Mehr Reichtum und Ehre hat keiner!

Liebe Gemeinde.

Das ist wahrlich ein provozierender Text. Und lang ist die Liste derer, die er zu Kritik, ja zu Spott und Hohn provoziert hat. Der heidnische Kritiker Celsus beruft sich auf ihn, wenn er das Christentum eine Religion der verdorbenen und ungebildeten Handwerker nennt, die Wirkung nur bei unwissenden Kindern und dummen Frauen erzielt.

Und wir gestandenen Kulturprotestanten, die zu diesen Gruppen nicht zählen wollen, haben es auch nicht leicht. Wir streben nach Macht und Geltung, Wissen, Verstand und Weisheit. Wir erwählen uns das Beste und die Besten, wenn wir die Wahl haben. Wir haben Ansprüche, auch an die Kirche und ihr Personal. Und dann kann es leicht sein, dass wir uns in der Szene wiederfinden, die der Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard süffisant beschreibt: "In der prächtigen Dorfkirche tritt der hochwohlgeborene, hochwürdige geheime General-Oberhofprediger auf, der auserwählte Günstling der vornehmen Welt, er tritt auf vor einem Kreis von Auserwählten und predigt gerührt über den von ihm selbst ausgewählten Text: "Gott hat auserwählt das Geringste vor der Welt und das Verachtetste" – und da ist niemand, der lacht."

Vielleicht ist ihnen das Lachen ja vergangen und uns auch, wenn wir feststellen, dass wir wohl gar nicht zu denen gehören wollen, die Gott sich nach den Worten des Paulus für seine Kirche erwählt, sondern lieber zu den anderen. Und da hilft auch keine fromme Mimikry, mit der wir uns ein bisschen kleiner, ärmer, elender, schwächer, verlorener und dümmer machen, als wir eigentlich sind. Das ist unter Christen sehr beliebt, aber Gott zumindest fällt darauf nicht herein.

Als wäre Dummheit, Schwäche, Ohnmacht, Verlorenheit und Verachtung durch andere, die Bedingung für die Erwählung durch Gott. Gott macht niemanden groß, nur weil er sich klein macht. Und nicht jeder Fromme, der Kritik und Spott erfährt, ist deshalb schon ein Heiliger und Märtyrer. Vielleicht hat er beides wirklich nötig und verdient.

Liebe Gemeinde, die Bedingung für die Erwählung durch Gott ist Gott selbst. Das ist es, was Paulus sagen will. Es gibt wirklich nichts, keine Bedingung, die wir erfüllen könnten, um Gott seine Wahl zu erleichtern. Keine Eigenschaft können wir mitbringen und entwickeln, an der Gott anknüpfen könnte. Wir können nichts schaffen, aus dem Gott noch etwas Besseres machen könnte und wollte. Gott schuf unsere Welt aus dem Nichts! Gott schafft seine Kirche aus dem Nichts! Gott allein, Jesus Christus allein, sein Wort allein! Paulus geht es um die Souveränität Gottes und um die Souveränität des Heilandes Jesus Christus. Nur eine Kirche in der Gott Souverän ist und bleibt, gibt ihm die Ehre und hat in sich Bestand.

Das hören all die natürlich nicht gerne, die selbst souverän sein wollen, oder von anderen dafür gehalten werden. In Korinth gab es damals gleich mehrere hochwürdige, geheime General-Oberhofprediger, die ihre ausgewählte Jüngerschar um sich sammelten und von diesen ihrerseits zum Oberprediger erkoren wurden. Korinth ist das erste und beste Beispiel dafür, wie Personalgemeinden die Kirche spalten, zerreißen und an den Rand des Untergangs führen können. Und die Kirche hat diesen Fehler nicht nur einmal gemacht. Päpste und Gegenpäpste fochten im Mittelalter mit Waffengewalt aus, wer der wahre Stellvertreter Christi auf Erden ist. Was für ein Irrsinn. Gott braucht keine Stellvertreter auf Erden, sondern Botschafter an Christi Statt (2.Kor. 5,20). Die sind Botschafter seiner Souveränität, die keine andere neben sich braucht und duldet. Und der beste Beweis dafür ist, dass es die Kirche auch nach 2000 Jahren noch gibt, trotz ihrer hochwürdigen, geheimen General-Oberhofprediger und ihrer gigantischen Irrtümer.

