Gott sprach das große Amen?

Liebe Gemeinde,

da schau her! Antisemitismus in der Bibel! Das muss uns in diesen Tagen, wo vor nicht mal zwei Wochen Hunderttausende gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit auf die Straße gegangen sind, besonders ins Auge springen. Die Juden – Satans Synagoge. Ein gefundenes Fressen für junge und alte Judenhasser. Damals im 3. Reich ein gefundenes Fressen nicht nur für die Nazis, sondern – Gott sei’s geklagt – auch für evangelische Pfarrer und Theologen, die deshalb den irrwitzigen Nachweis eines damals berühmten Neutestamentlers dankbar aufnahmen, dass Jesus in Wahrheit nicht Jude, sondern Arier gewesen sei.

Viel weiter zurück führt uns unser heutiger Predigttext, in die Jahre 80 bis 95 nach Christus. Es ist die Regierungszeit des gottgleichen Kaisers Domitian, der unter anderem auch dadurch berühmt wurde, dass er Christen systematisch verfolgen ließ. Smyrna war eine Stadt an der Küste der heutigen Türkei. Dort war eine christliche Gemeinde entstanden. Arm war sie gewesen, wie unser Predigttext weiß. Auch eine jüdische Gemeinde lebte am Ort und es kam vor, dass jüdische Gemeindeglieder zum Christentum übertraten. Neid entstand und einige konnten der Versuchung nicht widerstehen, der christlichen Gemeinde Schaden zuzufügen. Man brauchte Christen nur bei den Römern zu denunzieren und sie verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Der Brief an Smyrna ist ein Brief an Menschen, die jeden Tag den möglichen Tod vor Augen haben. Vielleicht hatte dabei der ein oder andere Jude damals die Endlösung der Christenfrage im Sinn, wie einige Jahrzehnte vorher schon ein gewisser Saulus, der auch ein Christenhasser und Christenverfolger war, bevor er zum Paulus und zum großen Missionar und Botschafter Jesu Christi wurde.

1800 Jahre später waren es dann Christen, die Juden denunzierten, die von der Endlösung der Judenfrage nicht nur träumten, sondern sie mit sechsmillionenfachem Mord ins Werk setzten. Und es hat auch bei Christen der Versuch nicht gefehlt, zumindest die Richtung dieses entsetzlichen Tuns biblisch zu begründen. Die Juden aus der Synagoge des Satans! Da schau her! Antisemitismus in der Bibel.

Liebe Gemeinde, für Vorurteile, Fehlurteile und die eigenen politischen Ziele, lässt sich die Bibel nur gebrauchen, wenn man sie wie einen Zettelkasten liest und ihr Gewalt antut. Hut ab vor diesem Brief an die todgeweihte Gemeinde in Smyrna, der noch in der größten Bedrohung zu unterscheiden weiß zwischen wirklichen Juden und angeblichen Juden, die in Wirklichkeit in die Synagoge Satans eingetreten sind. Die Kirche des Satans hat weite Tore. Juden treten ein, die Christen hassen und vernichten und Christen treten ein, die Juden hassen und vernichten. Und der Teufel schreckt nicht einmal davor zurück, Menschen zu solchem Denken und Tun im Namen Gottes oder Allahs einzuladen und zu allem fähig zu machen. Der Teufel ist vor allem ein engstirniger und hartherziger Fundamentalist. Das jeweilige Glaubensbekenntnis ist ihm dabei wurscht. Für Gott, für Führer, Volk und Vaterland? Alle lassen sich für seine Zwecke missbrauchen. Auch wenn der Teufel keine Krone des Lebens zu verleihen hat, sondern nur metallene Orden und Heldengedenksteine.

Gott unterscheidet. Er lässt sich in keine Ideologie verrechnen. Er behält sich alleine vor festzustellen auf welcher Seite er steht und wer auf seiner Seite steht. Und er tut das von der ersten bis zur letzten Seite der Bibel in großer Treue zu sich selbst: Gott steht auf der Seite der Ohnmächtigen, der Trauernden, der Verzweifelten, der vom Tod Bedrohten. Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut, spricht der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden. Der auferstandene Christus lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, auf welcher Seite er steht. Kein Leid geschieht auf dieser Welt, keine kleine und große Niedertracht, keine kleine und große Grausamkeit, die er nicht ganz genau wahrnimmt. Der Christus hat scharfe Augen und sein Herz ist ein Seismograph für alles Leid. Dort wo der Tod unabwendbar nach seinen Kindern greift, spricht Gott nicht das große Amen, wie dümmliche Traueranzeigen suggerieren, sondern sein großes Nein! Und macht aus der Todesstunde die Geburtsstunde zum ewigen Leben.

