Man kann ja nie wissen!?

Liebe Gemeinde

mit ihr zu verreisen war immer ein Vergnügen der besonderen Art. Eine Woche vorher fing sie zu packen an, füllte einen Koffer nach dem anderen mit allem, was sie für nötig hielt. Wir fahren in den Süden sagte ich zu ihr, da brauchst du keine Pullover. Man kann nie wissen, sagte sie mit Verachtung in der Stimme für meine Blauäugigkeit. Wenn sie fertig gepackt hatte, war sie jedes Mal gerüstet für jede Expedition an jeden beliebigen Ort der Erde zu jeder Jahreszeit. Ich hatte mir schon vor Jahren einen dieser Kleinlaster für Großfamilien zugelegt, obwohl wir keine Kinder haben, nur damit genug Platz für ihre Koffer war. Wenn es mit dem Flugzeug in die Ferien ging, machte ich mich auf eine saftige Sonderzahlung für übergewichtiges Gepäck gefasst. Und der Leser ahnt, wie viele Koffer wir jedes Mal ungeöffnet vom Urlaub wieder nach Hause brachten. Aber wie gesagt, man kann ja nie wissen …

Man kann ja nie wissen, auch nicht, ob man in den Himmel kommt. Und bevor wir den Worten Jesu in unserem heutigen Predigttext unmäßige Härte vorwerfen, seien wir an Situationen erinnert, in denen sich unser Mitleid doch sehr in Grenzen hält. Z.B. wenn einer mit leerem Tank am Straßenrand steht, weil er allen Warnungen seiner Tankanzeige zum Trotz an der letzten Tankstelle vorbeigefahren ist, oder bei der Reifenpanne feststellt, dass das Ersatzrad bereits gewechselt wurde. Schneeketten vergessen und warme Decken, Handyakku nicht geladen, Versicherung nicht bezahlt. Kein Öl mehr in den Lampen, wie bei den fünf dummen Jungfrauen (Matthäus 25/1ff.). Prost Mahlzeit und recht geschieht’s ihnen!

Neigen wir im alltäglichen Leben nicht dazu, erst einmal unsere Haut zu retten? Sollten wir da in Glaubensdingen nicht auch erst einmal unser eigenes Schäfchen ins Trockene bringen? Z.B. am Buß- und Bettag, wo ja vor allem der harte Kern der Gemeinde versammelt ist?

Die Sache hat nur einen Haken: Diese Worte von der engen Pforte entstammen der Bergpredigt (Matthäus 7/13) und die war keine Predigt vor dem versammelten Volk, wie der Name glauben macht. Auf dem Berg um Jesus war der harte Kern seiner Anhänger versammelt, seine Jünger (vgl. Matthäus 5/1).

Jesus weist ihnen damit nicht den Platz neben der engen Pforte an, an dem die, die den Weg gefunden haben, ihren erhobenen Zeigefinger in die Welt hinaushalten. Jesus erlaubt uns am Buß- und Bettag nicht, mit 180 Sachen an den vermeintlich Doofen am Rand des breiten Wegs, dem „highway to hell”, vorbeizufahren.

Jesus warnt gerade uns, seine Jünger, erstens vor einer selbstgefälligen und überheblichen Selbstsicherheit nicht nur in Glaubensdingen und entlässt uns zweitens nicht aus der Solidarität mit denen, die verloren gehen können.

Gerade in unsicheren Zeiten, gerade wenn die Kirchenaustrittszahlen steigen, die Zahl der Kirchenmitglieder auch aus anderen Gründen sinkt und uns der Wind kalt und steif ins Gesicht bläst, ist die Gefahr der Selbstsicherheit in der Kirche besonders groß. Die Gefahr, dass wir unsere Existenz jenseits unseres Glaubens und unseres Herrn selbstgefällig selbst sichern wollen. Was dabei herauskommt, ist eine höchst angestrengte, hecktisch betriebsame Kirche der gefällig strukturierten Oberfläche. Eine Leuchtfeuer und Eventkirche mit streng hierarchisch organisierter Medienpräsenz.

