Maßloser Glaube

Liebe Gemeinde,

auch im Evangelium für den heutigen Sonntag wird von einer Hochzeit berichtet. Der Evangelist Johannes erzählt im zweiten Kapitel seines Evangeliums, wie Jesus auf der Hochzeit zu Kana erhebliche Mengen Qualitätswein aus Wasser herstellte und das, obwohl die Gäste dem Wein schon ordentlich zugesprochen hatten. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn. (Joh 2,11) Die Einschätzung der schwäbischen Pietisten ist freilich eine andere. Wer im Ländle lebt oder studiert hat, weiß, was die zu diesem Weinwunder sagen: „Sei beschts Stückle is des net gwese!“

Als wir vor einiger Zeit sechs Abende zum Thema „Die Bibel und der Wein“ mit Gottesdienst und anschließender Weinprobe veranstalteten und Presse und Rundfunk darüber berichteten, bekamen wir Post. Darunter auch solche mit steil erhobenem Zeigefinger. Als Christen hätten wir, im Hinblick auf die Gefahren des Alkoholismus, als leuchtendes Beispiel voranzugehen und abstinent zu leben. In den Bechern, die Jesus geleert habe, sei nach historisch-kritischer Forschung in Wahrheit nur Traubensaft gewesen.

Ja, wir geben es zu: Das schlechte Gewissen verging uns erst nach dem zweiten Schoppen und zum Rauchen standen wir draußen in der finsteren kalten Nacht um die Ecke, damit uns keiner sah. Man muss heute ja kein knochenharter Pietist sein, um mit ständig schlechten Gewissen zu leben. Längst hat sich in unserer Gesellschaft das oberste Gebot durchgesetzt, dass der Mensch gefälligst schön und gesund zu sterben habe. In jedem Fall hat er aber nachzuweisen, dass er an seinem Ableben nicht selbst schuld ist. Sonst kann er mit keinerlei Mitgefühl und keinerlei Nachsicht rechnen.

Scherz beiseite. Jesus ist es offensichtlich nicht viel besser ergangen. Einen „Fresser und Weinsäufer“ hat man ihn gescholten. (Lk 7/34) Jedem Menschen recht getan, ist eine Kunst, die auch Jesus nicht kann. Darauf kommt es ihm freilich gar nicht an. Jesus nimmt in den Blick, was unser Leben bestimmt und was unser Leben bestimmen soll. Motto ist wohl nicht das richtige Wort. Jesus geht es um den Horizont des Lebens.

Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden. (Psalm 90,12) Auch das ist ein Stück biblischer Weisheit. Der besorgte Arzt weiß, was uns umbringen kann. Die Wellnessbranche will uns fit und jung und schön erhalten, solange es eben geht. Der fromme Pharisäer weiß, was mit denen geschieht, die Gottes Willen nicht tun: Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen, und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen. (Psalm 90,7) Auch der moderne christliche Fundamentalist weiß um die ewige Verdammnis und den ewigen Tod und wird so zu jedem Opfer bereit. Und der hedonistische Fundamentalist frisst und säuft heute, was reingeht, denn morgen ist er tot.

Alle haben sie einen großen Ratgeber und einen letzten Horizont im Leben. Das ist der Tod. Sie handeln als Bedrohte. Was sie im innersten bewegt ist die Angst vor dem Tod. Hier treffen sich trostlos maßloser Lebensgenuss und maßlose Lebensverleugnung, Glaube und Unglaube. Wer hätte das gedacht.

Erwarten wir vom Christus nicht, dass er uns maßvollen Lebensgenuss und maßvollen Verzicht empfiehlt. Der Christus stellt unser Leben in einen neuen Horizont. Und dieser Horizont ist nicht einfach das Leben. Dieser Horizont ist das Leben, weil der Christus im eigentlichen Sinne das Leben ist. (Joh 14,6) Der Christus stellt unser Leben in sein Licht. Der Christus ist der Horizont unseres Lebens. Und von daher erhalten alle Dinge, alles, was wir tun und unterlassen, einen neuen Schein.

