Unverschämt

Liebe Gemeinde,

unverschämt war der Apostel Paulus nie gewesen. Er, der größte Missionar der ersten Christenheit fiel keinem mit der Tür ins Haus. Auch der Gemeinde in Rom nicht. Die war nämlich nicht auf dem Mist seiner Mission gewachsen, sondern anderweitig entstanden. Freilich möchte Paulus diese Gemeinde gerne besuchen und kennen lernen. Um sich vorzustellen schreibt er einen Brief. Den Brief an die Römer.

Es ist ein äußerst taktvoller Brief, der mit viel Einfühlungsvermögen in mögliche Ängste geschrieben ist. Zum Schluss versichert Paulus: „Dabei habe ich meine Ehre darein gesetzt, das Evangelium zu predigen, wo Christi Name noch nicht bekannt war, damit ich nicht auf einen fremden Grund baute“ (Röm 15/20f).. Keine Angst, liebe Christen zu Rom, ich komme nicht um zu sehen, ob ihr auch richtig missioniert worden seid, ich komme nicht, um euch richtig zu missionieren. Ich komme, um mit euch über Fragen des Glaubens zu reden, als Christ unter Christen, als Bruder unter Geschwistern.

Unverschämt ist der Apostel Paulus nie gewesen. Im Gegensatz z.B. zu den Zeugen Jehovas und Ihresgleichen. Die jeden, der nicht zu ihnen gehört, bekehren wollen, auf Teufel komm raus. Die ihre Opfer mit Bibelsprüchen bombardieren, sie in die Ecke treiben, ihre Schwächen und Notlagen ausnutzen, sie entwurzeln aus ihrem sozialen Umfeld und ihren Familien. Unverschämt auch, wenn christliche Gemeinden und Gruppen sich gegenseitig Mitglieder abwerben, indem sie andere schlecht machen, ihren Glauben anzweifeln, ihren Lebenswandel aburteilen. Unverschämt, wenn Baptisten, die doch zur evangelischen Allianz gehören, evangelische Gemeindeglieder wiedertaufen, weil sie ein anderes Taufverständnis haben. Unverschämt, wie der Papst in der Frage der Schwangerschaftsberatung den deutschen Katholiken die Kompetenz zu einer vor Gott verantworteten Gewissensentscheidung in dieser Frage abspricht. Unverschämt immer, wenn Menschen sich den Mantel des Evangeliums umhängen, um ihre Macht und ihren Einfluss zu mehren und ihre Finger in Dinge hineinstecken, die sie nichts angehen.

Es ist also ein Unterschied, liebe Gemeinde, zwischen dem, der sich des Evangeliums nicht schämt und dem, der im Namen des Evangeliums unverschämt ist. Gott sei Dank erkennt man letztere leicht daran, dass sie niemanden selig und froh machen, sondern viel innere Not und bedrückte Gewissen erzeugen, nicht in die Freiheit der Kinder Gottes, sondern in die Knechtschaft oder in die Verzweiflung führen.

Ich schäme mich des Evangeliums nicht. So schreibt Paulus. Nicht im Brustton überlegener Überzeugungskraft. Hier schreibt nicht einer, der Gott auf seiner Seite weiß und in seinem Namen zum Siegeszug antritt. Denn Paulus weiß, dass sein Auftrag ihn zu denen führt, für die der Schatz des Evangeliums erst in zweiter Linie bestimmt ist. Zu den Heiden. Zu denen, die wie die Hunde von den Brosamen leben, die von ihrer Herren Tisch fallen(Mt 15/27), wie die kanaanäische Frau zu Jesus sagt, als sie ihn um Heilung bittet und Jesus ablehnt. Erst da wendet sich Jesus der Heidin zu. Erst da begreift Jesus, dass seine Mission an Israel, dem auserwählten Gottesvolk nicht seine Grenze findet. Zuerst den Juden, schreibt Paulus denn auch – und dann den Griechen und uns.