Dass die Kirchen in ökumenischer Einigkeit beim Bundesverfassungsgericht gegen den Ausverkauf des vom Grundgesetz geschützten Sonntags klagen, haben wir mitgekriegt. Wo aber war der Aufschrei am vergangenen Volkstrauertag, der in Hof zum ersten verkaufsoffenen Adventssonntag umfunktioniert wurde. Mit Werbung am Ortseingang auf der eine schnieke Weihnachtsmieze zu sehen war, während der Bundespräsident in der neuen Wache in Berlin mit ernster Miene Kränze für die Opfer von Krieg, Terror und Gewalt niederlegte. Man werde in Hof diesem Tag gerecht, indem man auf das große Event verzichtet, sagte ein Vertreter des Einzelhandels, der ehrenamtlich Kirchenvorsteher ist. So einfach geht das zusammen: Die enge Pforte und der breite Weg von dem Jesus in der Bergpredigt spricht. Wen stört’s? Unendlich ist unsere Sehnsucht, dass doch alles unter einen Hut zu bringen sei, mit ein bisschen Wortkosmetik und geschicktem Wertemanagement. Christlich wollen wir doch sein und gut soll‘s uns doch auch gehen.

An was werden unsere Mitmenschen denken, wenn sie Evangelische Kirche hören? An das Evangelium von Jesus Christus oder an jene unerbittliche Nettigkeit, mit der wir uns bald diesem und bald jenem andienen in der ständigen Angst jemandem weh zu tun? Da dürfen dann auch die Missklänge im eigenen Haus, etwa in der Diakonie, nicht stören. Alle Mitarbeiter haben Schweigepflicht, und man weiß nicht so recht, ob damit die gute Pflicht des Schweigens gemeint ist, mit der man Menschen schützt, oder die bedrohliche Aufforderung zum feigen Schweigen über Missstände. Es könnte sonst vielleicht den Arbeitsplatz oder die Existenz kosten. Und da merken wir: Wie wir ankommen und unser Schäfchen ins Trockene bringen, ist auch uns in der Kirche oft wichtiger, als das, was wir weiterzugeben und wofür wir zu stehen haben. Und gerade so werden wir als Christengemeinde unglaubwürdig und kommen um so schlechter an.

Einer ist unser Richter: Jesus Christus. Und der schickt uns alle hinaus, seine Botschaft auszurichten: Die Botschaft, dass wir unsere Existenz auf Erden und im Himmel nicht selbst sichern können, sondern nur und allein im Vertrauen auf unseren Herrn Jesus Christus. Und was wir zu verkündigen haben, sollen wir auch leben, indem wir selbst immer wieder durch die enge Pforte des Glaubens, des Vertrauens und der Wahrheit gehen, statt unsere Koffer vollzupacken mit etwas für jeden und jede Situation. Wer so viel Gepäck trägt, passt auf die breite Straße menschlicher Selbstsicherheit und menschlicher Selbstüberschätzung, passt aber durch keine Tür mehr und schon gar nicht durch die enge Pforte des Glaubens und Vertrauens, an die Jesus seine Jünger weist. Die dürfen mit leichtem Gepäck reisen, wie die Seligpreisungen Jesu es beschreiben (Matthäus 5/3-11).

Zu diesem Vertrauen müssen wir mit den Jüngern Jesu immer wieder hinfinden. Und da liegt es auf der Hand, dass wir uns deshalb auch niemals aus der Solidarität mit denen, die von solchem Vertrauen nichts wissen und von solchem Vertrauen nicht leben, verabschieden können. Leider gab und gibt es auch jene Form kirchlicher Solidarität mit der Welt, bei der man sich zwei Blinde vorstellen muss, die innig händchenhaltend auf ein großes Loch zumarschieren.

Das ist gewiss nicht die Solidarität die Jesus meint. Er ist für eine kritische und darin menschenfreundliche Solidarität. Eine Solidarität, der das Schicksal des anderen nicht egal ist. Eine Solidarität, die sich vor den Abgrund hinstellt, auf den die Welt immer wieder Kurs nimmt; eine Solidarität, die sich vor einen Menschen hinstellt, dem Übel mitgespielt wird, auch auf die Gefahr hin, dabei umgerannt zu werden. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Johannes 3/16f.)

Das ist die Solidarität Gottes mit seiner Welt. Sie verschweigt uns und der ganzen Welt nicht, dass sie dringend Rettung braucht. Und lässt sie dennoch nicht am Straßenrand stehen und auf den Abgrund zumarschieren, auch wenn’s ihr recht geschieht. Daran haben wir Maß zu nehmen.

Und dürfen trotzdem mit leichtem Gepäck unterwegs sein. Auch den überdimensionalen Erste Hilfe Koffer für alles und jedes brauchen wir nicht. Nicht wir retten die Welt. Aber unser Herr Jesus Christus. Wir können nie wissen. Aber er weiß. Ihm zu trauen bringt uns immer auf den richtigen Weg.

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