Georg Güntsch, früher Pfarrer der Bayerischen Landeskirche und jetzt Bischof der deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine schrieb in seinem Neujahrsbrief:

Viktoria ist Gemeindeglied in Odessa. Am 20. Dezember wäre sie 35 Jahre alt geworden. Einige Tage davor starb sie. Beim Trauergottesdienst auf dem Friedhof sehe ich bei geöffnetem Sarg auf ihr schönes Gesicht. Ich spreche Worte der Liturgie: „Wir wollen Abschied nehmen von Viktoria.“

Plötzlich ist mir bewusst: Viktoria heißt Sieg. Ich muss denken: Wo ist hier Sieg? Krebs zerstört ein junges Leben. Ich lese weiter: „Wer sie lieb gehabt und geachtet hat …“ Neben dem Sarg steht ihre Mutter. Sie umarmt und küsst ihre tote Tochter. Daneben stehen einige Gemeindeglieder. Mit einigen von ihnen hatte sie einen Bibelkreis begonnen. Sie haben sich in den letzten Wochen rührend um sie gekümmert. Auch mein ukrainischer Kollege Groß, der meine Worte übersetzt. Wo ist hier Sieg?

„Wen sie lieb gehabt hat, …“ Ach, sie hat nie aufgehört zu lieben. Sie war mit einem Priester verheiratet. Er war untreu. Die Ehe wurde geschieden. Sie wurde Mutter von Zwillingen. Sie starben, weil es im Krankenhaus des Dorfes, in dem sie wohnten, nicht die notwendigen medizinischen Mittel hatte. Sie war eine Gott-Sucherin ihr Leben lang. Auch auf ihrem Weg in die Kirche, die ihr zur Heimat wurde. Sie wuchs orthodox auf. Sie war in der Heilsarmee. Sie freundete sich mit unserer Kirche an. Sie war begabt, belesen, gebildet. Sie wollte als Missionarin wirken. Noch bei ihrem letzten Krankenhausaufenthalt bezeugte sie den Ärzten ihren Glauben. Das erzählte sie, als ich sie zu Abendmahl und Krankensalbung besuchte. Sie wäre gern Prädikantin unserer Kirche geworden. Wo ist hier Sieg?

„Wer ihr etwas schuldig geblieben ist an solcher Liebe …“ Sie selber sagte vor kurzem: „Ich kann mich an gute Zeiten nicht erinnern. Es gab keine guten Zeiten für mich.“ Sie kannte ihren Vater nicht. Sie wurde oft enttäuscht. Ich denke zu Gott hin: Gott, bist du ihr nicht ein befriedigendes Leben schuldig geblieben? Ich weiß im selben Augenblick: Sie würde ein solches Gebet nicht wollen. Sie würde sagen: Mein Glaube ist mein Sieg.

Der Sarg wird verschlossen und zum Grab getragen. Ich singe wieder Worte der Liturgie … „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten, die heiligen Märtyrer dich begrüßen und dich führen in die heilge Stadt Jerusalem. Der Chor der Engel möge dich empfangen, und durch Christus, der für uns gestorben, soll ewiges Leben dich erfreuen.“

Als ich zu den Worten „Erde zur Erde…“ drei mal mit den Händen (eine Schaufel sehe ich nicht) Erde ins Grab werfe, bin ich erstaunt, dass alle plötzlich mithelfen. So sind sie es gewohnt. Sie bücken sich oder knien sich nieder und werfen Erdbrocken ins Grab – bis das Grab ganz aufgefüllt ist. Abschied nehmen ist handgreiflich, schmerzlich, schwer. Aber dann wird das Zeichen des christlichen Sieges, das Kreuz, in die Erde gepflanzt. „Pass auf, es steht schief“, ruft ein Gemeindeglied, ganz aktiv beteiligt, dem Friedhofswärter zu.

Auf dem Rückweg aus dem Friedhof sehe ich, dass vor vielen Gräbern Bänke und Tische stehen. Angehörige besuchen ihre Verstorbenen. Sie scheuen sich nicht, vor ihnen, mit ihnen zu essen und zu trinken. Sie glauben an die Gemeinschaft der Lebenden und der Toten, der leidenden, streitenden und der erlösten, feiernden Kirche.

Viktoria ist für mich ein Symbol unserer Kirche: Viel Leid und Verfolgung. Wenig äußere Siegeszeiten. Viele Enttäuschungen und Schicksalsschläge, die zweifeln lassen. Kann eine Kirche mit dieser Geschichte und mit diesen Problemen auf eine gute Zukunft hoffen? Das Kreuz bringt uns Zuversicht. Christus wurde gekreuzigt. Keiner erwartete seinen Sieg. Christus ist auferstanden. Und auch die Kirche, die unsere und die geglaubte, die eine, heilige, allgemeine, christliche Kirche wird immer wieder durch den Tod zum Auferstehen kommen.

Darauf sagen wir nichts mehr, als: Amen.

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