Antisemitismus jedweder Art, reißt dem Evangelium und dem christlichen Glauben seine Wurzeln aus. Juden und Christen gehören zusammen. Sie sind Teil einer Heilsgeschichte. Das ist das große Thema des Römerbriefs. Und bis heute hat die Geschichte gezeigt, wie beide, jeder auf seine Weise, die frohe Botschaft von Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit brauchen. Noch schreit die Schuld der Mörder zum Himmel und der Schmerz ihrer zahllosen Opfer. Und während Filme und Ausstellungen an die Geschichte des 3. Reiches erinnern, marschiert schon wieder der braune Mob in den Straßen, der von all dem nichts wissen will. Zugegeben, diese Bilder zu sehen, diese Geschichte zu erinnern tut weh. Auch ich, der ich viel später geboren bin, kann sie nur mit betendem Herzen an mich heranlassen. Denn kein Mensch kann diese Geschichte bewältigen. Nur Gott kann das. Nur der Christus breitet seine Arme weit genug aus. Nur die Gerechtigkeit Gottes hat Macht, die Geschichte der Täter und Opfer aus dem Tod ins Leben zu reißen und heil zu machen. Nur Gottes Wort vollbringt, was es sagt. Unsere Worte sind Stammeln und Flickschusterei. Darum schäme ich mich des Evangeliums nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht, alle, die daran glauben.

Vielleicht ist es so, dass nur der Glaubende sich den Abgründen der Geschichte und den Abgründen seines eigenen Wesens stellen kann, hinsehen kann, wie Paulus das im berühmten 7. Kapitel seines Römerbriefs tut. Nur an die starke Hand Gottes genommen, vermag Paulus sich selbst, seine Angst und Verlorenheit wahrzunehmen. Nur weil Gott ihm neues Leben schenkt, kann er sein altes loslassen und bei Gott sein lassen, ohne daran zu verzweifeln.

Sagt uns das was? Im Blick auf die deutsche Geschichte des letzten Jahrhunderts vielleicht. Aber für unser persönliches Leben? Mögen wir uns in die Glaubenserfahrung eines Paulus einfühlen oder gar einfinden? Uns unserem eigenen Leben mit betendem Herzen nähern und schließlich sagen: Nur du Gott kannst etwas daraus machen, was gut ist und schön. Nur du hast die Macht?

Nun gut, vielleicht können wir es, dann und wann, auf dem Tiefpunkt vielleicht, wenn es gar nicht mehr weitergeht, im stillen Kämmerlein, voll Scham vor den anderen, heimlich heimgekehrt in die Welt der Bibel und ihrer Bilder und Mythen. Und wenn es uns dann wieder besser geht, dann schämen wir uns, so die Fassung verloren zu haben.

Und vor wem schämen wir uns? Vor dem großen Mythos des modernen Menschen, der alles schafft und alles kann, wenn er nur will. Vielleicht sollten wir das nächste mal statt die Knie zu beugen, lieber eins jener Managerseminare besuchen, wo alles solange: Ich bin der Größte, brüllt, bis sich Selbstvertrauen einstellt. Vielleicht sollten wir unsere nächste Spende der Gentechnik zukommen lassen, die dafür sorgen wird, dass unsere Urenkel wie Claudia Schiffer aussehen und einen Intelligenzquotienten wie Albert Einstein haben. Bis dahin wollen wir mit Furcht und Zittern dafür sorgen, dass wir nicht eines Tages zum Wohlstandsmüll gehören, der auf Kosten anderer leben muss.

Wohlstandsmüll! Selten hat ein Unwort dem Mythos vom modernen Menschen und seinen Wertvorstellungen so die Maske vom Gesicht gerissen. Hier hat einer vergessen seine Kreide zu fressen.

Aber vielleicht muss der Eissturm der Worte uns noch tiefer in die Herzen wehen, bis wir Heimweh bekommen nach der Sprache der Liebe, der Zuwendung, des Glaubens und der Hoffnung. Bis wir wie der verlorene Sohn Heimweh bekommen nach den Armen, in die wir uns auch einmal fallen lassen dürfen.

Das Evangelium spricht diese Sprache. Es wird Hunger sein, nach dieser Sprache und nach Gottes heilsamer Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Darum schämen wir uns für dieses Evangelium nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die froh und selig macht alle, die daran glauben.

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