Das ist die Botschaft an die Gemeinde in Smyrna, in der viele in den sicheren Tod gehen. Das ist die Botschaft zum heutigen Volkstrauertag, zum Totensonntag, an dem viele von uns an den Gräbern geliebter Menschen stehen und auch dort den sicheren Tod vor Augen haben. Auch den eigenen. Schon ist ja mit dem geliebten Menschen ein Stück des eigenen Lebens für immer verloren gegangen. Der Schmerz der Trauer lässt deshalb auch den eigenen Leib und die eigene Seele verschmachten (Ps 73/26). Welche noch so aufrichtige Anteilnahme kann das schon ermessen?

Der Christus kann es ermessen. Seine Botschaft an Smyrna und an uns ist nicht billiger Trost. Diese Botschaft besteht aus durchlittenen Worten. Wenn alle Beileidsbriefe nicht trösten oder längst in den Papierkorb gewandert sind, bleibt dieser Brief an die Gemeinde in Smyrna, bleiben die Worte des Christus: Fürchte dich nicht vor dem, was du leidest. Ich habe es ermessen. Ich bin bei dir. Ich will dir die Krone des Lebens geben.

Und wir dürfen noch mehr sagen. Der Christus hat unser Leid nicht nur ermessen. Er hat es auch bemessen. Zehn Tage werdet ihr Trübsal haben. Die Zehn ist eine symbolische Zahl. Die Zahl der Vollendung. Sie sagt: Euere Leideszeit ist bemessen. Bald schon vollendet und abgeschlossen. Der, der tot war und wieder lebendig wurde garantiert dafür.

Deshalb wird heute am Volkstrauertag dieser Brief an die Gemeinde in Smyrna weitergegeben und gepredigt; an die Trauernden um sie zu trösten; an die, die mit Trauernden leben auch. Ein Brief der zeigt, wie Christus mit Menschen umgeht, die den Tod vor Augen haben. Er steht auf ihrer Seite. Er lässt sie nicht allein. Er nimmt ihren Schmerz sehr genau wahr.

Über den Tod hinaus ins Leben führten kann nur er. Aber genau hinsehen, den Anblick des Todes aushalten, die Klage ernst nehmen, einander begleiten, das können wir auch. Wo Menschen das tun, Juden und Christen, da stehen sie auf Gottes Seite, denn es ist Gottes Sache, auf der Seite der Trauernden zu stehen.

Heute fragen viele, ob denn wirklich noch daran gedacht werden muss, was vor 60 Jahren in Deutschland geschah. Es muss daran gedacht werden, liebe Gemeinde! Es muss genau hingesehen und der Anblick dieses unendlichen Leids ausgehalten werden. So lange die Grabsteine und Gedenkstätten dieser Zeit nicht zerfallen sind, stehen sie für Gesichter von Menschen, die waren, wie wir. Juden, deren Leben gemein und willkürlich zerstört wurde. Gott erinnert sich an jedes Gesicht. Er steht auf ihrer Seite. Er spricht zu solcher Geschichte sein lebenschaffendes Nein! und nicht das große Amen. Wie könnten wir es dann tun?

Totengedenken und Erinnerung an böse Geschichte ist deshalb keine lästige Pflicht. Wir sollten uns diesem Gedenken nicht entziehen durch den vorzeitigen Gang auf den Weihnachtsmarkt. Denn dieses Gedenken ist Ausdruck unseres Glaubens und unserer Hoffnung. Als Dietrich Bonhoeffer am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg nackt vor seinem Galgen stand, trat sein Henker neben ihn und sagte: Tja, Dr. Bonhoeffer, das ist das Ende! Und Bonhoeffer sah dem Gehilfen des Todes, diesem Meister aus Deutschland (Paul Celan: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland."), fest in die Augen und sagte: Nein, für mich der Beginn des Lebens. Was für ein letztes Wort!

drucken