Und deshalb ist es müßig, ausmachen zu wollen, wo heute diejenigen sind, die in der Wahl Gottes übergangen werden, ja zunichte gemacht werden. Die Umwertung aller Werte durch das Evangelium, für die unser heutiger Predigttext herhalten soll, treibt in unseren Händen immer giftige Blüten. Gott wertet um, nicht wir! Ein buntes, multikulturelles Völkchen mit schnell wechselnden Moden und Ansichten, so wandert die Christenheit durch ihre 2000 Jahre lange Geschichte. Und was gestern noch galt, stimmt schon heut oder morgen nicht mehr. Was geblieben ist und bleibt, ist der Stern, der an Epiphanias über Bethlehem aller Welt erscheint und seitdem vor seiner Kirche herzieht: Jesus der Christus.

Von ihm kommt das Licht, dass alles überstrahlt, was wichtig sein soll und sich in Wahrheit oft nur selbst wichtig machen will. Lassen wir dieses Licht ruhig einmal fallen auf die Debatten, die in unseren Gemeinden, Kirchenvorständen oder anderswo über das Thema Kirche geführt werden. Da ist der eine Pfarrer zu links oder zu rechts oder zu politisch, zu modern oder zu altmodisch, zu einfallslos oder zu kompliziert, zu faul oder zu fleißig, aber an der falschen Stelle und auf jeden Fall nicht so angezogen, wie man das von einem Pfarrer erwartet. Da lässt das Gemeindeleben hier und da zu wünschen übrig und eine solche Mitarbeiterin ist für eine Kirchengemeinde nicht tragbar. Da werden oft Debatten vom Zaun gebrochen und durch den Blätterwald gejagt, als ginge es um den Untergang der Kirche. Und da ist niemand, der lacht!

Seht doch, liebe Geschwister, auf eure Berufung, auf den Stern, der auch über euerem Leben leuchtet, auf Gott allein, auf Christus allein, auf sein Wort allein, dann werdet ihr, dann wird die Kirche ihren Weg finden.

So wie ihr eueren Weg schon oft gefunden habt. Was war das, was eueren Lebensweg ausgemacht hat und was euch schließlich heute hierher in diese Kirche gebracht hat? Euer Geld, euer Einfluss, euer Wissen, euere Weisheit oder euer Verstand? Ach, wir alle kennen doch Dunkelheiten, wo uns das alles nicht mehr weiterhilft, wo uns das, was wir für so erstrebenswert halten, so wichtig erscheint, wie es wirklich ist. Wo wir die Umwertung aller Werte am eigenen Leibe erfahren müssen. Dunkelheiten, wo wir uns erloschen finden und einen anderen brauchen, der uns leuchtet: einen Stern in der Nacht, einen Gott, der uns aus dem Nichts wieder ins Leben ruft. Da wissen wir – und wissen nichts anderes: Der Souverän über unser Leben sind nicht wir selbst sind, sondern ein anderer.

Schaut hinein, in die Erinnerung eueres Herzens! Und dann beweist euch, dass es nicht Gott war, der euch in diesen Stunden gerufen und berufen hat und darüber hinaus so viele Male durch sein geschriebenes und gepredigtes Wort! Er war es, der euch gerufen hat! Und weil er es war, kann euch diese Berufung niemand nehmen.

Lasst sie euch nicht verstellen von Reichtum, Einfluss, Ansehen und all den anderen Eitelkeiten, die mit euch, allen General-Oberhofpredigern und dieser Welt vergehen. Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn! Oder mit Paulus, der die höchste Auszeichnung seines Menschenlebens in den schlichten Satz fasst: Aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin (1.Kor. 15,10).

Mehr Reichtum und Ehre hat keiner!

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