums aufzuklären über ihren wahren Bedarf und damit über den, der ihre Not wendet: Auf dass der Christus und sein Wort in uns Heimat findet und wir in ihm.

Das waren Menschen, die das begriffen haben, die z.B. die Kirche, in der wir heute sitzen, erbaut und seither erhalten haben. Diese Kirche ist nicht Ausweis kirchlicher Kompetenz und Attraktivität, sondern sollte und soll auch in Zukunft ein Sitzplätzchen bieten mit Ausblick auf den Christus und sein Himmelreich. Menschen, die das begriffen haben, blieben und bleiben hier auch nicht die ganze Woche über sitzen, sondern gehen hinaus auf ihren Platz im Leben, um für diese Welt und ihre Menschen da zu sein. Wo die Christusquelle in uns zu sprudeln beginnt, können nicht nur wir selbst etwas davon haben. Unbändig und unbedingt sucht sich dieses lebendige Wasser seinen Weg. Lässt sich nicht planen und kanalisieren durch Kirchenstrukturreformen. Bricht hervor, wie der Heilige Geist, und keiner weiß wo. So ist das nun mal und die Liebenden wissen es längst: Nur wer sich verströmt, findet das Leben und sich – mitten im Herzen Gottes.

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